Es ist schwer, M. Night Shyamalan zu sein. Nachdem ihn Publikum und Kritik zur Kurskorrektur nötigten, wollten auch „Die Legende von Aang“ und „After Earth“ das einstmalige Image des erfolgsverwöhnten Hollywood-Wunderkinds nicht wiederherstellen. Vielleicht kann man seinen neuen Film „The Visit“ daher sowohl als Rückzug in die eigene Komfortzone wie auch kräftig ausgestreckten Mittelfinger verstehen. Shyamalan macht nämlich ziemlich genau da weiter, wo „The Happening“ aufhörte: Beim Irrsinn mit Methode.

The Visit - Deutscher Trailer #1

Visuelle Gimmicks

Shyamalan hat sich nun mit Jason Blum zusammengetan, einem der momentan erfolgreichsten Filmproduzenten der USA. Sein Unternehmen Blumhouse ist in Hollywood durch sogenannte Micro-Budget-Produktionen zu einer wichtigen Größe geworden und verwaltet einträgliche Franchise-Serien wie „Paranormal Activity“, „Insidious“ oder „The Purge“ – clever vermarktete Genrefilme, die schon deshalb hochprofitabel sind, weil sie vergleichsweise wenig kosten. Etwas Besseres hätte Shyamalan an diesem Punkt seiner Karriere also gar nicht passieren können.

The Visit - Vorsicht vor der kotzenden Oma

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Großmutter hat zwar keine großen Ohren und auch keine langen Zähne, dafür aber offenbar einen Knall.
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Hinzu kommt, dass „The Visit“ aufgrund seiner Found-Footage-Ästhetik ein formatbedingt billiger, zumindest aber billig aussehender Film ist. Bekanntlich simulieren solche Found-Footage-Streifen mithilfe wackliger und konkret in die Erzählung einbezogener Bilder eine amateurfilmische Perspektive, deren vermeintliche Authentizität nichts weiter als ein visueller Gimmick ist. Nicht selten funktionieren sie zugleich als Scheindokumentationen (genannt Mockumentarys), um dem angeblich planlos gefilmten Material auch vernünftige Bildkompositionen gegenüberzustellen.

„The Visit“ zum Beispiel gibt sich als ein Film aus, den seine filmbegeisterte Hauptfigur Becca (Olivia DeJonge) gedreht haben soll. Die 15jährige fährt mit ihrem jüngeren Bruder Tyler (Ed Oxenbould) aufs schneebedeckte Land, um eine Woche bei den gemeinsamen Großeltern zu verbringen. Für alle Beteiligten ist das eine Premiere: Weil sich deren jetzt nur via Skype zugeschaltete Mutter (Kathryn Hahn) einst mit ihren Eltern verkrachte, haben Becca und Tyler bislang weder Oma (Deanna Dunagan) noch Opa (Peter McRobbie) kennen gelernt.

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Da hilft auch keine Spiegelreflexkamera: Mit den Großeltern von Becca (Olivia DeJonge) stimmt etwas ganz gewaltig nicht.
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Der Ausflug ist daher ein Ereignis, das sie unbedingt mit der eigenen Kamera dokumentieren müssen. Ununterbrochen filmt das Geschwisterpaar die vorsichtige, aber herzliche Familienzusammenführung. Dabei kommt ihnen anfangs lediglich Banales und Alltägliches, nach wenigen Tagen aber auch zunehmend Sonderbares vor die Linse: Die älteren Gastgeber verhalten sich zu nächtlichen Uhrzeiten reichlich merkwürdig. Becca etwa beobachtet ihre Oma bei heftigen Kotzattacken, Tyler wiederum entdeckt im Schuppen des Hauses haufenweise vollgeschissene Windeln.

Unappetitlich und durchgeknallt

Was sich zunächst unter großelterlichen Wehwehchen wie Magen-Darm-Infekt und Inkontinenz verbuchen lässt, ist dem Geschwisterpaar bald nicht mehr geheuer. Wenn Oma und Opa nicht gerade in spontane Wutausbrüche verfallen, laufen sie splitternackt durchs Haus oder grinsen ohne Grund kahle Wände an. Vieles erinnert dabei heimlich an den Roman „Flowers in the Attic“ von 1979, der bereits zwei Mal offiziell verfilmt und ebenfalls aus der Sicht eines pubertierenden Mädchens erzählt wurde.

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Suizidal oder einfach nur reinlich? Großvater putzt seine Flinte, hält sie sich aber sicherheitshalber auch mal in den Mund.
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Über die unmittelbaren Heimvideo-Bilder ist „The Visit“ stets nah dran an der Erfahrungswirklichkeit seiner beiden Protagonisten. Wir alle dürften schon einmal Angst vor unseren Großeltern gehabt oder den Besuch bei ihnen als belastende Pflichtveranstaltung empfunden haben. Und diese Prämisse reizt der Film sardonisch aus: Er spielt zunächst geschickt und schließlich auch äußerst grobschlächtig mit Verlustängsten und einer natürlichen adoleszenten Skepsis gegenüber Schutzbefohlenen.

Wer nun aber auf eine Rückkehr des subtilen Twistorama-Maestros M. Night Shyamalan hofft, möge doch einigermaßen gewarnt sein. Die unverzichtbare überraschende Wendung bringt hier keine Erlösung vom sorgfältig vorbereiteten Grauen, sondern motiviert den nun offenbar endgültig im Modus der Selbstvertrashung operierenden Filmemacher zu einem so unappetitlichen wie durchgeknallten Schlussakt. Er hat deutlich mehr mit „The Happening“ als mit jenem bedeutungsschwangeren Grusel zu tun, der Shyamalan einst zu großem Erfolg verhalf.

Wenn der Besuch bei den Großeltern zum Albtraum wird – und Regisseur M. Night Shyamalan komplett frei dreht.Fazit lesen

Wie schon bei seinem mörderischen Naturkatastrophen-Spektakel scheint es Shyamalan offenbar leid zu sein, die an ihn geknüpften Erwartungen bedingungslos zu erfüllen. „The Visit“ zumindest ist allenfalls auf ersten Blick lediglich ein weiterer funktionaler Thriller des damals schnell als One Trick Pony verschrienen Mannes: Seine behutsame Erzählung legt nicht bloß inhaltlich falsche Fährten, sie ist auch von einer formal gezielt falschen Logik. Und das kann man einem Film, der so tut, als habe ihn ein Kind inszeniert, ja sogar nicht einmal vorwerfen.