Nein, Angus Scrimm spielt in Pascal Laugiers „The Tall Man“ nicht die Hauptrolle. Mit Don Coscarellis „Phantasm“-Filmen, in denen der Tall Man die Verkörperung des Bösen ist, hat die amerikanisch-kanadisch-französische Ko-Produktion nichts zu tun. Vielmehr folgt Laugier in seinem englischsprachigen Debüt im Grunde einem Thema, das ihn – in abgewandelter Form – auch früher schon beschäftigt hat. Dabei nutzt er Genre-Konventionen, nur um sie dann wirksam zu brechen.

In der kleinen, herunter gekommenen Stadt Cold Rock verschwinden immer wieder Kinder. Die Bewohner glauben an eine mysteriöse Gestalt, den großen Mann, der sich der Kinder bemächtigt. Was er mit ihnen macht, ist unklar, aber so manch Elternteil sucht noch nach dem Nachwuchs, auch wenn es hoffnungslos scheint.

Julia Denning (Jessica Biel) arbeitet als Krankenschwester in dem kleinen Ort. Ihr Ehemann ist längst verstorben, er war der Arzt in Cold Rock. Auch Julia hat einen Jungen, der eines Nachts aus ihrem Haus entführt wird. Mit der verzweifelten Ausdauer einer Mutter jagt sie dem Entführer hinterher und kommt ihm immer näher, doch dann muss sie erleben, wie sich die Bewohner der Stadt gegen sie stellen

Ist nichts, wie es scheint?

„The Tall Man“ ist ein interessanter Film, der eine Kinoauswertung durchaus verdient hätte. Nun ist er „nur“ auf DVD und Blu-ray erschienen, nachdem er auf verschiedenen Festivals eingesetzt worden ist. Dort stellte er sich als deutlich andere Kost heraus, als es die Besucher beispielsweise des Fantasy Film Fests erwarten. Denn weder ist Laugiers Film in der Form seiner Darstellung so extrem wie sein „Martyrs“, noch ist er ein Genrefilm im eigentlichen Sinn. Im Grunde ist „The Tall Man“ ein Drama, das mit den Mechanismen eines Psycho-Thrillers kombiniert wurde.

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Im ersten Drittel des Films präsentiert sich „The Tall Man“ wie ein ganz gewöhnlicher Horrorfilm, der gar keine Anstalten macht, in irgendeiner Form originell sein zu wollen. Fast hat man den Eindruck, dass Laugier nach seinem zumindest diskussionswürdigen „Martyrs“ sehr schnell mit dem eigenen Ausverkauf begonnen hat.

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Der Film erfüllt anfangs die Erwartung, die der Trailer geweckt hat. Er ist schnell, rasant, spannend und hat mit dem geheimnisvollen Entführer auch einen Antagonisten zu bieten, der angemessen sinister erscheint. Aber Laugier, der auch das Drehbuch geschrieben hat, spielt hier nur mit dem Zuschauer. Er ist sich sehr wohl bewusst, dass er die Checkliste handelsüblichen Horrors der Reihe nach abhakt, aber dann gibt es eine Sequenz, die alles verändert. Er zeigt sie schon am Anfang und wiederholt sie später, aber nichts ist mehr so, wie es wahr, jedes Wort erhält eine neue Bedeutung.

Gut oder böse?

Das Faszinierende an Laugiers Film ist, dass er sich einer Einordnung seiner Figuren verweigert. Mit fast klinischer Kälte betrachtet der Film ein Gedankenkonstrukt, das es wirklich in sich hat. Die klassischen Vorstellungen von Gut und Böse gelten hier nicht, stattdessen ist „The Tall Man“ so gestaltet, dass er beim Zuschauer Verständnis erntet.

Während man sich noch in einem Horrorfilm wähnt, wird man plötzlich mit einem Thema konfrontiert, das perfekter Stoff für angeregte Diskussionen ist. Denn ein richtig oder falsch gibt es nicht, zumindest dann nicht, wenn man sich vor Augen hält, was die Hauptfigur hier zu erreichen sucht.

Was wie ein ganz normaler Horrorfilm erscheint, ist in Wahrheit ein faszinierendes, höchst spannendes Drama mit einer Aussage, die Stoff zur Diskussion bietet.Fazit lesen

Kann aus etwas Bösem etwas Gutes entstehen? Oder anders gefragt: Ist es überhaupt böse, entgegen aller Regeln und Konventionen zu handeln, wenn man der Meinung ist, das eigene Tun würde nicht nur Leben retten, sondern die Welt verbessern?

Schwer vermarktbar

Ein Film wie „The Tall Man“ ist nur schwer zu vermarkten. Der Trailer gibt den Takt vor: Man gaukelt dem Zuschauer vor, einen Horrorfilm zu bieten. In Wahrheit gibt es jedoch einen gedankenanregenden, originellen Film, der weit intelligenter daherkommt, als es das Gros des Genre-Ausstoßes ist.

The Tall Man - Geheimtipp: Jessica Biel hat Angst vorm großen bösen Mann

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Jessica Biel in einem überraschend tiefgründigen Horror-Thriller.
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Ähnlichkeiten mit „Martyrs“ werden von manchen gesehen, sind aber nur insofern vorhanden, als dass sich Laugier seinem Thema sozialkritisch annimmt. Wo „Martyrs“ kein 08/15-Torture-Porn war, ist „The Tall Man“ kein 08/15-Slasher-Film – beiden gemein ist, dass sie sich mit der Gesellschaft, ihrer Entwicklung, vielleicht auch ihrem Untergang befassen. Oder ihrer Widergeburt, ein endgültiges Urteil lässt der Film offen. Bis zuletzt enthält er sich einer klaren Aussage. Bezeichnend, dass die letzten Worte, die im Film gesprochen werden, eine Frage sind, auf die es keine definitive Antwort geben kann.