„Everyone is involved“ – aber natürlich. Wir befinden uns ja schliesslich bei „The International“, einem klassischen Spionagethriller, der seine weltumspannende Verschwörung bis in politische Kreise schraubt und dabei viele Mittäter findet. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale lässt Erinnerungen an die US-Paranoia der siebziger Jahre aufkommen und vernetzt sich gleichzeitig mit überraschender Aktualität im Hier und Jetzt.

„Jeder ist involviert“ deutet die weltweite Finanzkrise als spannenden Thriller, der die globalen Player als unzerstörbare Tempel der Korruption zeichnet und selbst Morde nicht als Lösung sieht. „The International“ hält seinen filmischen Vorbildern, wie z.B. „Zeuge Einer Verschwörung“ oder „Der Marathon Mann“, einen kühlen Spiegel ins rebellische Gesicht und konfrontiert sie letztendlich mit den Scherben der eigenen Motivation. Ein moderner Spionagethriller läuft so lange der weltweiten Finanzmacht hinterher, bis nur noch der eingängliche Satz Gültigkeit hat: Geld macht jeden, wirklich jeden zum Mittäter.

The International - Trailer

Internationale Thrills

„The International“ ist der erste richtig große Film Tom Tykwers, der die noch bei „Das Parfüm“ interessierten Arthaus-Kinos endgültig verabschiedet und sich dem breiten Multiplex-Publikum zuwendet. Der Film wurde von Sony produziert und besitzt ein stattliches Blockbuster-Budget, das seinen Regisseur endgültig in die erste Liga katapultiert und gleichzeitig A-Stars wie Clive Owen oder Naomi Watts anzieht.

Nur um das klar zu stellen: Filme mit Clive Owen können ja quasi gar nicht schlecht sein.

Die bei „Lola Rennt“ postulierte Verbindung eines deutschen Films mit amerikanischem Touch hat sich in einen amerikanischen Film mit deutschem Touch verwandelt, die räumliche Beschränkung auf Deutschland wurde erweitert und ist nun ein europaweites Location-Hopping. „The International“ macht seinem Namen alle Ehre; das ist großes Hollywood-Kino mit allem was dazugehört.

Dazu passend ist auch das Drehbuch des Films eine recht pompöse Angelegenheit, das eine weitverzweigte Geschichte auftischt, dabei aber glücklicherweise die Bodenhaftung behält. Clive Owen spielt einen aufbrausenden Interpol-Agenten, der zusammen mit Kollegin Naomi Watts die IBBC Bank, ein internationales Großunternehmen mit einem verstärkten Interesse an Waffengeschäften, zur Strecke bringen möchte.

Statt adrenalingetränkter Daueraction dominiert in "The International" intelligente Gemächlichkeit.

Wo sein Kollege Jason Bourne so eine Aufgabe mit einer Autoverfolgungsjagd und todbringenden Karate-Schlägen in Verbindung bringen würde, vertraut Agent Salinger auf klassische Ermittlungsarbeit. Mal abgesehen von einem wahrlich spektakulären Shootout im New Yorker Guggenheim-Museum, kommt der Plot hier ohne atemlose Hektik aus und findet seine Linie über Kontaktmänner, Spurensuchen und helle Einfälle. Die Bösen sollen innerhalb des gesetzlichen Rahmens fallen, auch wenn so ständige „bigger than life“ Thrills ausgebremst werden.

Selbstbewusste Kraft

Es ist genau diese abgeklärte Herangehensweise an „The International“, die den grossen Trumpf des Films darstellt. Tom Tykwer behält die Nerven und weiss, dass ein wirklich guter Thriller Zeit braucht, seine Geschichte plausibel zu erzählen. Der Tod bei diesem Film wären hektische Plotlöcher, die von der jeweils nächsten großen Explosion überdröhnt werden sollen, so dass die ruhige, aber keineswegs langweilige Art der hier anwesenden Inszenierung als erfrischender Handschlag Richtung Zuschauer gelten darf.

Zwar gibt es nur eine große Actionsequenz, die ist dafür umso atemberaubender inszeniert.

„The International“ hat einen wohlfeilen, ausgeklügelten Rhythmus, der den Plot in komplexe, aber stets überschaubare Bahnen lenkt und selbst während der einen großen Actionszene einen perfiden, weil unerwartet subtilen Twist einschleusst. Was hier vor allem zählt, ist der inhaltliche Thrill, der sich auch auf die streckenweise exzellenten Dialoge ausweitet und in seiner zwingenden Konsequenz wirklich packen kann. Wenn dann das Ende mit einem fast schon lakonische Subversion beweisenden Showdown kredenzt wird, darf man tatsächlich mal wieder richtig staunen und sich ebenso richtig freuen. Der Film ist ein Musterbeispiel für einen „thinking man’s blockbuster“, was angesichts der heutigen „Ride“-Mentalität gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Auch jenseits des Drehbuchs beweist „The International“ selbstbewusste und eigenständige Kraft. Die Scope-Kamera von Frank Griebe findet immer wieder aussergewöhnliche, aber niemals ablenkende Bilder, die zusammen mit dem hervorragende Rhythmik beweisenden Schnitt und dem endlich einmal nicht breiigen Orchesterscore eine homogene Einheit bilden.

Dynamisches Duo: Noami Watts und Clive Owen spielen sichtbar gut aufgelegt.

Ebenfalls immens wichtig für den Film ist die allgegenwärtige, überdimensionale Beton-Architektur, die die agierenden Menschen auf winzige Grösse schrumpfen lässt und gerade den Szenen mit Banken-Hintergrund eine düstere Distanz verleiht. Als absoluter Coup ist der in Bablesberg passierte Nachbau des New Yorker Guggenheim Museums zu werten, das mit seiner futuristischen Architektur perfekt zu der Ästhetik des Films passt und schliesslich einem wahren Kugelhagel standhalten muss.

Hervorragend inszenierter Spionagethriller von Tom Tykwer, der jeden Fan des Genres sehr glücklich machen wird.Fazit lesen

Die entrückte Betonwelt hinter den Personen wird hier dem Einsturz preisgegeben, die meisterliche Inszenierung eines John Woo’schen Blei-Balletts sorgt sowohl für reichhaltige Durchlöcherung als auch emotionale Dramatik. Tom Tykwer beweist sich spätestens hier als Meister seines Faches, indem er diese Sequenz mit bemerkenswerter Dynamik vorbereitet, ab dem ersten Schuss kontrolliert das Tempo erhöht und nach dem letzten Schuss den gefundenen Rhythmus organisch weiterführt. Nix Shakycam und isolierte Dauerpanik hier, sondern richtiges Kino mit Spannung, Dramatik und Kinetik.

The real deal

Am einfachsten ist „The International“ als „Bourne“-Film ohne Hektik zu beschreiben, was aber eigentlich sowohl „The International“ als auch den auf ihre Weise ebenso gelungenen „Bourne“-Filmen Unrecht tut. Viel näher kommt da schon der Vergleich mit den amerikanischen Thrillern der siebziger Jahre, wobei aber auch hier „The International“ mindestens zwei Schritte weiter denkt. Die Inszenierung ist wie aus einem Guss, die Schauspieler können absolut überzeugen und das Drehbuch genoss ganz sicher eine geschliffene, sorgfältige Ausarbeitung.

So herrlich unterkühlt und verkniffenguckt sonst keiner: Armin Müller-Stahl.

Alleine schon die Szene gegen Ende, als Naomi Watts sämtliche „damsel in distress“ Erwartungen mit einem wirklich cleveren Kniff entkräftet – toll. Oder die trügerischen Szenen des Bankenchefs, hervorragend gespielt von Ulrich Thomsen, mit seiner Familie. Oder die gemeinsamen Momente zwischen Clive Owen und dem Attentäter. Oder die eisige Fassade von Armin Müller-Stahl. Oder…undsoweiter. Ach, was soll man noch gross schreiben – „The International“ ist einfach ein Hit. Und ein mörderisch spannender Thriller. Und der mit Abstand bisher beste Film Tom Tykwers. Und…na, Ihr wisst schon: undsoweiter.