Noch gilt der 32-jährige US-Amerikaner Ti West als Geheimtipp, doch bald schon dürften seine Filme auch ein breites Publikum in Erstaunen versetzen. Nach dem überragenden „The House of the Devil“ präsentiert er mit der Grusel-Hommage „The Innkeepers“ sein zweites Meisterwerk in Folge. Hierzulande bereits auf dem Fantasy Filmfest 2011 bejubelt, erscheint der Film Mitte Januar endlich auf DVD und Blu-ray – wenn auch leider ohne vorhergehende Kinoauswertung.

Sinnlicher Horror

Zwei liebenswerte Hotelangestellte stehen im Mittelpunkt der Handlung. Claire (Sara Paxton) und Luke (Pat Healy) haben sich zum letzten Wochenende vor der Schließung im Yankee Pedlar Inn eingefunden. Langeweile vertreiben sich die beiden mit der Untersuchung angeblich paranormaler Phänomene im Hotel, von dem sie glauben, die ruhelose Seele der im 19. Jahrhundert verstorbenen Madeline O'Malley treibe dort ihr Unwesen.

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Das zunächst vergnügliche gegenseitige Hochschaukeln weicht alsbald tatsächlichen unerklärlichen Zeichen. Das Foyer-Piano beginnt wie von Geisterhand zu spielen, rätselhafte Stimmen durchdringen die Flure und Gänge des Hotels. Als eine abgehalfterte Schauspielerin, die nun als Medium auf Kongressen auftritt (und von Kelly McGillis gespielt wird!), die Anwesenheit von Geistern prognostiziert, nimmt der Schrecken seinen unausweichlichen Lauf.

Nie war Gruseln schöner, nie hatte ein Geisterfilm mehr Herz. Besser wird Horrorkino nicht mehr – auch wenn es hierzulande nur daheim stattfinden darf.Fazit lesen

Der Trailer geizt ärgerlicherweise nicht mit Ausschnitten des letzten Drittels, nimmt sogar entscheidende Eindrücke vorweg. „The Innkeepers“ ist nicht unbedingt ein Film der Twists oder Überraschungen, doch sein dem dramaturgischen Steigerungsprinzip klassischer Horrorfilme verpflichteter Erzählverlauf ist nichtsdestotrotz unabsehbar. Wer also von Ti West lieber an die Hand genommen werden möchte, sollte bewegte Vorabbilder tunlichst meiden.

An die Hand nehmen meint sogleich jedoch nicht, der Film würde sein Publikum auf vordergründige Art zu lenken versuchen. „The Innkeepers“ ist vor allem eine Einladung zum sinnlichen Horror. Trotz seiner dichten atmosphärischen und erzählerischen Struktur wirkt er nie plump konstruiert und vor allem nie verstellt durch etwaige funktionale Genrezutaten. Gruseln heißt bei Ti West auch nicht, den Zuschauer lautstark zu überrumpeln.

The Innkeepers - Hotel des Schreckens - Geheimtipp: Nie war gruseln schöner

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Im Keller des Yankee Pedlar Inn lauert der Geist von Madeline O'Malley.
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Die Lust am Gruseln

Vielmehr zelebriert der Film eine Lust am Gruseln, indem er zahlreiche unheimliche Momente geradezu auskostet. Das führt über die beiden grundsympathischen Protagonisten direkt zum Zuschauer, der mit sorgfältig vorbereiteten Schauern umgarnt wird. In der behutsamen Intensivierung von Angstgefühlen, dem klugen Aufbauen bestimmter Erwartungen, liegt vielleicht Ti Wests größte Stärke als Filmemacher.

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Die Liebe für klassisches Horrorkino, sie ist dabei jedem Bild in „The Innkeepers“ fest eingeschrieben. West hat seinen, grob ausgedrückt, Replik-artigen Stil, der sich so angenehm allen modischen oder postmodernen Gestaltungstricks des gegenwärtigen Horrorfilms verweigert, gegenüber „The House of the Devil“ noch verfeinert: In der edlen Titelsequenz etwa, oder den anbetungswürdig eleganten Kamerabewegungen, die das Breitwandbild bis ins Detail ausnutzen.

Aus der Verknüpfung von traditionellem Gruselhausfilm und warmherziger Slacker-Komödie mit Mumblecore-Anleihen – ohne dass der Film Claire und Luke als nervtötende Nerds zeichnen würde, wie sie etwa das Kino von Kevin Smith (über-)kultiviert – bezieht „The Innkeepers“ schließlich seinen eigensinnigsten Reiz. Nie formuliert er die Beziehung der beiden Figuren aus, immer jedoch lässt er Ambivalenzen zwischen ihnen durchschimmern.

The Innkeepers - Hotel des Schreckens - Geheimtipp: Nie war gruseln schöner

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Claire und Luke bei der Untersuchung paranormaler Phänomene.
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Zu den besonderen Erkennungszeichen von Ti West gehört eben auch dessen Eigenschaft, Geschichten verdichten und dennoch offen halten zu können. Die Verweigerung eines wirklichen Höhepunkts, zumindest eines in der Tradition des Kinos der Geisterfilme, verdeutlicht, wie sehr Ti West an seinen Figuren gelegen ist. Emotionalität statt Gekröse, genuine Horrorbilder statt Splattergedöns: Einen schöneren Horrorfilm kann es einfach nicht geben.