Endlich ein angemessener Film über Alan Turing. Und es ist keine Schande, nie von diesem Mann gehört zu haben. Anerkennung blieb dem Mathematiker nämlich schon institutionell verwehrt, so der britische Geheimdienst und andere Behörden viel daran setzten, seine Arbeiten jahrzehntelang unter Verschluss zu halten. Sich sogar sträubten, den ehrlosen Umgang mit dieser positiven Schlüsselfigur des Zweiten Weltkrieges wenigstens posthum zu korrigieren.

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Leben als Duckmäuser

Denn Alan Turing ist eigentlich das, was so gern Nationalheld genannt wird. Ein historischer Drahtzieher, auf den man sich politisch und ideologisch mit Stolz berufen könnte. Ohne ihn, da sind sich manche Geschichtsforscher einig, hätte der Zweite Weltkrieg womöglich einige Jahre länger gedauert. Wären viele weitere Menschen ums Leben gekommen. Seien die Nazis und ihre Streitkräfte nicht durch eine Reihe gezielter Aktionen derart zu schwächen gewesen.

The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben - Benedict Cumberbatch als Genie, das kein Held sein durfte

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Alan Turing (Benedict Cumberbatch) im Kreise seiner Kryptoanalytiker, unter denen der Schachmeister Hugh Alexander (Matthew Goode) ihm eine besondere Hilfe sein wird.
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Doch der hochbegabte Mathematiker hat 1936 nicht nur ein Rechnermodell konzipiert, das zur wichtigen Grundlage der theoretischen Informatik wurde. Er hat nicht nur den Turing-Test zum Nachweis künstlicher Intelligenz entwickelt. Oder, wie eben lange Zeit geheim bleiben musste, erfolgreich den Enigma-Code der deutschen Militärs entschlüsselt. Nein, Alan Turing war auch schwul. Und damit ein Krimineller, den es wegen „unzüchtigen“ Verhaltens anzuklagen und zu therapieren galt.

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Nun gibt es einen großen Kinofilm zu diesem Phantom britischer Heldengeschichte, „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“. Imitationsspiel, so nannte Turing die erste Version seines Tests, mit dem er das Denkvermögen von Maschinen überprüfen wollte. Aber Imitation – Nachbildung und Täuschung also – musste für ihn auch zu einer ganz realen sozialen Praxis werden, um der Verfolgung zu entgehen. Der deutsche Untertitel besorgt den Rest: Ein geheimes Leben im Duckmäusertum.

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Ein kurzer, aber prägnanter Auftritt: Commander Denniston (Charles Dance alias Tywin Lannister) zeigt sich von Turings Arroganz und Selbstsicherheit einigermaßen beeindruckt.
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Ein Biopic, zum Glück

Es ist nicht der erste Film über Alan Turing, aber wohl der am wenigsten verlogene. „Enigma – Das Geheimnis“ hieß ein 2001 produzierter Thriller-Schmarren, der sich ebenfalls um die Entschlüsselung des deutschen Nachrichten-Codes, also die Arbeit der Kryptoanalytiker im Bletchley Park drehte. Turing findet darin allerdings keine Erwähnung. Er wird durch einen fiktionalisierten Helden ersetzt, darf sich heterosexuell verlieben und am Ende ein Kind mit Kate Winslet zeugen.

Folglich erwies sich eine solche Turing-Verdrängung damit als fester Bestandteil auch der Geschichtsschreibung des Kinos, das den wegweisenden Logiker selbst 50 Jahre nach dessen Tod noch verhöhnt. Leider wurde dieser Film von deutlich mehr Menschen gesehen als das bereits 1986 geschriebene Theaterstück „Breaking the Code“, in dem Turings Homosexualität nicht ausgespart und sogar sehr sinnvoll in einen Zusammenhang mit seinem Leistungsdrang gesetzt wurde.

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Symbolträchtiges Bild: Christopher, seine zur Entzifferung des als unentschlüsselbar geltenden Enigma-Codes entworfene Walzensatzmaschine, stärkt Turing den Rücken.
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Dass der Oscaranwärter und damit potentiell gefallsüchtige „The Imitation Game“ es diesem Ansatz gleichmacht, die Figur Alan Turing aber dennoch nicht recht zu fassen bekommt, ist – und das gar nicht mal paradoxerweise – eine der Stärken des Films. Selbstverständlich bemüht sich der Norweger Morten Tyldum, Regisseur des thematisch völlig anders gelagerten „Headhunters“ nach Jo Nesbø, dennoch um das Gegenteil: Er muss diesem Mann auf den Grund gehen, weil sein Film ein Biopic sein muss.

Biopics, das sind historische biographische Dramen, wie sie das Kino liebt. Sie neigen zum konventionellen Erzählen und wollen ihre Protagonisten gut aussehen lassen. Dafür braucht es mitunter Abänderungen, einen gewissen Mut zum Revisionismus, zur Verschönerung erst recht – die Formel des nach Oscar- und Preissegen gierenden Biopic will es, dass um jede allzu spitze Ecke und Kante vorsorglich ein weiter Bogen gemacht wird. Nur funktioniert genau das hier schon strukturell nicht. Zum Glück.

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Die von Chauvinismus geplagte Joan Clarke (Keira Knightley) ist ihrerseits eine Außenseiterin und ahnt, dass Alan schwul ist. Sie schlägt ihm eine alternativ gelebte Ehe vor.
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Kompetenz und Inkompatibilität

Sicherlich ließe sich kritisch anmerken, dass der Film etwa die wichtige Vorarbeit des polnischen Mathematikers Marian Rejewski ausblendet, dem es bereits 1932 gelang, eine frühe Version des Enigma-Codes zu entziffern. Dass also der Film jenen Kryptoanalytikern, die während des Zweiten Weltkrieges von der Regierung beauftragt wurden, die nunmehr als unentschlüsselbar geltende Maschine erneut zu knacken, ausreichend Raum zum Pionierheldentum bereitstellen möchte.

Formal konventionelles Biopic, das jedoch die spannende Rätselhaftigkeit von Alan Turing bewahrt – und ihm damit ein längst überfälliges filmisches Denkmal setzt.Fazit lesen

Aber genau solche Einwände hat die aus Geheimhaltungsgründen jahrzehntelang verschwiegene Aktion unter Turings Führung doch eigentlich gar nicht verdient. Das hier ist keine Denkmalpflege, es ist überhaupt erst einmal die Errichtung eines Denkmals. Eine filmische Würdigung der Leistung, mittels Bau und Einsatz der „Turing-Bombe“ (wie die elektromechanische Vorrichtung schließlich genannt wurde) deutsche Funksprüche entziffern und so strategische Vorteile im Krieg erlangen zu können.

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Und es ist eben zugleich eine Ehrenbezeugung Alan Turings, des als Vordenker und –Arbeiter heutiger Computer geltenden Genies. Sehr schön gelingt es „The Imitation Game“, wissenschaftliche Kompetenz und soziale Inkompatibilität dieser Persönlichkeit als nicht unbedingt widersprüchliche, sondern gar überlebenswichtige Wesenszüge zu konturieren. Und noch schöner gelingt es wiederum Benedict Cumberbatch, solcherlei Zerrissenheit auch einnehmend zu vermitteln.

Man kann es dem Film daher nicht einmal zum Vorwurf machen, die gelebte Homosexualität Turings weder explizit noch überhaupt konkret abzubilden, sondern auf ein reines Begehren zu beschränken. Denn genau daraus spinnt das Biopic erst seine großartige Melodramatik: Rückblicken offenbaren Turings Liebe zu einem Schulfreund namens Christopher, nach dem er seinen gigantischen Dekodierungsapparat viele Jahre später benennen wird. Mensch und Maschine – das ewige Imitationsspiel.