„Ich versuche, Alkohol aus dem Weg zu gehen. Wenn ich kann.“ - Fast könnte man meinen, man würde Captain Jack Sparrow sprechen hören. Aber er ist es nicht. Johnny Depp ist diesmal ein Journalist. In der Verfilmung eines Romans seines verstorbenen Freundes Hunter S. Thompson fließt der Alkohol in Strömen. Es mag ein Klischee sein, aber allzu oft sind sie doch auch ein wenig wahr.

Was wäre also ein Schreiberling ohne eine Pulle Schnaps an seiner Seite? In der Welt von Hunter S. Thompson allenfalls ein halber Mann. Der Alkohol ist allgegenwärtig, nicht nur der beste Freund von Johnnys Figur, sondern steter Begleiter aller Journalisten in Puerto Rico.

Paul Kemp (Johnny Depp) ist Schriftsteller, der noch keinen Roman irgendwo unterbringen konnte. Darum versucht er sich nun als Journalist für eine Tageszeitung in San Juan in Puerto Rico. Erst bekommt er nur die Horoskopseite, später gibt ihm Chefredakteur Lotterman (Richard Jenkins) den Auftrag, den Bürgermeister von Miami, der nach Puerto Rico kommt, zu interviewen.

The Rum Diary - Wer nicht trinkt, verliert

alle Bilderstrecken
Paul Kamp steht öfter mal ein wenig neben sich.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 1/31/3

Der Bürgermeister kommt nicht, aber Kemp lernt den Immobilienlöwen Sanderson (Aaron Eckhart) und dessen Verlobte, die reizende Chenault (Amber Heard), kennen. Zwischen beiden knistert es.

Sanderson will Kemp für eine Kampagne einspannen, die jedoch nichts anderes als Immobilienbetrug im großen Stil ist. Der Journalist wiederum möchte über die wichtigen Dinge in Puerto Rico schreiben, aber Lotterman lässt ihn abblitzen. In der Zeitung soll nur Gutes zu lesen sein.

Packshot zu The Rum DiaryThe Rum Diary kaufen: ab 5,69€

Zusammen mit Sala (Michael Rispoli) und dem Trinker und Nazi-Fan Moberg (Giovanni Ribisi) beschließt Kemp nach Lottermans Ausscheiden, dass er eine letzte Ausgabe herausgeben wird. Eine Zeitung, in der all das steht, was er über Sanderson weiß und was Lotterman über die Jahre nicht bringen wollte…

Verfilmung einer Vorlage von Hunter S. Thompson, seines Zeichens exzessiver Trinker und viel beachteter Autor. Der Film wird seinem Vermächtnis gerecht.Fazit lesen

Durch den Dunst zur Wahrheit?

„The Rum Diary“ könnte eine autobiographisch gefärbte Geschichte sein. Wenn Hunter S. Thompson, der sich in den 60er Jahren für einen Job beim „San Juan Star“, einer Zeitung aus Puerto Rico, beworben hatte, diesen auch bekommen hätte.

Er bekam ihn nicht, aber in den 70er Jahren schien er sich – in Momenten, in denen sich sein alkoholisierter Zustand etwas lichtete, steht zu vermuten – an diese kurze Episode in seinem Leben zu erinnern und schrieb „The Rum Diary“. Ein passenderer Titel scheint kaum denkbar.

Die Geschichte wird aus dem Blickwinkel des Trinkers erzählt. Das kann man als Stärke und Schwäche des Films zugleich auffassen. Es ist eine eigenwillige Perspektive, die geboten wird. Johnny Depp spielt hervorragend und imitiert Thompsons Sprachduktus, womit er Alter Ego und realen Autor noch näher aneinander bringt.

Die Schwäche ist ein mäandernder Fokus. Im Lauf der Geschichte verliert die Erzählung den Boden unter den Füßen. Zwar hat Kemp ein klar definiertes Ziel, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er dieses im Alkohol- und Drogenrausch immer wieder aus den Augen verliert. Bis hin zum Ende, das eine Auflösung vorgaukelt, wo es tatsächlich keine gibt.

The Rum Diary - Wer nicht trinkt, verliert

alle Bilderstrecken
The Rum Diary gilt als sein erster Roman: Hunter S. Thompson.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 1/31/3

Skurrile Figuren

„The Rum Diary“ lebt auch von den sehr eigenartigen Figuren, die die Geschichte bevölkern. Allen voran steht Moberg, ein Trinker, der fast nur nachts aktiv ist, gefeuert wurde, aber dennoch in der Redaktion herumhängt, Nazi-Platten mit Hitler-Reden anhört und dazu Uniform trägt, und vom Alkohol ständig so angegriffen ist, dass das Sprachzentrum im Gehirn auch nicht mehr ganz mitspielt.

In der Kumulation all dessen ist Moberg so skurril, dass man sich kaum vorstellen kann, ein solches Subjekt könnte in der echten Welt existieren. Auf jeden Fall bereichert er „The Rum Diary“ und bringt eine humorige Note ein, die ganz gut tut.

Er ist der Anti-Kemp, der Journalist, der zwar viel drauf hat, aber sich in einer Flasche verkrochen hat und kaum noch aus ihr hervorkommt. Dieses Schicksal könnte auch Kemp erleiden, der nach einem Schlüsselerlebnis auf den Alkohol verzichten will. Aber das zu einem Zeitpunkt, da er schon längst nicht mehr verzichten kann.

Der Suchtaspekt dieser aber auch anderer Figuren wird nie thematisiert. Das Trinken ist kein Problem – weder für den Trinker, noch für seine Umgebung. Eine sehr idealisierte Form der Realität, vielleicht auch der Wunschtraum eines Trinkers. Oder die Wahrnehmung von Thompson, der trotz Alkohol- und Drogenexzessen erfolgreich gewesen ist.

Abseits des Mainstreams

Johnny Depp findet man seit seinen Erfolgen als Captain Jack fasst nur noch in großen und aufwendigen Blockbustern. Damit hat er sich eine Fanbasis geschaffen, die bei „The Rum Diary“ die Stirn runzeln könnte. Denn obschon mit einem Budget von 45 Millionen Dollar auch nicht billig, ist er doch eher der Tradition des Independent-Kinos verhaftet – ein Umstand, der sich schon durch Thompsons Vorlage ergibt.

Depp-Fans jüngeren Formats, die seine wagemutigeren kleinen Filme längst vergangener Zeitem nicht im Hinterkopf haben, könnten hier also eine Überraschung erleben. Denn „The Rum Diary“ ist vieles, eines aber nicht: leichte Unterhaltung.