Mit dem Kino und seiner Botschaft ist es so eine Sache. Soll man Filmemacher auf Dauer ernst nehmen, die nichts zu sagen haben? Andererseits: Wer will schon bildgewordene Thesenpapiere auf der Leinwand sehen?

The Purge - Die Säuberung - Die Säuberung - Deutscher TrailerEin weiteres Video

Wer will sich belehren lassen, was schon nervig genug ist, aber vielleicht nicht ganz so schlimm, als für den Preis einer Eintrittskarte nur seine Vorurteile bestätigt zu bekommen? Sind Verstörung und Frage nicht wichtiger als Empörung und Antwort?

Wie auch immer, sicher ist: Wer im kommerziellen Kino ein wie auch immer geartetes Anliegen hat, das über die emotionale Steuerung des Publikums hinausgeht, der hat einen Drahtseilakt zu vollführen. James DeMonaco, so viel vorweg, schafft mit „The Purge“ keine zwei Schritte auf diesem Drahtseil. DeMonaco hat das Skript zum Remake von „Assault on Precinct 13“ verfasst, auch dies ein Belagerungsthriller, dessen Subgenremotivik DeMonaco in seiner zweiten Regiearbeit (nach „Staten Island“ aus dem Jahre 2009) mit jeder Menge reichlich platter Sozialkritik anreichert.

Ein Film aus Empörung und Antworten

Wieder mit dabei ist Ethan Hawke, dem wir zum ersten Mal begegnen, als er in seinem schicken Wagen durch eine noch schickere Vorortsiedlung kurvt. Es ist die zweite Sequenz des Films, die erste besteht aus Videos von Überwachungskameras, die pixelige Morde und Gewalttaten zeigen unter den unverbindlich James-Last-haft daherplätschernden Streicherklängen von Nathan Whitehead, der unter anderem auch für die beiden aktuellsten „Gears of War“-Teile komponiert hat. Einen Film, der grellen Kontraste hat DeMonaco gedreht, einen Film aus Empörung und Antworten.

In der nahen Zukunft ist in einer Nacht des Jahres jedes Verbrechen straffrei. Polizei und Rettungsdienste stellen die Arbeit ein, wer es sich leisten kann, verschanzt sich hinter dicken Stahlwänden, wer nicht, ist Freiwild. Diese Sicherheitssysteme verkauft James Sandin (Hawke), und während er seine Nachbarn in der Spießerhölle Suburbia auf dem Heimweg fragt, ob diese auch schön die Wartungsintervalle einhalten, bereitet das Radio schon einmal auf die diesnächtliche „Säuberung“ vor. Nichts als eine Methode für die Reichen, um die Armen im Land auszulöschen, sei das, sagt ein Anrufer.

The Purge - Die Säuberung - Das Schlachten als Seelenreinigung

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Süßes oder Saures? Ein Mal im Jahr wird abgerechnet.
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Die quasireligiöse Ekstase der Bourgeoisie

Aha, das dachten wir uns schon. Von Beginn an ist in „The Purge“ alles ausgesprochen, die Ideologie des „Säuberungs“-Systems entlarvt, und gerade deshalb scheitert der Film gerade da, wo er drastisch und schockierend sein will – in der quasireligiösen Ekstase etwa, in der die Bourgeoise ihre Seelenreinigung durch Mord beschwört und in der Anrufung der neuen Pilgerväter, und des neuen, 364 Tage im Jahr effektiv befriedeten Amerika. Da sei es fast schon geschenkt, dass für DeMonaco eine scheinbar progressive Kritik in wenig mehr besteht, als nur die eine Klasse gegen die andere auszuspielen.

Packshot zu The Purge - Die SäuberungThe Purge - Die Säuberung

Schwerer wiegt die Inkonsequenz, mit der DeMonaco seine eigene hehre Botschaft behandelt. Irgendwann, kurz nach sieben Uhr abends, als die „Säuberung“ läuft und die Familie Sandin sich längst in ihrem Haus verschanzt und dem eigenen, lahmen Zwist hingegeben hat, den zwei Kinder im Teenager-Alter halt so mit sich bringen, da bettelt vor der Tür plötzlich ein schwerverletzter Obdachloser um Einlass. Sohn Charlie (Max Burkholder), der am lautesten in der Familie am Nutzen und der Ideologie des „Purge“-Systems zweifelt, lässt ihn schließlich hinein.

Eine Brut von machetenschwingenden Höllenengeln

So mitmenschlich wäre der Film als Ganzes natürlich auch gerne. An dem Afroamerikaner, der auf der Flucht ist vor den marodierenden Banden der Nacht, hat das Drehbuch allerdings keinerlei Interesse. Er dient lediglich als Katalysator für die folgende Action und die moralischen Dilemmata der weißen Obermittelschichtsfamilie.

Überambitionierter Home-Invasion-Thriller, dem zwischen seinen Klischees nur wenige Schreckbilder gelingen.Fazit lesen

Nicht lange, nachdem Charlie den Fremden ins Haus gelassen hat, steht plötzlich ein maskierter Trupp im Vorgarten, und der Anführer (Rhys Wakefield), ein eloquentes Kindmonster in Studentenverbindungsklamotten, verlangt die Herausgabe des Obdachlosen. Ansonsten, man ahnt es schon, sei man leider gezwungen, andere Saiten aufzuziehen.

DeMonaco gelingen in der zweiten Hälfte seines Film durchaus intensive, albtraumhafte Bilder: In fratzenhaft grinsenden Masken, die an den Home-Invasion-Thriller „The Strangers“ erinnern, in Anzügen und blütenweißen Unschuldskleidern umschweben die Belagerer machetenschwingend das Heim der Sandins wie eine Brut von Höllenengeln. Und er weiß das Haus gekonnt in einen Raum der Bedrohung und Desorientierung zu zerlegen, es gibt spannende Minuten in „The Purge“.

Doch die klischeehafte Dramaturgieminiatur des sich über dem Opfer aufbäumenden Killers, der eine Sekunde zu viel Theatralik an den Tag legt, um dann im letzten Moment von hinten erschossen zu werden, wiederholt DeMonaco bis an die Grenze zur Selbstparodie.

The Purge - Die Säuberung - Das Schlachten als Seelenreinigung

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Ethan Hawke wehrt sich. Leider ist The Purge nicht so bissig, wie er gerne wäre.
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In seinen Extremen scheitert der Film. Er wird auch nicht vom kontrolliert spielenden Hawke gerettet oder von Lena Headey („Game of Thrones“), die als Mary Sandin allzu routiniert alle Stadien von Beherrschung, Erregung und Verzweiflung durchläuft. Beklemmend ist einzig die Alltäglichkeit – oder besser: Alljährlichkeit – des Tötens. Nicht der Nachbar, der um kurz vor sieben im Garten sein Buschmesser schleift, macht Angst, sondern die gelassene Reaktion der Menschen, die ihn vom Fenster aus beobachten. Nicht die „Purge“, sondern die „Purge“-Partys hinter fest verschlossenen Türen. Nicht der Anrufer, der im Radio sagt, er werde seinen Boss kaltmachen, dieses Schwein, sondern die Moderatorin: „Okay, danke, als nächsten haben wir…“.