Klopft ein junger Mann an die Tür und lächelt. Stellt sich der Mutter eines verstorbenen Soldaten als dessen bester Freund vor und bleibt. Er habe ihrem Sohn versprochen, nach der Familie zu sehen, sagt der Mann. Charmant, hilfsbereit, uneigennützig ist er. Yes ma’am, of course ma’am – und bald bricht die Hölle los: Adam Wingard („You’re next“) hat schon wieder einen blutbesudelten Home-Invasion-Film gedreht.

The Guest - Official Trailer #1

Jovialer Eindringling

David ist „The Guest“, ein gut gebauter blonder Kerl mit strahlend blauen Augen. Er wird von Dan Stevens gespielt, nach allen Regeln des verführerischen Widerlings. Stevens hat gegenüber seiner Rolle in „Downton Abbey“ britischen Akzent und ordentlich Gewicht abgelegt. Jetzt ist er als vermeintlicher US-Militärveteran verkleidet. Das macht er so super, dass man vielleicht von einem neuen ikonischen Kinobösewicht sprechen muss.

The Guest - Nostalgisch und originell: Besuch vom Bösen

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Hello ma’am! Kriegsheimkehrer und verlorener Ersatzsohn: Der charmante David (Dan Stevens) lächelt sich umgehend ins Herz der Familie Peterson.
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Sein Besuch kommt unerwartet, aber offenbar nicht unrecht: Laura Petersons (Sheila Kelley) Familie ist wieder zum Normalbetrieb übergegangen, obwohl die Mutter noch immer tagtäglich um ihren im Afghanistankrieg gefallenen Sohn trauert. David könne nun einige Zeit im Haus wohnen, könne ins Zimmer seines ehemaligen Kameraden ziehen, sagt sie. Eine Lücke schließen. Der Familie helfen.

Nicht alle Petersons aber sind begeistert von der Ankunft des Fremden. Als es in der sonst so beschaulichen Kleinstadt zu Todesfällen kommt, stellt Tochter Anna (entzückend: Maika Monroe aus „It Follows“) Nachforschungen über den jovialen Eindringling an. David sei als verstorben gelistet, erfährt sie von der Militärauskunft, er habe vielleicht eine neue Identität angenommen oder sich gar umoperieren lassen. Und natürlich ist die eigentliche Wahrheit noch viel absonderlicher. Juchhu, Genreirrsinn.

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Während Luke (Brendan Meyer) in David einen Freund zu finden glaubt, beäugt seine Schwester Anna (Maika Monroe) den neuen Hausgast allmählich mit Skepsis.
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Die sardonischen Thriller „Im Schatten des Zweifels“ (1943) und „The Stepfather“ (1987) lehrten eindrücklich, dass der Moment einer Offenbarung des Bösen gleichzeitig auch immer dessen Unaufhaltsamkeit markiert: Scheint der Zugriff auf die unschuldige Idylle erst gelungen, gibt es kein Entkommen mehr. „The Guest“ ruft diese und ähnliche Filme ab, um sie in sein motivisches Verweissystem sowie manch klassische Genremuster einzugliedern.

Sinnlicher Unfug

Anna muss sich also trotz ihres Wissensvorsprungs der so attraktiven wie unaufhaltsamen Killermaschine David mehr oder weniger allein stellen, in einem wunderbar verspielten Schlussdrittel, das High School Party mit Grand Guignol, Psychothrill mit schwarzem Humor, Sci-Fi-Action mit Geisterbahneffekten vermengt. Einzig dem späten Wes Craven („Verflucht“, „My Soul to Take“) würde man ein so ausgelassenes Finale noch zutrauen.

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Rot wie die Hölle, die ihn ausspuckte: David verwandelt das namenlose Kleinstädtchen in ein loderndes Inferno. Die Haare liegen allerdings auch dann noch perfekt. Gut so.
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Mittendrin und einfach mal so gibt es dann auch Coming-of-Age-Elemente, wenn Annas Bruder Luke (Brendan Meyer) den neuen Familienschutzengel auf gemeine Schulrowdys ansetzt. Oder er dessen virile Gewaltausbrüche zu dulden bereit ist, so lange David sich als guter Freund erweist. Ganz langsam schaufelt „The Guest“ dabei eine psychopathische Kehrseite seines Kriegsheimkehrers frei: Kein Heldenpopanz, keine Anmut, nur blanker Wahnsinn.

Und trotzdem wird man den Film trotz behelfsmäßiger Attribute nie recht zu fassen bekommen. Regisseur Adam Wingard behauptet zwar, „The Guest“ sei vor allem von „Halloween“ (1978) und „The Terminator“ (1984) inspiriert, aber das kann allenfalls ein vager Hinweis auf atmosphärische Vorbilder sein. Der Film ist gerade deshalb ein großer Spaß, weil er sich Zuschreibungen letztlich konsequent verweigert. Und man nie wissen kann, wann und wie er seine Richtung als nächstes ändern wird.

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Kavallerie im Anmarsch, nützt aber auch nichts mehr: Eine von Major Carver (Lance Reddick) angeführte Spezialeinheit nimmt es eher kläglich mit David auf.
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Das heißt keineswegs, Wingard und sein Stammautor Simon Barrett würden nicht erneut zahlreiche nerdfilmgeschichtliche Echos produzieren. Aber sie bleiben darin angenehm unkonkret. „The Guest“ ist nicht bloße Zitatsammlung, nicht nur postmoderne Spielerei, sondern das entspannte Amalgam eines vergangenen Genrekinos. Mit viel Liebe zum Detail gegossen, mit dem richtigen Gespür für sinnlichen Unfug: Als Lance Reddick („The Wire“) in den Film tritt, wird es noch mal richtig durchgedreht.

Aberwitziges Potpourri aus filmischen Motiven und Einflüssen, das zugleich auch eine wunderbare Absage an gängige Genre-Schubladen ist. Großartig.Fazit lesen

Reddick spielt Major Carver, den Kopf irgendeiner militärischen Sondereinheit. Er lüftet das Geheimnis um David, benötigt dafür aber gottlob nur wenige Sätze. „The Guest“ erklärt seinen Widersinn nicht, er kostet ihn voll aus. Kein Film für Wahrscheinlichkeitskrämer, eher ein Gegenprogramm zum High-Profile-Kino all der Jason Bournes. Und das ohne demonstrative Ironie – wo schon Davids schelmisches Grinsen genügt, um hier immer auch ein Augenzwinkern zu vermuten.

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