Eli Roth meint es nicht gut mit Menschen. Er schickt kulturfremde US-Rucksacktouristen in osteuropäische Folterkammern. Er lässt knapp bekleidete Studentinnen von sadistischen Geschäftsmännern ersteigern. Und nun hat er auch noch große Freude daran, vegane Weltverbesserer fröhlichen Kannibalen zum Fraß vorzuwerfen. Sein neuer blutbesudelter Film also, die Italokino-Hommage „The Green Inferno“, bestätigt Eli Roth abermals als einen besonders verschmitzten Misanthropen des gegenwärtigen Horrorkinos.

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The Green Inferno - Schönes, leckeres Menschenfleisch!

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„Die weiße Göttin der Kannibalen“: Justine (Lorenza Izzo) soll zubereitet werden.
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Nackt und zerfleischt

Blutbesudelt ist der Film natürlich, weil Eli Roth seinen Figuren schon immer gern beim körperlichen Verfall („Cabin Fever“) oder auch sorgfältigen Zerlegen in sämtliche Einzelteile („Hostel“) zuschaut. Verschmitzt ist er, weil er all diese ohnehin sehr augenzwinkernd gestalteten Plots und Szenarios stets noch mit einer angemessen fiesen Schlusspointe veredelt. Das kann man zynisch finden und plump sowieso. Doch dumm sind Eli Roths Filme erstaunlicherweise nicht. Sie befolgen lediglich das Regelwerk des Splatterfilms, also eine Logik des unausweichlichen Exzesses.

Packshot zu The Green InfernoThe Green Inferno

„The Green Inferno“ macht jetzt da weiter, wo „Hostel 2“ aufhörte: Beim Verderben schöner Menschen, die sich ihr Verderben selbst eingebrockt haben. Der Unterschied zwischen Naivität und Ignoranz spielt bei Eli Roth auch weiterhin nur eine untergeordnete Rolle, im Ergebnis läuft es für seine Figuren nämlich aufs Gleiche hinaus. Die bunte Truppe aus Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten, die hier vom Campus zum Amazonas aufbricht, um indigene Bewohner des Regenwaldes vor skrupellos rodenden Konzernen zu beschützen, hat sich ihr blutiges Schicksal redlich verdient.

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Kreisch und Kot: Mit dieser Figur hatte Eli Roth besonders viel Freude.
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Im Mittelpunkt des Films steht die Studentin Justine (Lorenza Izzo, eine der beiden Femme Fatales aus Roths „Knock Knock“ (id: 2647828)), die aus gutbürgerlichem Hause stammt und ihren Wohlstand mit schlechtem Gewissen ertragen muss. Justine möchte Gutes tun wie ihr Vater (Richard Burgi), der als Anwalt bei den Vereinten Nationen arbeitet. Beeindruckt von Demonstranten, die auf dem Uni-Gelände einen Hungerstreik für krankenversicherte Hausmeister organisieren, begleitet sie den Aktivisten Alejandro (Ariel Levy) und dessen Protestler nach Peru.

Dort gelingt den medienwirksam an Baggern festgeschnallten Aktivisten zwar eine schön sinnfreie Aktion für mehr kritisches Bewusstsein (welche sich später, garstig wie Eli Roth nun einmal ist, als PR-Gag entpuppt). Doch haben die (überwiegend) weißen Erlöser offenbar nicht bedacht, dass ihr brachialer Internet-Stunt selbst ein Eingriff in das Leben der Ureinwohner darstellt: Nicht zuletzt wegen ihrer Bauarbeiterverkleidung werden sie ebenso als Invasoren wahrgenommen wie die schwer bewaffneten Konzernschergen. Und landen daher in Käfigen, um verspeist zu werden.

Sieht nicht gut aus, schmeckt aber vorzüglich: Eli Roth rettet den Kannibalenfilm vor sich selbst.Fazit lesen

Gesalzen und gefressen

Der Kannibalenfilm italienischer Prägung zählt sicherlich zu den infantilsten Un(ter)arten des Exploitation-Kinos. Er ist spekulativ und obszön, vor allem aber widersprüchlich in seiner vordergründig geübten Zivilisationskritik, die jede Lebensalternative zugleich als barbarisch verhöhnt. Filme wie Sergio Martinos „Die weiße Göttin der Kannibalen“ oder Umberto Lenzis „Lebendig gefressen“ wirken heute wie Relikte einer Zeit, in der Genrekino scheinbar alles durfte: Gegenaufklärung, Rassismus, extreme Gewalt gegen Tiere – resistent gegenüber Ideologiekritik und politischer Korrektheit.

Einigermaßen verständlich, dass jemand wie Eli Roth einen ziemlich wehmütigen Blick auf dieses überkommene Kino wirft. Und dass sein Film dabei zumindest dem Titel nach eine Liebeserklärung insbesondere an jenen berüchtigten Kannibalenreißer sein soll, der aus einer vernünftigen Sozialisation mit Splatterfilmen nicht wegzudenken ist: „Cannibal Holocaust“ von Ruggero Deodato, in dem sensationalistische TV-Reporter den Amazonas bereisen und eine Dokumentation namens „The Green Inferno“ produzieren wollen (stattdessen aber Schildkröten quälen und von Kannibalen zerfleischt werden).

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Reminiszenz an Umberto Lenzis „Die Rache der Kannibalen“: Statt Kastration gibt es Ameisen.
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Die unverschämte Härte dieses hierzulande noch immer unter Verschluss gehaltenen Genreklassikers (und Found-Footage-Vorläufers) erreicht Eli Roth natürlich nicht. „The Green Inferno“ ist zu sauber, zu grell und zu brav im Digitallook heruntergefilmt. Dafür aber ist er süffisanter und intelligenter als das Vorbild. Den symbol- und deshalb pseudopolitischen Aktivismus seiner Figuren entzaubert er als puren Narzissmus, der bei kleinsten Irritationen in neokolonialistisches Überlegenheitsdenken umschlägt. An einer Begegnung auf Augenhöhe sind Justine und Co. nie interessiert gewesen.

Eli Roth hat sichtbar Spaß daran, seine Figuren zu entblößen – und er tut das mit vielen kleinen, sicher gesetzten Seitenhieben: Der eine Weltverbesserer konsumiert Gras, das ganz bestimmt nicht fair gehandelt ist; der andere desinfiziert sich bei jeder Gelegenheit die Hände, um mit der Welt, die er zu retten vorgibt, nie allzu sehr in Berührung zu kommen. Wenn diese bigotten Rich Kids also irgendwann Arme und Beine verlieren, um liebevoll gesalzen und gefressen zu werden, kann man Eli Roth nur beglückwünschen: Er hat schon wieder eine wunderbar finstere Komödie im Gewand eines Splatterfilms gedreht.