Wie immer hat Wong Kar Wai lange an seinem neuen Werk gearbeitet. Die Dreharbeiten endeten im April 2010, was folgte war der lange Prozess der Nachbearbeitung, in der der Regisseur den Film von einer vierstündigen Fassung auf gut die Hälfte herunter kürzte.

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Man würde gerne sagen, diesem Umstand sei es zu verdanken, dass der Film so zerfasert in seiner Erzählweise wirkt, aber wohl auch die Langfassung würde nicht dem gerecht, was eine filmische Biographie fordert. Aber die soll „The Grandmaster“ eigentlich gar nicht sein. Oberflächlich ist sie es, tatsächlich interessiert sich Wong Kar Wai aber weniger für die Lebensgeschichte von Ip Man, dem späteren Lehrer von Bruce Lee, als vielmehr für die Essenz des Kung Fu, dem er hier ein Denkmal setzt.

Im Jahr 1936 lebt der 40-jährige Ip Man (Tony Leung) in Foshan und widmet sich ganz und gar dem Kung Fu. Als der Großmeister Gong Baosen in die Stadt kommt, will er sich mit dem besten jungen Kämpfer messen und diesem sein Erbe übertragen. Ip Man stellt sich dem Großmeister und obsiegt, sehr zum Missfallen von dessen Tochter Gong Er (Zhang Ziyi).

Wenig später wird Foshan von den Japanern eingenommen, woraufhin der wohlhabende Ip Man alles verliert, was er besitzt. Auch Gong Er geht es nicht besser, wird ihr Vater doch von seinem Schüler Ma Shan, einem Kollaborateur, getötet. Aber das Leben geht weiter, auch für Ip Man und Gong Er, die sich in den 50er Jahren wieder treffen.

Schönheit der Bilder

„The Grandmaster“ ist ein technisch virtuos gestalteter Film. Wong Kar Wai weiß, wie man das Geschehen in atemberaubend schöne Bilder verpackt. Die schnell geschnittene Action vor gediegenem Dekor, das Verharren auf Regentropfen und Schneeflocken, die durch die Luft wirbelnden Körper, die Zeitlupenmomente – das alles ist ein Bilderreigen, der fast vergessen lässt, dass dem Film etwas Essenzielles abgeht: Gefühl.

In schönen, aber inhaltsleeren Bildern befasst sich Wong Kar Wai mit dem Wesen des Kung Fu und vergisst darüber hinaus, dass eine Geschichte Emotion benötigt, um mitreißen zu können.Fazit lesen

Niemals wird der Zuschauer in die Geschichte hineingezogen. Man steht immer außen vor, erfreut sich an der visuellen Pracht, fühlt für die Figuren jedoch nichts. Zwar ist es schwierig, das Leben eines Menschen in einen Film zu komprimieren, die abgehackte Erzählform funktioniert aber nicht im mindesten. Wichtige Stationen im Leben des Ip Man werden praktisch im Vorbeigehen abgehakt, geradeso, als würde sich der Regisseur nicht dafür interessieren.

The Grandmaster - Die Schönheit des Kung Fu: Eine Ode an Bruce Lee

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Regie-Großmeister Wong Kar Wai ist ein Schwärmer in Bildern.
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So ist der Überfall Japans auf China allenfalls eine Randnotiz, die eingeflochten wurde, weil die Lebensgeschichte des Protagonisten es erforderlich macht, aber für Wong Kar Wai scheint dies eher Störfaktor dessen zu sein, was er eigentlich erzählen will. Im Grunde hätte er sich nicht auf die Lebensgeschichte des Ip Man versteifen müssen, er hätte auch einen ganz und gar von der Historie losgelösten Film machen können, da er in den Mittelpunkt rückt, was ihm wichtig erscheint, aber dem Zuschauer nicht erlebbar gemacht werden kann: die Weisheit des Kung Fu.

Fließende Bewegung

„The Grandmaster“ lebt dann auf, wenn er sich nicht auf die Geschichte konzentrieren muss, sondern den Ip Man im Kampf mit anderen zeigt. Diese Sequenzen sind schön anzusehen, prächtig gefilmt und musikalisch mit elegischem Flair unterlegt, aber sie wirken wie aus einem anderen Film. Denn immer dann, wenn es um die Geschichte geht, erstarrt „The Grandmaster“.

Packshot zu The GrandmasterThe Grandmaster

Die handelnden Figuren bleiben dem Zuschauer fremd. Schicksalsschläge, Verrat, Tod, Rache, das sind alles nur Momentaufnahmen, die behauptet tragisch sind, aber selbst an den Protagonisten abzuperlen scheinen. So sind auch Tony Leung und Zhang Ziyi, deren Figuren eine niemals Wirklichkeit werdende Romanze verbindet, nur Schachfiguren in einem Spiel, das Wong Kar Wai hauptsächlich zur eigenen Belustigung spielt. Er ist der Meister der Bildsprache. Sie ist es, die er hier hemmungslos zelebriert.

The Grandmaster - Die Schönheit des Kung Fu: Eine Ode an Bruce Lee

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Leider bleibt bei aller Opulenz das Gefühl auf der Strecke.
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Verwirrung

Die schnelle Abfolge von verschiedenen Kampfstilen- und Schulen, die Wong Kar Wai hier dem Zuschauer um die Ohren haut, tut ein Übriges, um zumindest das westliche Publikum außenvorstehen zu lassen. Er sorgt für Verwirrung, wo Klarheit vonnöten gewesen wäre, aber das fügt sich ins Gesamtbild eines Films, der einem Flickenteppich gleich nie aus einem Guss ist.