Das passende Adjektiv für Joe Carnahans Karriere ist „durchwachsen“: „Narc“, „Smokin' Aces“, „Das A-Team“ und „The Grey“ - alles dabei, von düster über geleckt bis zu lautem Mainstream und eindringlicher Spannung. Der Mann bezeichnet sich selber gerne als Regie-Outlaw, der mehr zurückgehalten wird als seine Fähigkeiten voll zeigen zu können. Die richtige Medizin deswegen: ein kleines Budget und volle Kontrolle. Und schlussendlich dann „Stretch“, der als turbulente Actionkomödie angepriesen wird und dabei düster, geleckt, lauter Mainstream und (eher nicht) eindringlich spannend ist. Auch für den einzig wahren Joe Carnahan gilt: durchwachsen.

Stretch - Official Red Band TrailerEin weiteres Video

To live and drive in L.A.

Der Handlungsmittelpunkt von „Stretch“ ist Stretch (Patrick Wilson), ein glückloser Limousinen-Chauffeur in Hollywood, der mexikanischen Gangstern ganz schnell 6.000 Dollar zurückzahlen muss und dabei von einem Schlamassel in den nächsten stolpert. Er trifft auf David Hasselhoff und Ray Liotta, wird von einem russischen Kleiderschrank verkloppt und landet schließlich bei Karos (Chris Pine), einem exzentrischen Finanzinvestor, der ihn mit Aussicht auf ein fürstliches Trinkgeld zu einem eher seltsamen Sexschuppen am Rande der Stadt schickt.

Was natürlich - wer hätte das gedacht - nur noch weitere Komplikationen nach sich zieht und den armen Stretch in ein von allen Seiten unter Beschuss genommenes Hamsterrad zwängt. Immer wieder tauchen neue Hindernisse auf, immer wieder wird die nahende Rettung von überraschenden Querschlägern vereitelt. Es in Hollywood zu schaffen, bedeutet hier einfach nur, im Morast aus Drogen, Kugeln und völlig weggedröhnten Typen nicht unterzugehen. Kaum zu glauben, aber Tinseltown scheint tatsächlich vor allem von größenwahnsinnigen Vollidioten bewohnt zu sein.

Stretch - Sex, Drogen, Alkohol: Durch die Nacht mit Joe Carnahan und Patrick Wilson

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Dramatisch underdressed und die Normalste hier: Jessica Alba.
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Schmerz und Gewinn

Wenn man „Stretch“ ansieht, fühlt sich das an wie eine Mischung aus „Pain & Gain“ und einem 20 Jahre alten Quentin-Tarantino-Klon. Ganz so grobmotorisch wie Michael Bay geht Joe Carnahan zum Glück nicht vor, doch seine grundlegende Aussage, dass Hollywood ein beheizter Swimmingpool voller menschlicher Extreme ist, rauscht trotzdem in den Asbachuralt-Keller. Wo der Regisseur dann mit offenen Armen steht und dieses überdreht-normale Panorama verkorkster Existenzen immer noch als lavaheißen Scheiß verkaufen möchte.

Die einzigen beiden relativ normalen Personen in „Stretch“ sind Stretch und seine Einsatzleiterin (Jessica Alba), der Rest hat teils massive Defekte und ist darauf auch noch stolz genug, um eine comichafte Aura zu erzeugen. Besonders herauszuheben ist hier Karos, der eingeführt wird, indem er mit Fallschirm und dreckiger Feinripp-Unterhose auf Stretchs Limousine landet. Eine Koksladung später wippt das XXL-Ziegenbärtchen nervös im Wind und aus dem Mund poltert genau die Art überschäumender Quasseldialoge, die ständig „witzig“ mit „viel“ und „wirr“ verwechseln. Wenn Bluthochdruck zum Alltag wird, so wie hier, senkt sich das Wirkungsniveau auf breiter Front einfach ab.

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„Cock“ - gnhihihi.
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Rache an Hollywood

Im besten Fall möchte sich Joe Carnahan, der „Stretch“ übrigens als „Rock'n'Roll Version von Hangover“ beschreibt, mit dem Film ein wenig an Hollywood rächen – selbstverständlich ohne *wirklich* auf die Pauke zu hauen. Es ist ja bekannt, dass der Mann sowohl massive Rangeleien mit Produzenten (vor allem bei „Das A-Team“) ausstehen musste als auch ein stattliche Liste verpuffter Projekte (unter anderem „Mission: Impossible 3“) vorweisen kann, also würde es schon naheliegen, mal eine Runde zurückzutreten und dem Kosmos Hollywood den nackten Arsch zu zeigen.

Atemlos durch die Nacht: „Stretch“ unterhält und kommt 20 Jahre zu spät.Fazit lesen

Leider nur fehlt Carnahan für eine treffsichere Satire jedes Feingefühl, und das, was stattdessen hier 90 Minuten abläuft, ist vor allem wahllos, hingezirkelt derb und atemlos hektisch. Chris Pine als Karos steht exemplarisch für die kruden Neonfarben des Films, dessen Nuancen in Schrei-Dezibel gemessen werden und keinerlei Punkt und Komma kennen. Patrick Wilson spielt zwar richtig gut, sprich: gibt dem Wahnsinn eine gewisse Bodenhaftung, doch auch er liest eingeblendete WhatsApp-Nachrichten laut vor. Und redet des öfteren mit dem Geist eines ehemaligen Kollegen (Ed Helms), dessen überdrehte Grimassen so grausam unlustig sind, dass die Zwinkerzwinker-Auftritte von Hasselhoff und Liotta dagegen fast schon subtil erscheinen.

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Down and out in L.A.: Patrick Wilson.
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Am ehesten dürfte „Stretch“ „Smokin' Aces“-Fans gefallen, wohingegen sich die „The Grey“-Anhänger daran festhalten müssen, dass sowohl Liam Neeson als auch Patrick Wilson alleine gegen eine feindliche Umwelt stehen. Irgendwie unterhaltsam ist das Geschehen natürlich schon und schick sieht der Film auch aus, aber wer hier einen energischen Befreiungsschlag eines verkannten Auteurs erwartet hat, dürfte ganz schnell auf hibbelige Popcornunterhaltung zurückschalten. Bei Martin Scorsese mündete ein ähnliches Thema in den großartigen „Die Zeit nach Mitternacht“. „Stretch“ dagegen lässt das Hollyweird-Stadtschild rotieren und verehrt Personen und Situationen, die in ihrem ständigen exaltierten Wahnsinn ca. 20 Jahre zu spät kommen.