Liebe in der modernen Welt: Dauerfrust dank Jobstress macht über kurz oder lang der Libido zu schaffen und wenn dann gar nichts mehr geht, ist guter Rat teuer. Aber zum Glück existiert das Internet und so wird schnell klar, dass es eine Menge Menschen gibt, die den aufreibenden Alltag gerne auf eine ganz bestimme Weise weit, weit hinter sich lassen - willkommen in der Welt von „Swinger“!

Junges Paar, altes Problem

Erzählt wird die Geschichte von Alice und David, einem jungen Paar, dessen Problem sich aber trotzdem schon reichlich alt anfühlt: Im Bett geht nichts mehr - schuld ist der Alltag: David lässt sich nicht nur gerade von seiner Frau scheiden, er steht auch unter dem Druck eine neue Arbeit finden zu müssen und Alice bekommt die Hiobsbotschaft, dass das Magazin, für das sie arbeitet, eingestampft wird, wenn die Verkaufszahlen nicht bald ordentlich anziehen. Der Zufall führt eins zum anderem: Während David eines Tages in der Warteschleife des Arbeitsamts hängt, klickt er gedankenverloren im Internet rum und landet zufälligerweise auf einer Swinger-Webseite. Mit dem Erfolg, dass sich in der Lendengegend plötzlich was regt.

Als Alice dahinter kommt, dass ihr Schatzerl anstatt Jobs lieber Sexseiten sucht, ist sie natürlich erst mal entsetzt, kurz darauf blitzt aber eine Idee auf: Vielleicht könnte ihr eine Reportage über die Swingerszene den Arbeitsplatz retten? Nur schreibt sich’s am besten über ein Thema, wenn man einen direkten Bezug dazu hat - und so werden erste Ausflüge in die Welt der wechselnden Pärchen gestartet…

Swinger - Von Erektionsstörungen, Gruppensex und wahrer Liebe

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Füreinander geschaffen - Alice und David.
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Es ist kein Geheimnis, dass US-Produktionen in Sachen Erotik immer extrem lahm sind. Es muss ja auch nicht gleich in Richtung Porno marschieren, aber es ist schon einzigartig wie im amerikanischen Kino mit dem Thema Sex umgegangen wird - aktuellster Beweis ist wohl die Verfilmung von „50 Shades of Grey“, die einen ohnehin schon nicht allzu drastischen Hausfrauenerotik-Wälzer auf Teletubbie-Niveau runterdampfte und zwar die Kassen füllte, aber auch allerhand trockene Schlüpfer hinterließ.

Für Abhilfe an dieser Front könnte vielleicht die britische Produktion „Swinger“ des Regie-Neulings Colin Kennedy sorgen, die sich im Kern gar nicht mal so sehr von „Shades“ unterscheidet, denn es wird ebenfalls eine Liebesgeschichte erzählt, der vermeintlich „anstößige“ Erotik beigemischt wurde, die hier aber weitaus unverklemmter gehandhabt wird: Es gibt nicht nur Brüste und Muschis zu sehen, auch ein stattlicher Riemen schwengelt sich ins Bild.

Packshot zu Swinger - Verlangen, Lust, LeidenschaftSwinger - Verlangen, Lust, Leidenschaft

Allerdings fährt die britische Produktion inhaltlich eine etwas andere Route: Der gut aussehende, geheimnisvolle Milliardär ist hier ein gut aussehender, arbeitsloser Designer mit Erektionsstörungen und die Unschuld vom Lande seine Freundin, eine toughe Journalistin die unter großen beruflichen Druck steht - willkommen in der Realität!

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Im Dunkeln ist manchmal doch nicht so gut munkeln.
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„Swinger“ ist die Verfilmung des Romans „Swung“ des schottischen Autors Ewan Morrison, dessen Bücher stark autobiografisch geprägt sind - das was er in seinen Roman schildert, hat er in der Regel auch vorher ausprobiert, weil er glaubt, dass nur Eigenerlebtes ihn dazu befähigt, über die jeweiligen Themen zu schreiben. Und vielleicht fühlt sich tatsächlich aus gerade diesem Grund die Geschichte so unverkrampft und realistisch an, denn es werden gekonnt alle Klischee-Fallen umschifft, die man mit dem Thema so verbindet. Nein, es sind nicht nur unattraktive Durchschnittsmenschen aus den RTL-II-Trashfernsehen, bei denen sonst nichts los ist, die sich nach Amüsement dieser Art sehnen.

Von klein bis groß, von dünn bis fett, von megahübsch bis super-ugly swingt jeder. Und nein, pervers oder zumindestens irgendwie „komisch“ ist da auch nichts, jeder findet halt auf seine Art zu seinem Glück. Aber, und das ist ein entscheidender Punkt in Kennedys Film: Es wird nichts glorifiziert. „Swinger“ scheut sich nämlich ebenso nicht davor aufzuzeigen, dass das Thema durchaus ganz schön ordinäre Aspekte hat (was besonders bei beim ersten Treffen mit einem Proleten-Pärchen mehr als deutlich unterstrichen wird) und - besonders wichtig - dass Swingen nun mal auch nicht für Jedermann geeignet ist.

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Wenn Fantasien wahr werden...
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Im Grunde wird hier eigentlich nichts weiter als eine altmodische Liebesgeschichte erzählt - lediglich mit modernen Akteuren, die sich in einer hektischen, unübersichtlichen, globalisierten, vom Kapitalismus zerfressenen Welt irgendwie zurechtfinden müssen und dabei nichts sehnlicher wünschen als zur Ruhe zu kommen und das am besten gemeinsam. Sich über sein Innenleben klar zu werden ist aber schwierig, wenn ständig ein übergroßer ökonomischer Druck auf den Schultern lastet, man oftmals nicht weiß, was morgen ist.

50 Shades Of Grey in realistisch: Versaut, lustig, geerdet.Fazit lesen

Und da, zumindestens impliziert das der Film, hilft auch kurzfristiger Druckabbau beim Swingen nicht unbedingt, zumal dort weitere Probleme lauern: Fantasien fühlen sich in der Realität gerne doch nicht ganz so geil an wie noch zuvor im Hirn und außerdem scheint der Kapitalismus auch das locker-leichte Vögeln verändert zu haben, wie die krebskranke Sex-Päpstin Dolly Adams in einer Szene bei einem Besuch des Pärchens klarmacht: „Das Leben dreht sich nicht mehr um Freiheit, sondern darum, was man umsonst kriegt.“

Leider wird dieser Aspekt nicht vertieft, wie so vieles weitere auch nicht, weswegen der hervorragend gedrehte und auch sehr gut gespielten Film sich dann doch nicht zur Höchstnote swingt: Der 352seitige Roman wurde auf eine Adaption mit einer Nettospielzeit von rund 80 Minuten eingedampft, aber trotzdem soll jedes irgendwie relevante Thema behandelt werden: Es soll eine Subkultur ergründen werden, es soll aber auch das moderne Leben im Generellen ausgeleuchtet werden, man will Komödie sein, man will aber auch ernstzunehmendes Drama sein, man will alles, aber bleibt auf halber Strecke stehen.

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Der Film erscheint am 29.01.2016 auf Blu-ray und DVD.
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So regt sich Alice zwar ganz schön auf, als sie entdeckt, dass David Sex-Seiten anguckt, hat sich aber kürzeste Zeit später auch schon wieder beruhigt und geilt ihren Freund mit voyeuristischen Geschichten auf. Man erfährt an einer entscheidenden Stelle zwar, dass Alice schon zwei Abtreibungen hatte, warum, bleibt unklar. Es wird zwar eine überaus interessante Figur wie die nach realem Vorbild modellierte Dolly Adams eingeführt, aber auch gleich wieder auf eine Art Sex-Mutti mit am Rande erwähnten, schweren gesundheitlichen Problem reduziert. Des Weiteren schlägt der Film anfänglich einen heiteren Ton an und kippt ab der zweiten Hälfte plötzlich ins Drama. Es wäre schön gewesen, wenn man einen deutlichen Fokus gesetzt und diesen dann gründlich verfolgt hätte, aber offenbar wollte Ewan Morrison, der auch das Drehbuch zu verantworten hat, mit aller Macht alles auch nur irgendwie Relevante in den Film retten.

Das ist schade, sollte aber trotzdem kein Abturn sein: „Swinger“ hat das Herz am rechten Fleck und präsentiert sich ohne falsche Scham, selten genug.