„The Call – Leg nicht auf!” demonstriert anschaulich, dass sich ein gekidnapptes Mädchen auch dann nicht leichter aus den Fängen eines brutalen Psychopathen befreien lässt, wenn es parallel zur Entführung stundenlang mit Halle Berry telefoniert. Das Martyrium der „Little Miss Sunshine“ Abigail Breslin geht indes nicht nur zu Lasten ihrer Handyrechnung, sondern strapaziert auch gnadenlos das Nervenkostüm des Publikums.

Glühende Leitungen!

Mit dem gleichnamigen japanischen Horrorfilm von 2003 hat dieser Psychothriller allerdings nichts zu tun, dessen englischsprachiges Remake ging ja bereits vor einigen Jahren sang- und klanglos unter. „The Call“ ist lediglich ein weiteres kostengünstiges Star-Vehikel der Halle Berry (siehe auch: „Gothika“ oder „Verführung einer Fremden“), bei dem der für sein recht solides Thrillerhandwerk geschätzte Regisseur Brad Anderson („The Machinist“) als Erfüllungsgehilfe fungieren muss.

The Call - Leg nicht auf! - Für die Logik gilt hier: Kein Anschluss unter dieser Nummer

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Notruf-Callcenter-Agentin Halle Berry unternimmt via Headset alles…
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Nicht nur dessen Leitungen glühen schon zu Beginn, als Bilder des nächtlichen Los Angeles mit übereinander gelegten Notrufen subtil auf das Thema des Films einstimmen. Jordan (Berry) ist 911-Operator in einem Callcenter, muss also binnen weniger Sekunden am Telefon auf Notfälle reagieren, die wichtigsten Daten notieren und umgehend an Polizei oder Rettungsteams weiterleiten. Für ein junges Mädchen kommt jedoch jede Hilfe zu spät. Jordan muss mithören, wie es von einem Einbrecher entführt wird.

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Den Tod des Mädchens hat die Notruf-Callcenter-Agentin auch sechs Monate später noch nicht verarbeitet, statt zu telefonieren arbeitet sie seither im Recruiting. Vater Zufall will allerdings, dass just in jenem Moment ein neuer Entführungsfall durchgestellt wird, als Jordan in der Nähe eines Telefons steht. Sie übernimmt den Anruf und wird prompt an ihr eigenes Trauma erinnert: Die gekidnappte Casey (Abigail Breslin) meldet sich aus dem Kofferraum eines über den Freeway bretternen Autos!

Um die Dramaturgie des Films nicht zu gefährden, hat der Entführer es freilich versäumt, dem Mädchen das Handy abzunehmen! Und er hat auch nicht bemerkt, dass es auf Anweisung von Jordan literweise Farbe aus dem Kofferraum laufen lässt! Dennoch will es der mit Hubschraubern und Fahrzeugen im Einsatz befindlichen Polizei nicht gelingen, sein Auto ausfindig zu machen! Obwohl der Psychopath sogar zwischenzeitlich noch unbemerkt einen Passanten ermordet, am helllichten Tag nebst Berufsverkehr!

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…um Entführungsopfer Abigail Breslin weitere weiße Farbe an Hand und Haar zu ersparen.
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Eine Stunde Filmlaufzeit vergeht, ehe das sagenhaft unnütze Notruf-Gespräch endlich beendet ist. Die Ermittler kennen zwar nun die Identität des Entführers, haben aber keinen Schimmer, wo er und sein Opfer sich befinden. Im Sinne Halle Berrys, deren Job im Callcenter sich mit Erlischen des Handyakkus eigentlich erledigt hat, muss der Film aber weitergehen. Also haben sich die insgesamt drei Storytüftler für sie etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Jordan legt das Headset ab und ermittelt auf eigene Faust!

Edel-C-Movie-Klischeezirkus

Der dramatische Schlussakt von „The Call“ soll jetzt natürlich nicht verraten werden, aber so viel sei versichert: Selbst Zuschauer, die Filme nicht unentwegt auf vermeintliche Logik abklopfen, die sich nicht an Unwahrscheinlichkeiten stören und den Kinofantasien gern ihren freien Lauf zugestehen, werden tief in ihren Kinositz sinken ob des unglaublichen Drehbuchschwachsinns dieses hanebüchen konstruierten Edel-C-Movies.

Und davon sind gar nicht einmal nur die üblichen empfangsuntauglichen Mobiltelefone, unverständlich handelnde Randfiguren oder die bemerkenswert untüchtige Polizeiarbeit betroffen, sondern eher ein Handlungsgerüst, das schon bei der kleinsten verstandesmäßigen Korrektur in sich zusammenkrachen würde. So viel zweckmäßig funktionalisierte, schlecht gesponnene Suspense-Momente gab es lange nicht mehr zu sehen.

Zwei Mitleidspunkte für den ungehobelten Mut, einen solchen Schwachsinn tatsächlich aufs Kinopublikum loszulassen. Always beware the Mobiltelefon!Fazit lesen

Das lautstarke Seitengeraschel und die Idiotie des Plots einmal außer Acht gelassen, übertritt der Klischeezirkus aber leider auch nie die Schwelle zum vergnüglichen Vollquatsch, denn dazu atmen das übertrieben engagierte Spiel Berrys und die großspurig auf Spannung getrimmte Regie nicht genug die Luft freimütigen Schunds. Insbesondere der treibende Electro-Score von John Debney suggeriert konfusen Nervenkitzel, der sich auch im schrottreifen Finale nicht einstellen will.

Dieses bemüht dann natürlich auch noch die Folterbilder des jüngeren Horrorkinos und ist sich sogar für einen Schlenker Richtung Vigilanten-Fantasie nicht zu schade, aber das nützt alles nichts mehr. Bedauerlich, dass TV-Serien-Gesicht Michael Eklund („Shattered“, „Terminal City“, „Intelligence“) sein, pardon, grenzdebiles Psychopathen-Overacting dann bereits vor überwiegend schlafenden Publikumsaugen aufführen muss.

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Am Ende ist das Gekreische dann groß. Nein, ich will nicht in den Kofferraum!
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Für Regisseur Brad Anderson ist „The Call“ eine weitere verpasste Gelegenheit, seine an Hitchcock geschulte Thriller-Methodik im größeren Stil durchspielen zu können. Ausgerechnet mit diesem Film nun, der kaum etwas von seinen ungleich besseren Arbeiten, etwa „Session 9“ oder dem liebevoll-altmodischen „Transsiberian“, erahnen lässt, gelang ihm in den USA sein erster moderater Kassenerfolg. Da glühen die Leitungen wahrlich unverdient.