Über 250 Millionen Dollar und damit das Vierzigfache seiner Kosten hat „Annabelle“ vor gut einem Jahr an den Kinokassen eingespielt, wenn auch erstaunlicherweise keinen neuen Doll-Horror-Trend wie einstmals „Chucky – Die Mörderpuppe“ gesetzt. Nun allerdings bekommt das rothaarige Gruselpüppchen aus „The Conjuring“ doch noch Konkurrenz. „The Boy“ erzählt von einer Babysitterin, die sich um den Brahms getauften Porzellanjungen eines alten Ehepaars kümmern soll. Den Job hält die junge Frau zunächst für einen Witz, ahnt jedoch bald, dass die Puppe tatsächlich ein unheimliches Eigenleben besitzen könnte.

The Boy - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

Da hilft nur Rotwein

Seine schräge Prämisse verkauft der Film erst einmal ganz gut. Lauren Cohan, bekannt aus „The Walking Dead“, spielt eine Amerikanerin, die vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund nach England flüchtet und den sonderbaren Babysitter-Job trotz alledem als willkommene Abwechslung empfindet. Mehrere Wochen lang soll Greta sich um Brahms kümmern und ihn behandeln, als sei er ein Junge aus Fleisch und Blut. An die ihr aufgetragenen Regeln – der Puppe vorzulesen, sie anzukleiden und rundum zu bespaßen – hält sie sich freilich nicht, kämpft aber schnell mit dem schlechten Gewissen, für diese Arbeit überhaupt bezahlt zu werden.

Von sporadischen Besuchen des Lebensmittellieferanten Malcolm (Rupert Evans) abgesehen, verbringt Greta die meiste Zeit allein im abgelegenen englischen Anwesen. Das wohlhabende Ehepaar Heelshire (Diana Hardcastle und Jim Norton), erfährt sie vom ihr Avancen machenden Malcolm, habe den Tod seines tatsächlichen Sohnes Brahms nie verkraftet. Er ist nach einem ungeklärten Mordfall vor vielen Jahren ums Leben gekommen, kurz darauf sei die Puppe im Haus aufgetaucht. Internet und Handyempfang gibt es dort praktischerweise nicht, weshalb Greta jeden Abend Rotwein trinkt (nettes Detail) und sich also vorzüglich langweilt.

The Boy - Gruselige Puppe, die nächste

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High Five: Greta (Lauren Cohan) und ihr Schützling Brahms.
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Cohan versucht einiges aus der Figur zu machen. Während sie Greta erst mit ironischer Distanz und bald ängstlicher Unsicherheit spielt, meint man in ihren großen Augen von Beginn an eine tiefe Verletzlichkeit zu erkennen. Viel zu tun gibt ihr „The Boy“ zwar nicht, gewiss aber würde man anderen Schauspielerinnen deutlich weniger gern beim Nichtstun zuschauen – mit Ausnahme vielleicht jener ehemaligen Leading Ladys des klassischen Hollywoodkinos, die im fortgeschrittenen Alter Spätkarrieren als Hauptdarstellerinnen billiger Horrorfilme starteten. Man denke an Joan Crawford oder Bette Davis, die auf Brahms mit wunderbar derangiertem Entsetzen reagiert hätten.

Harm- und humorlos

Die durch eine tragische Backstory behauptete Glaubwürdigkeit von Cohans Figur zerschlägt „The Boy“ allerdings zügig. Dass Greta den höchst unerklärlichen Vorkommnissen um ihren Porzellanzögling mit einer unwahrscheinlichen Selbstverständlichkeit entgegentritt, lässt sich jedenfalls auch im Sinne eigenwilliger Genrelogik nicht recht nachvollziehen. Wenn schließlich aus heiterem Himmel noch ihr brutaler Ex-Freund auftaucht (der ziemlich fix von den USA nach Großbritannien gereist zu sein scheint und sich offenbar problemlos Zugang zum Anwesen verschaffen konnte), ist es mit dem ernstzunehmenden Grusel endgültig vorbei.

The Boy - Gruselige Puppe, die nächste

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Auch Malcolm (Rupert Evans) muss man nicht lange überzeugen, dass in der Puppe mehr als nur Porzellan steckt.
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Der Film versäumt es außerdem, seinen atmosphärischen Schauplatz effektiv zum Einsatz zu bringen. Wer mutterseelenallein Zeit auf dem Gelände einer britischen Grafschaft totschlagen muss, wird sich früher oder später auf Entdeckungstour begeben. In Ti Wests „The House of the Devil“ etwa untersucht eine Babysitterin jeden Winkel des Anwesens, in dem sie eine Nacht verbringen soll, was nicht nur der zunehmend unerträglicheren Spannung dienlich ist, sondern den Spielort selbst zu einem schaurigen Protagonisten werden lässt. „The Boy“ hingegen vermittelt kein Gespür für die unheimliche Größe des Hauses und nutzt auch nicht dessen Räumlichkeiten – die, was umso fataler ist, gegen Ende eine besondere Rolle spielen.

Schräge Prämisse, die nur mit einem Bekenntnis zum ganz großen Genrewahnsinn zu retten gewesen wäre.Fazit lesen

Im Schlussakt verweisen Regisseur William Brent Bell und das Drehbuch einer gewissen Stacey Menear dann ziemlich plötzlich (sowie ziemlich frech) auf „Bad Ronald“ (1974) und erinnern ans selige Horrorkino der 1970er-Jahre. Dem kommerziell wieder einmal allzu lukrativen PG-13-Rating ist es geschuldet, dass dieses gar nicht mal uncharmante Finale jedoch zu harmlos bleiben muss, um wirklich verstören zu dürfen. Selbst die inhaltlich vergleichbare neuseeländische Gruselkomödie „Housebound“ wirkte in ihren weniger amüsanten Momenten unheimlicher als ein Großteil des dezidiert humorlosen „The Boy“.