Es spricht einiges dafür, Julianne Moore die derzeit beste Schauspielerin Hollywoods zu nennen. In ihren interessantesten Filmen porträtiert sie Frauen von einer fragilen Souveränität, deren emotionale Bruchstellen sie zumeist ohne ausgestellte Schauspielfaxen freilegt. Julianne Moore ist keine Meryl Streep, Komplexität ihrer Figuren muss sie sich nicht erst fleißig aneignen. Die Bestellerverfilmung „Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“ bildet da wahrlich keine Ausnahme.

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Immer noch Alice

Im Familiendrama nach dem Debütroman der Neurowissenschaftlerin Lisa Genova spielt Moore eine Linguistikprofessorin von augenscheinlich hohen Gnaden: international anerkannt, glücklich verheiratet, wohlhabend sowieso – ihr New Yorker Upperclass-Leben, es trieft förmlich aus den ersten Bildern des Films. Mutter von drei gut geratenen Kindern ist Dr. Alice Howland obendrein, lediglich Lydia (großartig: Kristen Stewart) bereitet ihr einige Sorgen, wenn auch auf hohem Niveau.

Still Alice - Mein Leben ohne Gestern - Der Film, für den Julianne Moore endlich einen Oscar gewann

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Mutter-Tochter-Band: Alice (Julianne Moore) und Lydia (Kristen Stewart) bei einem vertrauten Zwiegespräch, bevor die Familie auf eine harte Probe gestellt wird.
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Das Nesthäkchen der Familie verdingt sich in Los Angeles als Schauspielerin, wandelt also auf Berufspfaden, die den akademischen Karrierevorstellungen der Eltern einigermaßen zuwiderlaufen. Mutter Alice aber plagt ein ungleich akuteres Problem: Unaufmerksamkeiten und Irritationsmomente bestimmen seit Kurzem ihren Alltag, kleine Aussetzer, etwa während eines Gastvortrags an der UCLA. Vielleicht habe sie in letzter Zeit etwas zu viel Champagner getrunken, scherzt Alice zunächst.

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Als sie wenig später, beim Joggen durch den Central Park, für einen kurzen Moment die Orientierung verliert, lassen sie die besorgniserregenden Zeichen nicht länger humorvoll leugnen. Bestenfalls, sagt die 50jährige Wissenschaftlerin, liege es an der Menopause, schlimmstenfalls einem Hirntumor. Ihr Neurologe indes stellt eine Diagnose, die die Familie aus der Bahn zu werfen droht: Alice befinde sich im Prä-Demenz-Stadium der Alzheimer-Krankheit.

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Diagnose Alzheimer-Krankheit im Frühstadium: Für John (Alec Baldwin) beinahe eine größere Herausforderung als für seine direkt betroffene Ehefrau Alice.
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Während dieser Szene, während einer Reihe von Tests, Befragungen und Erinnerungsübungen also, verharrt die Kamera derart bewegungslos auf Julianne Moores Gesicht, als verbiete sich der Film plötzlich jedes inszenatorische Mittel, das von ihrem Schauspiel ablenken könnte. Es wird im Verlauf von „Still Alice“ mehrere solcher eingefroren wirkender Momente geben, die das zunehmend ausdruckslose Leiden von Alice einfangen, ohne es emotional zu manipulieren.

Julianne Moore ist gerade auch deshalb so gut in dieser Rolle, weil ihr Spiel mit nur wenigen Mitteln eine enorme Willenskraft der Figur zum Ausdruck bringt, wenngleich es eben Willenskraft ist, die sich hier bald nicht mehr recht mit Handlungsfähigkeit vereinbaren lassen will. Der Titel mag dabei klarstellen, dass Alice auch im fortschreitenden Krankheitsbild immer noch sie selbst ist, aber ihr Ehemann John (Alec Baldwin) scheint daran nicht mehr glauben zu können.

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Kann natürlich mehr als nur Bella und Schmachten: Kristen Stewart als fürsorgliche Tochter, die als einzige einen angemessenen Umgang mit der Krankheit zu finden scheint.
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Eine besondere Herausforderung

Zweifellos ist die empathische, und damit weit mehr als nur einfühlsame, Inszenierung des Films mit der persönlichen Geschichte seiner beiden Regisseure verknüpft. Richard Glatzer und Wash Westmoreland drehten gemeinsam eine Reihe renommierter queerer Spielfilme und heirateten 2013, nachdem bei Glatzer die Nervenkrankheit ALS nachgewiesen wurde. Sie führte zum vollständigen Verlust seines Sprachvermögens, sodass er sich mit den Schauspielern hier nur noch über ein Computerprogramm verständigen konnte.

Für Alice Howland zählt die Abnahme ihrer kognitiven Fähigkeiten zu den schmerzlichsten Erkenntnissen des Krankheitsverlaufs. Alles, wofür sie ein Leben lang gearbeitet habe, sei nun im Begriff zu verschwinden. Es ist diese bittere Wahrheit vom unaufhaltsamen Fortschreiten der Krankheit, von einer immer defizitärer werdenden Kommunikation und Selbstständigkeit, die der Film als einen Schwerpunkt herausarbeitet. Und die umso unerträglicher scheint, wenn Alice sich mit ihr arrangieren muss.

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Julianne Moore braucht keine Filmpreise, um sie als vielleicht beste Schauspielerin der Gegenwart zu adeln. Verdient aber hat sie dennoch jede Auszeichnung für „Still Alice“.
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Obgleich der Film von einem großen humanistischen Grundverständnis geprägt ist, lassen sich die von ihm vollkommen hysteriebefreit inszenierten Stationen der Alzheimer-Krankheit nur schwer mit ansehen. Weil Glatzer und Westmoreland hier ein Material bearbeiten, das die Demenz der Figur nicht nur beiläufig oder durch fremde Augen erzählt (wie es sonst vergleichbare Geschichten tun, sofern sie sich überhaupt mit der Krankheit beschäftigen), stellt die Perspektive des Films eine besondere Herausforderung dar.

Julianne Moore und Kristen Stewart brillieren in einem klugen und feingliedrigen Film, der schon jetzt zu den besten des Kinojahres 2015 zählen dürfte.Fazit lesen

Den entwürdigenden Verlust von Autonomie hält „Still Alice“ in wenigen, aber prägnanten Szenen fest. Es sind nicht allein bestimmte Zwischenfälle, die der Titelfigur in ihrem späteren Stadium das eigene Krankheitsbild allzu peinigend verdeutlichen. Das nämlich tut auch der schwierige, aber zuweilen sorglose Umgang mit ihr: Über einen Menschen reden, der an- und scheinbar doch abwesend ist. Über ihn tuscheln, als habe er kein Empfinden mehr.

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Zugleich erlaubt sich der Film eine klare, keineswegs falsche Zuversicht: Einzig Tochter Lydia, von ihrer Mutter bald nicht mehr erkannt, fragt Alice immer wieder aufs Neue, wie sie sich fühle, wie sie die Krankheit selbst empfinde. Zuletzt wird sie es sein, die ins Familienhaus zurückkehrt, um Alice liebevoll beizustehen. Es sind stille Momente einer Mutter-Tochter-Beziehung, so ehrlich und kraftvoll, dass sie noch weit über die Schlusstitel hinaus wirken.