Man könnte meinen es war vorgestern, als Quentin Tarantino mitteilte, „The Hateful 8“ würde auf Eis gelegt. Dass der Film jetzt doch gedreht wurde, und dann auch noch auf 70mm und mit einer Spielzeit knapp unter drei Stunden, darf als Reaktion auf die ursprüngliche Absage verstanden werden. Jetzt erst recht, jetzt erst richtig. Der Leak des Drehbuchs, was der Grund für den verständlichen Ärger war, als Rechtfertigung für eine befreite Inszenierung. Was bei Quentin Tarantino nur bedeuten kann, seine sowieso schon enorme Narrenfreiheit mit dem inzwischen größten Pinsel der Welt auf die Leinwand zu klatschen.

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Schnee. Hütte.

Ob das nun sinnvoll ist oder nicht, scheint dabei kaum noch eine Rolle zu spielen. Quentin Tarantino kann es machen und deswegen wird es eben gemacht. Selbst eine Verbindung aus einem kammerspielartigen Theaterstück und 70mm, was in etwa einem IMAX-3D-Re-Release von „Clerks“ entsprechen würde. Der bewusste Bruch zwischen Form und Inhalt, das bewusste Schwimmen gegen den zeitgenössischen Strom – bei „The Hateful 8“ wird so einiges auf die Spitze getrieben. Und nur am Rande darf die Bemerkung gestattet sein, dass der Film früher, als die vielbeworbene Roadshow in Amerika noch Normalität und nicht Ausnahme war, niemals für diese Form der Präsentation in Frage gekommen wäre.

Warum? Weil Tarantino das Spektakel nach innen kehrt. Weil die großartigen Bilder des Anfangs, als nur schneebedeckte Weiten und eine Postkutsche zu sehen sind, schon bald in beengte Räume gezwungen werden. Weil Action hier ausschließlich Reden heißt, garniert mit einigen viehischen Gewaltzuckungen im Splatter-Maßstab. Weil dieses Reden souverän die Grenze zu geschwätzig überwindet. Weil sich die Figuren hier, die für sich genommen sehr interessant sind, bis zur Erschöpfung produzieren dürfen. Und weil die Hütte, in der sich weit über die Hälfte der Handlung abspielt, irgendwann mal bis zum letzten Donnerbalken abgefahren ist.

The Hateful 8 - Sind Cowboys nicht eigentlich wortkarg?

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Draußen sind sie auch mal. Am Anfang.
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Im Grunde könnte „The Hateful 8“ auch auf einem Ozeandampfer oder in einer abgeschiedenen Lagerhalle spielen. Ein Setting, eine Handvoll undurchsichtiger Charaktere und eine mysteriöse inhaltliche Zwiebel, die nach und nach abgepellt wird. Wer hier einen satten Western erwartet, mit Verfolgungsjagden auf Pferden, Kugeln in Indianerbrüsten und Großaufnahmen von trüben Augenpaaren, unterlegt mit heroischen Soundtrackklängen von Maestro Morricone, wird bitterlich enttäuscht werden. Oder muss zumindest umdenken, auf ein paar Western-Charaktere, die Western-Dinge tun. Und dabei auf äußerst eloquente Weise die Annahme wiederlegen, dass die Gunslinger von damals lieber geschossen als geredet haben.

Das Ding. Reservoir Dogs.

Tarantino halt, der selbstverliebte Wortschmied. Wo Italo-Western von Weite, dramatischer Musik und ikonischen Bildern leben, dominieren hier vor allem die Charaktere. Von den hasserfüllten Acht stechen vor allem Marquis Warren (Samuel L. Jackson), John Ruth (Kurt Russell) und Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) heraus, allesamt kantige, spannende Typen. Was Tarantino wirklich drauf hat, ist die schillernde Präsentation seiner Schauspieler, die in die ausgestreckte Hand nur zu gerne mit ausdrucksstarken Darstellungen einschlagen. In dieser Hinsicht ist „The Hateful 8“ ein Volltreffer, in dieser Hinsicht macht der Film alles richtig. Wenn selbst Channing Tatum große Momente feiern kann, muss einfach ein Regisseur am Werk sein, der Leute führen und unerwartete Möglichkeiten freisetzen kann.

The Hateful 8 - Sind Cowboys nicht eigentlich wortkarg?

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Unbestrittener Mittelpunkt des Geschehens: Samuel L. Jackson.
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Auf einem anderen Blatt steht dann allerdings, dass Quentin Tarantino mal selbst dringend bei der Hand genommen und geführt werden müsste. Auf dem kleinsten Nenner ist „The Hateful 8“ nämlich ein unglaublicher Ego-Trip, der seinen grundsätzlich coolen Stunt-Gedanken immer und immer wieder über Gebühr ausbeutet und im Schneesturm stehen lässt. Mit einem hoffnungslos überfrachteten Drehbuch, dessen Dialogmenge in keinem Verhältnis zur fast schon dünnen Geschichte steht. Mit nihilistischen Tendenzen, die nicht nur das Ziel des Films verschwimmen lassen, sondern in ihrer exzessiven aufs-Maul-Einstellung fast schon zäh wirken. So wie auch „Reservoir Dogs“ sich irgendwann zog, in dieser Halle, in der mehr als eine Person eine doppelte Agenda besaß. Nur dass halt jetzt die Leute irre Schnauzer tragen und noch mehr reden dürfen. Weil es sonst einfach nichts zu tun gibt, in dieser knarzigen Hütte, um die ein Blizzard pfeift.

Tarantino gehört mal auf die Finger gehauen. Das Riesenpotential des Films wird ohne Not verschenkt.Fazit lesen

Hierfür das 70mm-Format zu bemühen, ist schon echt eine Ansage, die nicht unbedingt kleiner wird, wenn man dazu noch Ennio Morricone für den Soundtrack anheuert. Wer hier (natürlich) eine Weiterführung des klassischen Western-Stils des Maestros erwartet, wird enttäuscht ein Gähnen unterdrücken und erneut die Frage stellen, ob auch der hier verabreichte Durchschnitts-Score zum Stunt-Repertoire Tarantinos zu zählen ist. Jede einzelne Note ist maximal eine Variation früherer Arbeiten, groovige Gassenhauer-Momente fehlen völlig.

Wenn man dann noch die drastische Aufpolsterung der Musik mit nicht verwendeten „Das Ding“-Stücken berücksichtigt (die tatsächlich gut passen – in dem Rahmen hier), ist die Enttäuschung kaum zu vermeiden. „The Hateful 8“ unterläuft Erwartungen so drastisch wie sie „Django Unchained“ noch übertreffen konnte. Ein Anti-Film für Fanboys. Der Rest muss sich an den großen Namen festhalten und dazu konstatieren, dass der spezielle Tarantino-Groove hier einfach nicht so recht ins grooven kommt.