Für Adam Sandler war das Kino – genauer: der US-amerikanische Blockbuster-Betrieb – zuletzt nur noch eine prekäre Heimat. Aus heimlich veröffentlichten E-Mails des ihm bis dato wohl gesonnenen Hollywoodstudios Sony ging hervor, man wolle seinen grenzfreudigen, aber auch kostspieligen Komödien nach kommerziellen Flops wie „Jack und Jill“ oder „Der Chaos-Dad“ nicht länger eine Bühne bieten. Vier Filme dreht Sandler daher nun exklusiv für den Streaming-Dienst Netflix, beginnend mit „The Ridiculous 6“: Einer eher sanften statt wilden Western-Parodie, die den spezifischen Sandler-Humor an der kurzen Leine hält.

Sympathische Macken

Der Titel „The Ridiculous 6“ bezieht sich auf „Die glorreichen Sieben“, jenem in den amerikanischen Westen verlagerten Remake des Kurosawa-Klassikers „Die sieben Samurai“, das von einer Gruppe unterschiedlich begabter Männer im Kampf gegen mexikanische Banditen erzählte. Inhaltlich gibt es ebenfalls einige, wenn auch freilich überzogene Ähnlichkeiten: Sandler spielt den gesetzlosen, doch herzlichen Tommy, genannt Weißes Messer, der dem Straßenräuber Cicero (Danny Trejo) das Handwerk legen muss. Ein Running Gag besteht darin, dass sich die von Tommy zusammengetrommelten Mitstreiter nach und nach als seine Halbbrüder entpuppen.

Anders als bei der abtrünnigen Männergemeinschaft des Vorbildes verfügen diese gleichermaßen mit Stammgästen wie Neuzugängen im Sandler-Ensemble besetzten Brüder über charakteristische Merkmale, die für ihre Wildwestduelle eher unnütz sind. Chico (Terry Crews) kann hervorragend Piano spielen, aber schlecht mit Waffen umgehen, der übergewichtige Herm (Jorge Garcia) kräftig zulangen, sich aber kaum fortbewegen. Lil' Pete (tatsächlich super: Taylor Lautner) und Ramon (Rob Schneider) sind treudoofe Tunichtguts. Und die Naivität von Danny (Luke Wilson) kostete sogar schon Präsident Abraham Lincoln das Leben.

The Ridiculous 6 - Adam Sandler und Netflix – (k)eine Erfolgsgeschichte

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Adam Sandler als Apachen-Ziehkind Tommy, genannt Weißes Messer.
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Solche sympathischen Macken der Figuren sind typisch für Sandlers verfremdeten Zugriff auf klassische Heldengeschichten, deren normative Rahmen seine Filme immer wieder anarchisch zu sprengen versuchen. Liebenswert werden sie schon dadurch, dass nicht eine die ewigen Kindsmänner definierende Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, sondern ihnen entgegengebrachte Widerstände Schwierigkeiten produzieren. Anders gesagt: Es geht bei Sandler weniger um das gesellschaftliche Unvermögen seiner Figuren, als vielmehr um die mangelnden Fähigkeiten ihres Umfeldes, darauf angemessen zu reagieren.

Uninspirierte Gags

In dem von ihm geschriebenen und produzierten „The Ridiculous 6“ stellt Adam Sandler besonders die Stereotype des Western-Kinos auf den Prüfstand. Das Ende offenbart einen Antagonisten, der nicht der indigenen Bevölkerung und auch nicht mexikanischen Banden, dafür aber dem Herzen des amerikanischen Gründungsmythos selbst entsprungen ist. Und mindestens implizit verhandelt der Film mit seiner bunt zusammengesetzten Gruppe der „lächerlichen Sechs“ auch den Rassismus des Genres. Umso erstaunlicher, dass es während der Dreharbeiten zu einem Eklat kam, als einige Nachfahren von Ureinwohnern wütend das Set verließen.

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Finsterer Geselle, was auch sonst: Danny Trejo mit Goldzähnen.
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Wider Erwarten macht „The Ridiculous 6“ aus dieser erst einmal sehr spannenden Prämisse so gut wie nichts. Sandlers Filme finden in der Regel dort zu sich, wo sie Erzählökonomien überwinden und überbordende Albernheiten ein debiles Eigenleben gewinnen, etwa beim radikal gelassenen Nonsens von „Kindsköpfe 2“ oder den in „Der Chaos-Dad“ durcheinander gebrachten Konventionen der Wiederverheiratungskomödie. An einer wirklichen Subversion des Western scheint Regisseur Frank Coraci, der im Gegensatz zu Dennis Dugan immer schon für die nicht allzu gelungenen Sandler-Filme zuständig war, hingegen genauso wenig interessiert wie offenbar auch sein Star selbst.

In allen Belangen eine ziemliche Enttäuschung.Fazit lesen

Stattdessen setzen beide auf überraschend uninspirierte Gags und eine sich nur zäh entwickelnde Geschichte, an der sie umso entschiedener festhalten. Volle zwei Stunden Laufzeit nimmt „The Ridiculous 6“ für die Heldenreise des von Sandler gespielten Apachen-Ziehkinds in Anspruch, mit vielen leidlich amüsanten Abschweifungen: Sandler-Freunde wie Steve Buscemi, David Spade und Vanilla Ice absolvieren Gastauftritte als zum Teil historische Persönlichkeiten (Mark Twain, George Armstrong Custer usw.) – nicht jedoch, um ein schönes Chaos in den Film zu bringen, sondern ihn auf gepflegte, also langweilige Art dramaturgisch voranzutreiben.

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Tatsächlich ein heimliches, wenn nicht gar alleiniges Highlight: „Twilight“-Schnuckelchen Taylor Lautner als debiler Tunichtgut.
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Man kann sich angesichts dieses sehr braven Resultats vielleicht denken, warum das Projekt erst von Sony zu Paramount und schließlich von Warner zu Netflix wanderte. Es ist schlicht nicht kino- und noch nicht einmal filmtauglich, an allen Ecken und Enden fehlt eine künstlerische Vision. In Adam Sandlers Gesamtwerk markiert „The Ridiculous 6“ nach „Pixels“ einen erneuten Rückschritt zum High-Concept: Die Grundidee mag stimmig sein, ihre Umsetzung aber scheitert an jenen geordneten Bahnen, aus denen sich Sandler eigentlich schon längst brachial befreit hatte. Der neue Freiheiten in Aussicht stellende Wechsel zu Netflix bleibt vorerst ein uneingelöstes Versprechen.