Wenn gefeierte asiatische Regisseure nach Hollywood gehen und ihren ersten englischsprachigen Film abliefern, ist das immer problematisch. Meist können die Filmemacher nicht duplizieren, was in ihrer Heimat funktionierte. Das gewisse Etwas fehlt.

Nicht jedoch bei Park Chan-wook, der bei „Stoker“ auf ein exzellentes Drehbuch zurückgreifen konnte, das sich 2010 auf der Black List – einer Liste der besten unproduzierten Drehbücher – wiederfand und von einem Mann geschrieben wurde, von dem man das nicht erwartet hätte: Wentworth Miller, seines Zeichens hauptsächlich durch die Fernsehserie „Prison Break“ bekannt.

Indias (Mia Wasikowska) Vater Richard stirbt an ihrem 18. Geburtstag bei einem Autounfall. Bei der Beerdigung lernt sie ihren Onkel Charlie (Matthew Goode) kennen, von dem sie bislang nichts wusste.

Charlie hat, so erklärt ihr ihre Mutter Evie (Nicole Kidman), die Welt bereist, nun wird er jedoch eine Weile im Anwesen der Familie Stoker bleiben.

Filigran gestalteter Thriller, der aus seiner langsamen Erzählweise eine Tugend macht und den Zuschauer überrascht, der glaubt, schon alles gesehen zu haben.Fazit lesen

Charlie versucht sich mit India anzufreunden, doch dem Mädchen ist er nicht ganz geheuer. Ihrer Mutter hingegen ist er ein angenehmer Begleiter und lässt sie sich wieder jung fühlen. Doch zwischen Onkel und Nichte beginnt eine Art Katz-und-Maus-Spiel, an dessen Ende nur einer gewinnen kann.

Stoker

- Manchmal muss man Böses tun, um Schlimmeres zu verhindern
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Kein Schatten des Zweifels

„Stoker“ erscheint auf den ersten Blick wie eine Neuauflage von Alfred Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“. Auch dort ist es ein Onkel Charlie, der zu einer Familie kommt und bei jedermann beliebt ist, aber in seiner Nichte keimt der Verdacht, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er gefährlich, gar ein Mörder ist. Wentworth Miller schätzt diesen Film offenbar ungemein und auch Park Chan-wook verbeugt sich mit „Stoker“ vor dem Master of Suspense.

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Er erweist sich gar selbst als einer, denn sein Film lebt von einem sich kontinuierlich zuspitzenden Unbehagen, das nur schwer zu greifen, aber stets präsent ist. „Stoker“ ist zugleich mehr als nur eine Variation von Hitchcocks Klassiker.

Einerseits weil der Regisseur ungemein feinsinnig seine Geschichte aufbereitet und sie mit Symbolik auflädt, andererseits, weil er mehr als nur die Hitchcock'sche Story erzählt. Er geht gänzlich eigene Wege, wobei sich erst im Verlauf des Films herausschält, was eigentlich so beunruhigend an ihm ist.

So nah und doch so fern

„Stoker“ ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierender Film, nicht zuletzt in der Zeichnung seiner Figuren. Nicole Kidman ist die alternde, aber das nicht wahrhaben wollende Mutter, die auf das Erblühen der eigenen Tochter mit Neid reagiert, Matthew Goode erinnert an Cary Grant in seinen besten Hitchcock-Filmen.

Er ist ein stets freundlicher, immer zuvorkommender Psychopath, dessen stechender Blick keinen Zweifel daran lässt, dass alle Herzlichkeit nur aufgesetzt ist.

Mia Wasikowska ist ein Rätsel, zurückgezogen, eigen, still, eine junge Frau in der Verpuppung, nach der nichts mehr ist, wie es war. Sie alle kreisen umeinander, in einer perfiden Menage á trois, bei der nie jemand die Oberhand gewinnt.

Alles ist im Fluss, wobei die Figuren einander wie auch dem Publikum gegenüber unnahbar bleiben. Erst mit jeder verstreichenden Minute kristallisiert sich mehr und mehr heraus, wovon Miller eigentlich erzählt.

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Das Spiel mit den Erwartungen

„Stoker“ ist von Drehbuch und Inszenierung so gestaltet, dass er in fast jeder Sekunde mit den Erwartungen des Zuschauers spielt. Nichts ist so, wie es gemeinhin sein sollte. Glaubt man, die Geschichte durchschaut zu haben, erinnert Park Chan-wook sogleich daran, dass die Interpretation, die die Bilder aufzwingen, nicht zwangsläufig immer die ist, die auch richtig ist.

Verspielt blickt er im Verlauf seiner Geschichte auf Schlüsselmomente zurück und lässt sie in neuem Licht erstrahlen. Dialoge, wie sie glasklarer nicht hätten sein können, bekommen bei ihrer zweiten Verwendung eine ganz neue Bedeutung.