Mindestens drei (nicht unwichtig zu erwähnen: US-amerikanische) Filme des vergangenen Jahres ließen ihre Protagonisten vollständig im Exzess aufgehen: Vom besinnungslosen Partyurlaub („Spring Breakers“), rauschhaften Promi-Villen-Tourismus („The Bling Ring“) und kriminellen Testosteronüberschuss („Pain & Gain“) ist es gar kein so weiter Weg zur verbrecherischen Dekadenz des Finanzmarktes. Und darin suhlt sich Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ genüsslich.

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Koks, Nutten, Wichse

Den Anweisungen des fönfrisierten Börsenmaklers Mark Hanna (Matthew McConaughey) zufolge braucht es nicht viel, um an den Kapitalmärkten der Wall Street das ganz große Geschäft zu machen: Kokain und Nutten seien die wesentlichen Schlüssel zum Erfolg, und nur auf Drogen könne man diesen „gottverdammten Job“ erledigen. Auch Wichsen hält Hanna für essentiell, nach Möglichkeit mindestens zwei Mal täglich. Das Blut, der Kreislauf, die Selbstertüchtigung – Sperma als Motivation.

The Wolf of Wall Street - Koks, Nutten, Wichse

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Kinn raus, Finger hoch: Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) weiß, wie er seine Kollegen zu guten Betrügern heranziehen kann.
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Zum Business selbst gibt es da eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Schnell das Telefon wählen, schnell zum Punkt kommen, schnell unnütze Wertpapiere an den kleinen Mann bringen, das fasst sein Geschäft ganz gut zusammen. Niemand wisse, so Hanna, ob sich „Aktien rauf, runter oder seitwärts entwickeln“. Der Vermittler müsse dieses Wissen lediglich suggerieren. Und je gewissenhafter er das tue, desto überzeugender könne er ahnungslosen Anlegern Scheiße als Geld verkaufen.

Tatsächlich aber sacken Börsenhaie wie er das Geld ein. Ein erbarmungsloses Arschlochgeschäft, rigoros falsch, absolut grundunanständig, moralisch obszön, in erheblichem Maße verantwortlich für viel Übel dieser Welt, aber eben – effizient. Und so lange es Koks, Nutten und ein bisschen Wichse gibt, bleibt diese systematische Ungerechtigkeit weitgehend intakt. Nach nur wenigen Minuten „The Wolf of Wall Street“ scheint klar: Dieser Film ist eine dreistündige Reise ins finstere Herz des Kapitalismus.

Matthew McConaughey jedoch verabschiedet sich (leider) schnell von der Bildfläche. Dies ist nicht seine Geschichte, sondern die des wegen Wertpapierbetruges und Geldwäsche verurteilten ehemaligen Aktienhändlers Jordan Belfort (unglaublich energisch: Leonardo DiCaprio). Der hat dank Mark Hanna, genauso wie wir, die hohe Schule der Skrupellosigkeit binnen kürzester Spieldauer absolviert. Und darf nun träumen vom Handel mit Billigaktien, von unehrlich gescheffelten Millionen und einem Leben in Saus und Braus.

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Auch Belforts zweite Ehe mit Naomi Lapaglia (Margot Robbie) bleibt vom Exzess nicht unverschont.
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Their American Dream is bigger than yours“, hieß auf dem Plakat zu Michael Bays „Pain & Gain“ – eine Tagline, die sich mühelos auch auf Martin Scorseses Film übertragen lässt. 180 Minuten lang bebildert er den Hedonismus des Jungunternehmers Belfort, dessen Leben zwischen Drogeneskapaden und Börsenspekulation, zwischen Vergnügungs- und Geschäftssucht (wunderbar: Jean Dujardin als Schweizer Geldverwalter) tatsächlich eines der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein scheint.

Nie zuvor wurde der verbrecherische Handel am Kapitalmarkt so virtuos und absurd zugleich in Szene gesetzt. Ein nicht unproblematischer, aber sehenswerter Film.Fazit lesen

Man könnte annehmen, der Film erzähle die Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre verortete Auf- und Abstiegsgeschichte Belforts, quasi als Biopic pünktlich zur Oscarsaison. Aber am spröden Wahrheitsabgleich schien das Kino von Martin Scorsese noch nie sonderlich interessiert, erst recht dann nicht, wenn die verko(r)kste Karriere des Titel gebenden „Wolf of Wall Street“, wie die Presse Belfort einst taufte, ohnehin schon einem Irrsinn gleicht, der filmisch gar nicht mehr zu fassen ist.

Alles muss im Überfluss vorhanden sein

Dass Scorsese es diesem Irrsinn gleichtun will, indem er sich weniger auf eine Rekonstruktion der Fakten als vielmehr den monströsen Exzess einigt, darf seinem Film gewiss vorgehalten werden. Eine moralische Wertung wagt er genauso wenig wie einen Blick aus der konkret gegenwärtigen Perspektive der Finanzkrise ab 2007. Er begreift die gefährliche Verrücktheit der dargestellten Geschehnisse eher als Slapstick, die Figuren als wahnwitzige Arschlöcher – und beides in einem amüsierten (nicht unbedingt satirischen) Sinne.

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Wenn die Motorik versagt: Der Kampf zweier Börsen-Babys während einer Qualuude-Überdosis.
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Seltsamerweise erfindet der Film bei aller verbürgten Absurdität der tatsächlichen Ereignisse eine filmische und Scorsese-typische Wirklichkeit, in der der kriminelle Werdegang von Jordan Belfort und seiner Maklerfirma „Stratton Oakmont“ zu einer Art pervertiertem Kinotraum mutiert. Mit all der virtuosen technischen Raffinesse, für die man den Regisseur liebt, aber auch ohne Fähigkeit zum (intelligenten) Spott, den es für diese bittere Geschichte gebraucht hätte.

In der Art, wie „The Wolf of Wall Street“ seine grotesken, gewieften, aber eben auch hundsgemeinen Broker als entrückt unterhaltsame Sympathiefiguren begreift, läuft er durchaus Gefahr, sich mit den Arschlöchern auf der Leinwand zu verbrüdern. Diesen Vorwurf hat man nicht nur bereits Scorseses ähnlichen Gangstergeschichten, sondern überhaupt den meisten Mafiafilmen gemacht – und mit ihren verbrecherischen Geschäften seien Börsenmakler schließlich die Mafia von heute, hieß es in vielen Kritiken zum Film.

Tatsächlich kann der Film leicht als Quasi-Fortsetzung der Scorsese-Klassiker „GoodFellas“ und „Casino“ gelesen werden, mit denen er sich die ausschweifende Nachempfindung ritualisierten Unrechts und eine entsprechende filmische Mythisierung der Vorbilder teilt. Alle drei Filme ähneln sich zudem in der erzählerischen Dynamik, furios montierten Kabinettstückchen sowie impulsiven Schauspielleistungen. Nicht unbedingt Over-, aber mindestens Ultra-Acting.

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Das Highlight des Films gleich schon zu Beginn: Matthew McConaughey ist sagenhaft als schmieriger Börsenhai.
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Vielleicht ist der Einwand, Scorsese verharmlose das Thema durch derartige stilistische Überhöhung, allerdings zu kurz (oder auch schon viel zu weit) gedacht. Als pompöse Beschwörung eines uferlosen Berufswesens und –Weges ist der ganze Horror dieses Films möglicherweise schon durch seine reine Nachbildung aussagekräftig genug. Die Fülle an schier unglaublichen Momenten in „The Wolf of Wall Street“ zumindest scheint durchaus geeignet, den ganzen Männerzirkus (unkommentiert) sich selbst zu überlassen.

Einen so bizarren wie großartigen Höhepunkt dürfte dabei jene Szene bilden, in der Leonardo DiCaprio und sein von Jonah Hill gespielter Geschäftskumpane es mit den Auswirkungen ihres Methaqualon-Konsums zu tun bekommen. Eine Überdosis Quaalude-Tabletten lässt sie wie Kleinkinder auf dem Boden kriechen, sich ungeheuerlich artikulieren und bis zur Schmerzgrenze um vernünftige Bewegungen ringen. Das spricht als Bild zum Finanzsystem ja unter Umständen tatsächlich schon ausreichend für sich.