Das neueste Blutgericht in Texas hat es nach seinem mageren US-Einspiel nicht in die deutschen Kinos geschafft. „Texas Chainsaw 3D“, der seltsamerweise ohne Massacre im Titel auskommen muss, erscheint nun direkt auf DVD und Blu-ray. Constantin Film konnte für die ungeschnittene Kinofassung zwar immerhin eine FSK-Freigabe erwirken, die blutigere Unrated-Fassung wird aber vorerst nur in den USA via Video-on-Demand veröffentlicht.

Prequel-Sequel-Remake

Das TCM-Franchise gehört zu den qualitativ stabilsten Serien im Horrorgenre. Auch fast 40 Jahre nach Tobe Hoopers wegweisendem „The Texas Chainsaw Massacre“ haben Leatherface und seine All-American-Kannibalensippe kaum an Faszination eingebüßt. Zu kraftvoll führten selbst die weniger gelungenen Einträge der Serie die archaisch-brutale Abgründigkeit des Stoffes vor, zu attraktiv haben selbst die aufpolierten neueren TCM-Filme mit der Ästhetik von Kettensäge und Lederhaut gespielt.

Texas Chainsaw - Wo ist das Benzin für die Kettensäge?

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Und wieder macht sich eine Gruppe von Jugendlichen in einem Van nach Texas auf. Eigentlich müssten sie es doch allmählich besser wissen!
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Dabei variierten sie die Idee des 74er-Originals allesamt nur marginal. Tobe Hoopers eigene Fortsetzung, „Texas Chainsaw Massacre 2“ (1986), wiederholte die Prämisse des Erstlings mit einem tonalen Wechsel und präsentierte das bunte Treiben der Saw-Family als komödiantisch pervertierten Jahrmarktshorror. „Leatherface“ (1990) mischte beide Ausrichtungen und verband stilisierten Terror mit ironischem Sadismus. Beide Filme sind vergleichsweise unterschätzt.

Kim Henkel drehte mit „Die Rückkehr“ 1994 ein weiteres Remake des Stoffes, in dem Leatherface als Drag-Queen der Prom-Night-Diva Renée Zellweger nach dem Leben trachtet. Die videoclipartige Frischzellentherapie durch Marcus Nispel verhalf der Serie 2003 dann zu einem kommerziellen Comeback, das „The Beginning“ erfolglos fortzuführen versuchte. Als Prequel getarnt, bat auch dieser TCM-Film ein weiteres Mal vermeintlich zivilisierte Teenager zur texanischen Mahlzeit.

Die neue Version der selbstverständlich auch weiterhin gleichen Geschichte ignoriert nun ganz kokett alle bisherigen Sequels und knüpft unmittelbar an Hoopers Original an. Während der gelungenen Titelsequenz vereint „Texas Chainsaw“ noch einmal dessen ikonische Höhepunkte und bindet sie leicht verfremdet in die visuell schnittige Präsentation des gegenwärtigen Horrorfilms ein. Regisseur John Luessenhop („Takers“) setzt genau dort an, wo das 74er-Vorbild aufhörte.

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Und dann beginnt wieder das große Gekreische, wenn Leatherface zum Spielen ausrückt.
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Nach Marilyn Burns’ Flucht und dem berühmten finalen Kettensägentanz von Leatherface erscheint die Polizei vor dem Haus der Saw-Familie – und mit ihr auch ein Lynchmob aufgebrachter Texaner. Dieser setzt das (dem Original maßstabs- und detailgetreu nachempfundene) Haus eigenmächtig in Flammen, lediglich ein Baby überlebt den Akt hinterwäldlerischer Selbstjustiz. Dann folgt der Schnitt in die Gegenwart, und man ahnt es schon: Nicht nur ein Neugeborenes konnte dem Feuer entkommen.

The Saw is Family

Das Saw-Familienmitglied ist mittlerweile zu einer jungen Frau herangewachsen, die jedoch keinen Schimmer von ihrer Vergangenheit hat. Als Heather (Alexandra Daddario) ein Schreiben über die Nachlassverwaltung ihrer bisher unbekannten Großmutter erhält, bricht sie gemeinsam mit drei Freunden (Mahlzeit!) nach Texas auf. Ihr Erbe umfasst allerdings nicht nur eine luxuriöse Villa, sondern auch die Vormundschaft für Cousinchen Leatherface (Dan Yeager), das im Keller schon mal die Blätter seiner Motorsäge poliert.

Der neueste TCM-Film stellt das Original vollständig auf den Kopf – und dennoch mundet das Blutgericht in Texas nach wie vor. Leatherface ftw!Fazit lesen

Es bleibt unklar, wie viele Jahre nun seit den Geschehnissen des ersten Films bzw. des Einstiegs vergangen sind. Heather vermittelt nicht gerade den Eindruck einer fast 40-jährigen Frau, bedeutend weniger Zeit kann allerdings nicht verstrichen sein, spielen doch brandneue Smartphones eine entscheidende Rolle im Film. Auch scheint die Saw-Family sich zu Beginn des Films binnen weniger Minuten verdreifacht zu haben – am Ende des 74er-Originals schien sie jedenfalls noch nicht 15-köpfig.

Von besonderem Reiz ist hingegen allemal, wie „Texas Chainsaw“ eine Brücke zu Hoopers Meisterwerk schlägt. Bemüht er zunächst abermals (und beachtenswert stur) die abgestandenen Teen-Slasher-Elemente samt Kettensägen-Hatz und Cameo-Auftritten der Originaldarsteller Gunnar Hansen, Marilyn Burns, John Dugan und Bill Moseley (remember: Chop-Top), verleiht er der Geschichte im letzten Drittel einen neuen Dreh. Und er verlagert radikal das Identifikationsangebot: The Saw is Family, das gilt auch fürs Final Girl.

Dank seiner munteren Weiterführung des Originals (die natürlich auch dessen Konventionalisierung bedeutet), geht „Texas Chainsaw“ mit dem Vorbild respektvoll und rabiat zugleich um. Die Figur Leatherface führt er wenig schmeichelhaft vor, beraubt sie fast ihres Schreckens. Ob man das als Schindludertreiben mit dem Klassiker oder aber folgerichtige Banalisierung einer Genre-Ikone, die sich ohnehin längst selbst überholt hat, empfinden mag, müssen Fans für sich entscheiden.

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Ob wenigstens Heather (Alexandra Daddario) vor der Kettensäge ihres Cousinchens verschont wird?
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Letztlich vertraut auch der siebte TCM-Film ganz der viehischen Härte des Stoffes, die dem mittleren Süden der USA mit durchsäbelten Gliedmaßen und zertrümmerten Köpfen (s)ein wahres (Leder-)Gesicht verleiht. Noch immer träumt die Serie den Americana-Albtraum so drastisch wie attraktiv, so schockierend wie vergnüglich – nur echt in der Ästhetik einer unaufhörlich rotierenden Kettensäge, die sich erbarmungslos durchs Teenager-Fleisch frisst.