Was mit Facebook geklappt hat, in Form von „The Social Network“, sollte doch eigentlich auch mit Apple klappen, in Gestalt von „Steve Jobs“. Nämlich die filmische Aufbereitung eines unfilmischen Themas, das vor allem Nerds spannend finden sollten und trotzdem auf einmal ein Mainstream-Hit wird. Geek-Talk für die Massen, aus unfertigen Betriebssystemen geborene Thrills. Ganz ähnlich wie Steve Jobs versteht auch Drehbuchautor Aaron Sorkin die hohe Kunst der perfekten Verpackung. Beide hätten wahrscheinlich keine Probleme, selbst einer frisch angestrichenen Wand noch Punchlines und vernebelte „aaaaah“s abzuringen.

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„Musiker spielen ihre Instrumente. Ich spiele das Orchester.“

Und genau das ist auch die Messlatte bei „Steve Jobs“ - einer breiten Öffentlichkeit Interesse für einen Typen abzuringen, dessen Produkte sich allergrößter Beliebtheit erfreuen. Punkt. Steve Jobs wird ja gerne als visionärer Tausendsassa hingedreht, vor allem von medialen Schönschreibern, doch der wahre Anteil der iPhone-Kundschaft, der hinter ihrem Lifestyle-Gadget auch noch das megalomanische Arschloch sehen will, das Jobs zweifellos war, dürfte verschwindend gering sein. Ein Erster-Welt-Hype, angetrieben durch Technik-Porn und Warteschlangen vor Apple-Stores.

Steve Jobs - Der Mann hinter dem Apfel - Wie er wirklich war

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In der Arena. Mal wieder Zeit für einen legendären Auftritt.
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Und trotzdem nun „Steve Jobs“, wohlgemerkt nicht einmal der erste Film über den Mann. Zuvor gab es unter anderem schon „Jobs“ (mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle) und die Doku „Steve Jobs: The Man in the Machine“, doch erst dieses Werk nun macht daraus eine ganze große Nummer. Mit Michael Fassbender als Steve Jobs, Danny Boyle auf dem Registuhl und Aaron Sorkin an der Tastatur. Auch wenn David Fincher, der zunächst inszenieren sollte und damit noch deutlichere Parallelen zu „The Sociak Network“ geschaffen hätte, bereits vorzeitig ausgestiegen ist – hier geht es überdeutlich um DAS Biopic und damit natürlich auch Oscars.

Der Citizen Kane der Technikwelt

Das Ausmaß, in dem dieses Unterfangen „Steve Jobs“ gelingt, ist auf jeden Fall beachtlich, wenngleich das letzte Fünckchen Begeisterung wahrscheinlich doch Apple-Jüngern vorenthalten bleibt. Man bewundert den Mut des Drehbuchs, sich auf drei zentrale Produktvorstellungen, den Mac 1984, den NeEXT-Launch 1988 und den iMac 1998, zu konzentrieren, man wird ganz duselig von den knackigen Dialogschwällen, die den „vintage Sorkin“-Stempel tragen, inklusive natürlich Stechschritt-Geratter und gehässiger „one liner“, und man ist begeistert von Fassbenders nuancierter, energischer Vorstellung, doch trotzdem bleibt der Kampf gegen die grundsätzliche Thematik. Die dank Sorkins Prosa ungewürdigten Teammitgliedern oder optionalen Festplatten die gleiche Dramatik entgegenbringt wie einem fast-nuklearen Showdown im Westflügel des Weißen Hauses.

Steve Jobs - Der Mann hinter dem Apfel - Wie er wirklich war

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Kate Winslet als Marketing-Chefin und engste Vertraute von Steve Jobs.
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Nein, der ganz unwiderstehliche Sog mag sich hier nicht einstellen, auch weil das Ende ein bisschen zu sehr nach unsterblicher Ikone schielt. Was allerdings ebenso viel wiegt, ist die dezitiert offene Darstellung von Steve Jobs Charakter, dessen ganzes Ausmaß sich über seine zu den jeweiligen Produktvorstellungen auftauchenden „Mitstreiter“ festmacht. Jobs, der Orchesterleiter, Jobs vs. seine Marketing-Chefin Joanna Hoffman (Kate Winslet), Jobs vs. seine leiderprobten Entwickler (Seth Rogen und Michael Stuhlbarg), Jobs. vs. Apple-Chef John Sculley (Jeff Daniels) und Jobs vs. seine Exfreundin (Katherine Waterston), deren gemeinsame Tochter vergeblich auf einen liebevollen Vater hofft. Dass der Mann auch wirklich gutes Marketing betrieben und tatsächlich Visionen entwickelt hat, wird keineswegs verschwiegen, doch über weite Strecken geht es grimmig ins Gericht – immerhin gerne in Verbindung mit der Annahme, dass die Liga, in der Jobs gespielt hat, ohne Schweine-Gen überhaupt nicht zu packen ist.

„Steve Jobs“ zeichnet über weite Strecken ein angenehm ambivalentes „Heldenbild“, das dann auch noch überraschend nüchtern in Szene gesetzt wird. Von David Fincher würde man nichts anderes als den hier gewählten Stil erwarten, doch mit Danny Boyle verbindet man eher hibbeliges Glitzerkino. Das hier aber fast ganz unter Verschluss bleibt und damit eine Vormachtstellung des Drehbuchs und der Schauspieler ermöglicht, die angenehm erwachsen wirkt. Und normalerweise Regisseuren vorbehalten bleibt, die nicht ständig auf die Pauke hauen müssen, um ihr Können irgendwie zu rechtfertigen. Also Regisseuren, die das Gegenteil von Danny Boyle sind. Von dem alten Danny Boyle, der inmitten all der Schwergewichte, die bei „Steve Jobs“ mitwirken, als größter Gewinner und auch größte Überraschung gelten darf.