Als sie die Geschichte schrieben, so erklärte Regisseur Zal Batmanglij auf dem Filmfest München, da erschien vielen die Idee einer privat geführten geheimdienstlichen Einrichtung an den Haaren herbeigezogen. Mittlerweile ist das anders, weil Edward Snowden nicht nur die gigantische Überwachungsmaschinerie der NSA bloßstellte, sondern mit seinen Enthüllungen auch verdeutlichte, dass der Staat bei manchen geheimdienstlichen Arbeiten tatsächlich Outsourcing betreibt.

The East - Deutscher TrailerEin weiteres Video

„The East“ ist plötzlich sehr viel aktueller, als man das vor nur wenigen Wochen noch gedacht hätte. Er funktioniert aber nicht nur über diese zusätzliche Schiene, auch die Botschaft, die er verbreitet, ist es wert, darüber zu sprechen.

The East - Überwacht uns und wir überwachen euch! Der Film zum Whistleblower-Skandal

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Verschwörung gegen die Verschwörer: Ellen Page und Alexander Skarsgård.
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Sarah (Brit Marling) war früher für das FBI tätig, arbeitet nun jedoch für eine privat geführte Firma, die sich geheimdienstlich betätigt. Sie soll eine Ökoterrorismus-Gruppe namens The East infiltrieren. Diese hat sich einen Namen gemacht, weil sie die Machenschaften von großen Konzernen anprangern und den Chefs der Firmen am eigenen Leib zeigen, wofür sie verantwortlich sind. Dem CEO einer Firma, die für eine Ölkatastrophe im Meer verantwortlich ist, pumpt die Gruppe massenhaft Öl in seine Villa, damit er einen Bezug zu dem bekommt, was er im Namen des Kapitalismus angerichtet hat.

Es gelingt Sarah tatsächlich, zu einem Mitglied von The East zu werden. Die Gruppe plant ein paar spektakuläre Aktionen. Sarah ist daran beteiligt und verfällt dem Charme des charismatischen Anführers Benji (Alexander Skarsgård). Sie ist hin und her gerissen zwischen ihrer Pflicht und ihrem Gewissen, denn im Grunde heißt sie gut, was The East tut. Doch dann eskalieren die Aktionen immer mehr und die Grenzen zwischen Richtig und Falsch verwischen immer mehr…

Arthaus-Thriller

Brit Marling spielt nicht nur die Hauptrolle, sie schrieb auch am Drehbuch mit. Damit knüpft sie an ihren Erfolg „Another Earth“ an. Erneut hat sie eine facettenreiche Figur erschaffen und spielt diese mit Bravur. Aber: Sie hält sich zurück, ihre Figur ist eine Beobachterin, die aktiveren Handlungsträger sind die Menschen um sie herum. Für Skarsgård und die anderen, darunter Ellen Page, sind ein paar knackige Rollen abgefallen, die die Herausforderung mit sich bringen, dass die Figuren dem Zuschauer sympathisch gemacht werden müssen, obschon sie außerhalb des Gesetzes wandeln.

Packshot zu The EastThe East

Aber das ist auch eine der Stärken des Films, denn obwohl The East gegen Gesetze verstößt, sind ihre Taten moralisch gerechtfertigt. Oder zumindest sagt man sich das als Zuschauer. Aber diese Wahrnehmung ändert sich im Verlauf der Geschichte, weil die Gruppe immer radikaler wird. Es gibt eine unsichtbare Grenze – überschreitet man sie, wird aus Richtig Falsch, aus moralischer Überlegenheit moralischer Verfall.

Cleverer, dem Politthriller der 70er Jahre verhafteter Film, der den Zuschauer auffordert, moralisch Position zu beziehen.Fazit lesen

Mag man es noch als gerechtfertigt ansehen, wenn The East den Mitgliedern eines Pharmakonzerns bei einer Party heimlich den Wirkstoff verabreicht, den diese hundertausendfach den amerikanischen Truppen zuführen (und teils verheerende Nebenwirkungen haben), so ändert sich dieser Eindruck von Minute zu Minute mehr.

The East - Überwacht uns und wir überwachen euch! Der Film zum Whistleblower-Skandal

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Zwiespältig: The East ist strukturiert wie eine Sekte.
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Das auch, weil die Gruppe um Benji wie eine Sekte gezeichnet wird. Er ist der charismatische Anführer, der die verlorenen Seelen um sich schart, die nach Sinn und Zweck in ihrem Dasein suchen. In der Beziehung erinnert der Film ein wenig an „Martha Marcy May Marlene“, psychologisiert aber weniger, sondern charakterisiert durch die Aktionen seiner Figuren.

Marling und Batmanglij ziehen Parallelen zum religiös motivierten Terrorismus nahöstlicher Art – bewusst oder auch unbewusst. Mit einer Sequenz, die an die rituelle Waschung erinnert, der sich Dschihadisten unterziehen, bevor sie zur Tat schreiten, wird dieser Eindruck erweckt.

Wo stehst du?

Es ist das Verdienst der beiden Autoren, dass sich „The East“ nicht in purer Schwarzweißzeichnung ergeht. Zwar werden die Zielpersonen, die von The East attackiert werden, recht eindimensional gezeigt, aber das liegt letztlich daran, dass man auf sie nur den Blick von außen hat – was sie bewegt und antreibt, kann man vielleicht erahnen, nicht jedoch sehen.

Viel interessanter ist die Gruppe selbst, da man sich als Zuschauer mit der Frage konfrontiert sieht, auf welcher Seite man selbst stehen würde. Die eigene Moral wird herausgefordert, auch und gerade deswegen, weil man die eigenen moralischen Vorstellungen bei jeder neuen Aktion von The East abklopft, um zu sehen, ob man noch mit der Gruppe d’accord geht.

Das ist die große Klasse von „The East“, der jedoch nicht nur mit der Moralfrage punkten kann, sondern auch als Spionagethriller bestens funktioniert.