Ryan Gosling als wortkarger Einzelgänger, der seinen Lebensunterhalt als Stuntman verdient, ganz nebenbei Banken ausraubt und von seinen Fahrkünsten profitiert? Was nach Nicolas Winding Refns „Drive“ klingt, ist diesmal Derek Cianfrances „The Place Beyond the Pines“. Und der ist kein schlechter Abklatsch, sondern eine Überraschung auf ganzer Linie.

The Place Beyond The Pines - German TrailerEin weiteres Video

Beim Lesen der Inhaltsangabe erlebt man anfangs tatsächlich ein starkes Déjà-vu, das im Laufe des Films schnell verfliegt: Luke (Ryan Gosling) ist Motorradstuntman und ein wortkarger Einzelgänger. Er jobbt auf einem Jahrmarkt, mit dem er von Stadt zu Stadt zieht, und ist dort als „Handsome Luke“ von der Stuntcrew „The Heartbreaker“ bekannt. Kritzelige Tattoos zieren seinen kompletten Körper, den Gosling zur Freude der Damenwelt in der ersten Szene des Films prompt zur Schau stellt.

Episode 1: Ein Verbrecher zum Liebhaben

Doch die tätowierte Träne im Gesicht lässt erahnen, dass Luke mit seinem Leben nicht rundum glücklich ist. Das gefährliche Erscheinungsbild, bestehend aus seiner roten Lederjacke, dem muskulösen Körper, den zerfetzten Klamotten, dem Motorrad und seinen Tätowierungen, die mehr Narben als Kunstwerken gleichen, verdecken die tiefen Risse in seiner Seele. Er reist von Stadt zu Stadt, von Mädchen zu Mädchen, von Herzschmerz zu Herzschmerz.

The Place Beyond The Pines - Ein bisschen Drive und ganz viel Überraschungstüte

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Einmal Gosling, immer Gosling: Das reduzierte, emotionsarme Schauspiel des Stars passt perfekt zum melancholischen Luke, den er hier verkörpert.
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Doch sein Leben ändert sich schlagartig, als er in Schenectady seiner alten Affäre Romina (Eva Mendes) über den Weg läuft, die ihm offenbaren möchte, dass Luke in der Zwischenzeit Vater geworden sei. Luke will sich um seinen Sohn Jason kümmern, schmeißt seinen Job und heuert vor Ort in einer Werkstatt an. Aber dabei bleibt es nicht, denn der Besitzer (Ben Mendelsohn) überredet Luke, mit ihm Banken auszurauben. Das klappt anfangs auch prima, aber es kommt natürlich, wie es kommen muss: Ein Überfall geht schief.

Episode 2: Korrupte Bullen

Hier kommt Hauptdarsteller Nummer zwei ins Spiel: Bradley Cooper. Er spielt Avery Cross, einen ambitionierten, jungen Polizisten, der noch Ideale hat und an Gerechtigkeit glaubt. Doch im Dienst muss er schnell feststellen, dass Gerechtigkeit nur ein Traum in den Köpfen der Menschen ist. Seine Kollegen sind allesamt korrupt: Drogen und Geld wandern in die eigene Tasche, eine Hand wäscht die andere.

Packshot zu The Place Beyond The PinesThe Place Beyond The Pines

Als Avery dann auch noch einen schweren Anfängerfehler begeht, zermürben ihn die Schuldgefühle. Um aus dem Gefühlstief rauszukommen, macht er, was er für das einzig richtige hält: Die Korruption in seiner eigenen Polizeistation bekämpfen, wodurch er sich keine Freunde macht…

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Zwei gute Gründe, das unstete Nomadenleben aufzugeben: Romina und der kleine Jason.
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Auch wenn sich die Lebensentwürfe von Luke und Avery total unterschiedlich anhören, haben sie doch Gemeinsamkeiten: Beide besitzen Ideale und konkrete Wertvorstellungen, beide haben eine eigene Familie und möchten auf ihre Art und Weise für sie sorgen - und beide haben Träume: Avery träumt von einer gerechteren Welt, Luke hingegen von dem Glück einer eigenen Familie, der es an nichts fehlen soll. Sie setzen ihre Ideen mutig und mehr oder minder selbstlos in Taten um, ohne große Angst vor Verlusten.

Episode 3: The Next Generation

Regisseur und Drehbuchautor Derek Cianfrance faszinierte der Gedanke, was Menschen an die nächste Generation weitergeben, wodurch „The Place Beyond the Pines“ (irokesisch für Schenectady) entstand: „Es geht um Erbe – um jenes, mit dem wir geboren werden, und jenes, dass wir weiterreichen. Und es geht auch um die Entscheidungen, die wir treffen und um die, die dann Folgen für unsere nachfolgenden Generationen haben. Es ist die klassische Mär der Sünden der Väter, die die Söhne belasten“, so Cianfrance.

Rundum stimmungsvolles Drama, das mit Liebe zum Detail, tollen Bildern und tiefsinnigen Charakteren punktet.Fazit lesen

Um diese Söhne geht es. Der Film erzählt insgesamt drei Geschichten. Die dritte startet etwa 15 Jahre nach den Ereignissen der ersten beiden Handlungsstränge und dreht sich um Jason (Dane DeHaan), den Sohn von Luke, und Averys Sohn AJ (Emory Cohen). Beiden fehlt auf unterschiedliche Art der Vater und beide gehen ganz verschieden damit um.

Eine Reise ins Ungewisse

Laut Cianfrance kann man die ersten beiden Akte als Prolog des dritten ansehen, denn erst dann geht es um das Vermächtnis. „Teil drei ist das Herz des Films“, erklärt der Regisseur. Dieser Aufbau des Films wirkt unglaublich interessant – vor allem, weil er zu keiner Zeit ersichtlich ist und sich erst beim Einsetzen einer neuen Episode ergibt. Man weiß den gesamten Film über nicht, worauf das Drama eigentlich hinauslaufen will – geschweige denn, ob er sich überhaupt als Drama, Thriller, Actionfilm oder Krimi herausstellen wird.

Es fühlt sich an wie eine Reise ins Ungewisse, die man selbst unternimmt. Als hätte man seine Koffer gepackt, sich einfach in einen Wagen gesetzt und wäre losgefahren. Mal sehen, wo der Weg hinführt. Kein Schritt ist vorhersehbar. So bleibt der Film durchweg interessant und erhält die kompletten 140 Minuten lang die Spannung aufrecht.

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Luke setzt alles daran, seine kleine Familie zu ernähren - und wandelt dabei auf dünnem Eis.
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Dieses Gefühl verliert sich aber leider in der dritten Episode etwas. Diese hätte man ruhig kürzen können, denn durch den letzten Teil wirkt das Drama leicht überladen. An sich würden sogar die ersten beiden Akte eine tolle Geschichte ergeben, die man als eigenständigen Film stehenlassen könnte. Hier wollte der Regisseur zu viel. Komplett falsch und unangebracht ist der dritte Teil natürlich nicht, aber zu lang und leider auch zu inkonsequent.

In den ersten beiden Episoden werden Entscheidungen knallhart durchgezogen, so radikal sie auch erscheinen. Die Taten der Charaktere haben Konsequenzen für ihre Umwelt und ihre Nachfahren. Aber am Ende scheint sich dann doch der Mut der Autoren zu verlieren, wodurch der Film gefühlt an Echtheit einbüßt und wieder zurück zum typischen Hollywood-Film führt.

Viel Liebe zum Detail

Das ist sehr schade, denn gerade diese Authentizität versuchte Derek Cianfrance, der eigentlich vom Dokumentarfilm kommt, beim Dreh aufrechtzuerhalten. Er drehte tatsächlich vor Ort in Schenectady mit den Einheimischen. 500 gecastete Laiendarsteller trieben sich auf dem Jahrmarkt herum, in den Banken standen Schalterbeamte und Manager, die sogar schon einmal ausgeraubt worden waren, in der High School liefen ansässige Schüler umher und es wurde auf der örtlichen Polizeiwache mit den dort angestellten Polizisten gedreht, ebenso in dem Krankenhaus mit echtem Personal und Patienten.

The Place Beyond The Pines - Ein bisschen Drive und ganz viel Überraschungstüte

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Mehr als schöne Bilder: The Place Beyond the Pines versteht es, interessante und vielschichtige Charaktere zu zeichnen.
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Hinzu kommt, dass Ryan Gosling für den Film Motorradfahren lernen musste, damit er in einer atemberaubenden Szene ohne Schnitte, ohne Tricks und in nur einer Einstellung eine Bank betreten, sie ausrauben und in halsbrecherischer Geschwindigkeit über eine belebte Kreuzung vor der Polizei flüchten konnte. Durch solche Szenen merkt man dem Drama die Liebe zum Detail an.

Es strotzt vor schönen Bildern und kreativen Einstellungen. Als Luke mit seinem Motorrad zu Beginn durch einen Wald rast, wird sehr energetisch mit der Kameraführung gespielt. So werden die verschiedenartigen Stimmungen im Film stets treffend eingefangen. Dadurch ergibt sich ein Film, der nicht nur inhaltlich stimmig und tiefgründig ist, sondern dessen Verpackung dies auch fortsetzt und somit sehr schön abrundet.