Köpfe würden rollen, wenn sich der Staub erst einmal gelegt habe, schrieb Peter Debruge, einer der Chefkritiker des altehrwürdigen Branchenblatts Variety, im Fazit seines Komplettverrisses zu Ridley Scotts „The Counselor“. Und es werde kein schöner Anblick sein, das (Sinn-)Bild all der enthaupteten Talente, die diesem Film ihr Vertrauen schenkten, so Debruge. Eine bitterböse Besprechung, deren Urteil jedoch von der US-Kritik fast einhellig geteilt wurde.

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Kein Land für alte Männer

Mit einem Tomatometer von lediglich 37% und sogar noch wesentlich weniger Zuschauerwertschätzung (für gewöhnlich ist das Verhältnis umgekehrt), markiert „The Counselor“ auf Rotten Tomatoes eine der größten Enttäuschungen des Kinojahres. Und das nicht nur, aber wohl doch entscheidend, gemessen an den Erwartungen, die Kritik und Publikum an einen Film von Ridley Scott und ganz besonders das erste Originaldrehbuch des Schriftstellers Cormac McCarthy stellten.

The Counselor - Wir erwarteten ein Meisterwerk und bekamen... das da

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Femme Fatales à la Cormac McCarthy: Cameron Diaz und Penélope Cruz.
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Der 80jährige Pulitzerpreisträger, Intellektuellenliebling und selbstverständlich begnadet talentierte Autor schrieb mit Romanen wie „Blood Meridian, Or the Evening Redness in the West“ (Die Abendröte im Westen) oder „The Road“ (Die Straße) junge Literaturgeschichte. Die Verfilmung seines „No Country for Old Men“ unter der Regie der Gebrüder Joel und Ethan Coen gewann vier Oscars in sogenannten Hauptkategorien, unter anderem für den besten Film und die beste Regie.

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Wenn McCarthy, in gewisser Hinsicht ja so etwas wie US-amerikanisches Nationalheiligtum, dann erstmals ein eigenes Drehbuch zu einem Kinofilm schreibt, darf dabei wohl nur ein Meisterwerk entstehen. Und ist genau das schlussendlich nicht der Fall, muss die Häme melodramatisch aus Eimern gießen. Ja, das Script zu „The Counselor“ ist enttäuschend, es ist denkbar banal und wahrscheinlich auch bedauerlich uninteressant, aber es ist nicht skandalös schlecht. Nur selbstverliebt schlecht.

Michael Fassbender spielt ihn, den Titel gebenden Counselor, einen namenlosen Rechtsanwalt im Zentrum riskanter Geldgeschäfte und, wie er alsbald erfahren muss, lebensgefährlicher Drogenkartelle nahe der mexikanischen Grenze. Die Gier nach Reichtum treibe ihn an, sagt er einmal, eine Gier, die ihn sogar nach Amsterdam befördert, nur um seiner Geliebten Laura (Penélope Cruz) einen Verlobungsring mit hochkarätigem Diamant schenken zu können.

Nicht das von der US-Kritik ausgerufene Debakel, aber für Fans von Cormac McCarthy oder Ridley Scott zweifellos eine massive Enttäuschung.Fazit lesen

Als der vom Counselor gemeinsam mit Reiner (Javier Bardem) und Westray (Brad Pitt) geschmiedete Plan, einen mit Drogen im Wert von über 20 Millionen US-Dollar beladenen Truck zu überfallen, misslingt, gerät er in die Schusslinie: Sowohl seine Mandantin Ruth (Rosie Perez), die ihm fälschlicherweise die Schuld am Tod ihres Sohnes und Kartellmitgliedes „The Green Hornet“ gibt, als auch die Drogenbosse wollen den Anwalt tot sehen. Nicht unbeteiligt am Fiasko ist dabei Reiners Freundin Malkina (Cameron Diaz).

Einer der Hauptkritikpunkte, nicht nur seitens Debruge, richtete sich gegen die vermeintlich undurchsichtige Handlung, den verworrenen Plot, das kaum nachvollziehbare Gebilde aus Machtstrukturen und deren Akteuren. Tatsächlich aber beschreibt „The Counselor“ lediglich einen Drogentransport, auf dessen Wegen unterschiedliche Interessen kollidieren. Dieser Geschichte zu folgen, bedarf weder übermäßig erhöhter Aufmerksamkeit noch sonderlicher Rätselraterei.

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Westray (Brad Pitt) warnt den Counselor (Michael Fassbender) vor den Gefahren des Drogengeschäfts.
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Konventionelle Räuberpistole

Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Die sehr behäbigen, einer kriminellen (und dadurch für uns natürlich ein stückweit abstrakten) Logik folgenden Ereignisse bleiben sogar vollkommen überschaubar. Dramaturgisch ist der Film einem klaren Aktions-Reaktions-Prinzip verpflichtet, das von der Brad-Pitt-Figur auch ausreichend erläutert wird (besonders effektiv anhand des Snuff-Video-Beispiels). Zumindest im narrativen Sinne wahrlich nicht komplex.

Verwirrung stiften, wenn überhaupt, eher Cormac McCarthys Versuche, diese eigentlich ziemlich konventionelle, dutzendfach gesehene Räuberpistolen-Story mit seinen bevorzugt naturalistischen, Alltagsbanalitäten mystifizierenden Dialogen zu verschleiern. Da wird großes Wortgewese um nicht immer große Erkenntnisse gemacht, wird in ausdauernden Gesprächen bedeutungsschwanger über viel Gewöhnliches sinniert. Mit einigen, immerhin und zugegeben, recht schmissigen Punchlines.

Das kann dann zwar den Eindruck vermitteln, hier ginge es tatsächlich um eine Menge, aber es kann einem auch ganz schön auf die Nerven gehen in seiner letztlich doch eher durchschaubaren Wichtigkeitsmasche. Während des finalen Telefonats zwischen Michael Fassbender und dem Kartellboss überhöht McCarthy die Drogengeschäfte gar zu einer Art existenzialistischen Todesphilosophie, die gleichermaßen hohl wie leider auch total egal anmutet nach zwei zähen Kinostunden im Arschlochbusiness.

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Diese Frisur! Javier Bardem, nach „No Country for Old Men“ zum zweiten Mal in einem McCarthy-Film mit extravagantem Haarschnitt zu sehen.
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Regisseur Ridley Scott, der für die große Enttäuschung über diesen Film sicherlich kaum verantwortlich gemacht werden kann (schließlich ist „The Counselor“ nur ein weiterer schwacher Eintrag in dessen nun gar nicht mal so makelloser Karriere), hält sich inszenatorisch auffällig zurück. Er lässt den McCarthyschen Dialogen viel Raum, schneidet oft sanft zwischen Figuren und Settings, verzichtet größtenteils auf formal prahlerische Interventionen – als sei dies erst in zweiter Linie sein Film.

Sehr Scott-typisch hingegen ist der Look von „The Counselor“ gestaltet, immer möglichst gut aussehend, stilvoll und extravagant farbkorrigiert. Diese stilisierte Politur der Bilder aber beißt sich merklich mit der vermeintlichen Schmutzigkeit des Erzählten. Nicht einmal Oliver Stone, dessen „Savages“ zuletzt Ähnliches zum Thema hatte, verlieh dem dargestellten Drogenkrieg ein derart geschmeidiges Antlitz. Hier hätte sich Ex-Werbefilmer Scott endlich einmal von seiner allzu unbekehrbaren Hochglanzverliebtheit lossagen dürfen.