Stellas Versuchung - Infos

STELLAS VERSUCHUNG wirft einen Blick in die Abgründe einer obsessiven, erotischen amour fou im Großbritannien der fünfziger Jahre, das durch Prüderie, starkes Klassenbewusstsein und eine stickige Atmosphäre der Begrenzungen gekennzeichnet ist. Regisseur David Mackenzie inszenierte diese englisch-irischen Koproduktion, die auf dem Roman ASYLUM (in Deutschland unter dem Titel STELLA bekannt) von Erfolgsautor Patrick McGrath basiert.
Als der Film 2005 im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt und dort mit dem Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater ausgezeichnet wurde, war man beeindruckt von Natasha Richardsons leidenschaftlicher Darstellung einer in ihrer Ehe eingezwängten Psychiatergattin, die sich in einer sexuellen Affäre mit einem inhaftierten Patienten ihres Mannes verliert. Mehr als fünf Jahre hatte sich Richardson für das Projekt engagiert und sich dafür eingesetzt, dass ihre Interpretation der Stella das Licht der Leinwände erblickt.
Zurecht wurde die großartige britische Schauspielerin 2006 mit dem Standard British Film Award ausgezeichnet und 2005 für den British Independent Film Award nominiert. Patrick McGrath, Autor der Romanvorlage und Sohn eines Psychiaters, ist als Kind auf dem Gelände der psychiatrischen Anstalt Broadmore aufgewachsen. Dort hörte er von einer Affäre eines Patienten mit der Frau eines Arztes. Dieses Gerücht inspirierte ihn zur Romanidee von STELLA (ASYLUM).
Als STELLA in Amerika veröffentlicht wurde, schlug McGraths Verleger vor, das Buch mit Liam Neeson und Natasha Richardson in den Hauptrollen zu verfilmen. Liam Neeson musste zwar wegen anderer Verpflichtungen absagen, aber Natasha Richardson schlug die Idee Mace Neufeld bei Paramount vor und überzeugte ihn schließlich. Natasha setzte sich intensiv mit der Vorlage auseinander und entwickelte eine große Affinität zur Rolle der Stella: Es passiert nicht sehr oft im Leben, dass man ein Buch liest und sofort denkt, das bin ich! Ich habe eine Beziehung dazu, die sonst niemand hat. Ich konnte das Projekt
einfach nicht mehr aufgeben.
Nachdem es sich als unerwartet schwierig herausstellte, McGraths Romanvorlage für den Film zu bearbeiten, beteiligte sich die Schauspielerin (mittlerweile als Mitproduzentin) selbst an der Suche nach einem Drehbuchautoren, der die Subtilität der Geschichte bewahren und sie mit pointierten Dialogen ergänzen konnte. Sie gewann schließlich den brillanten britischen Dramatiker Patrick Marber, in dessen Erfolgsstück CLOSER sie am Broadway eine der Hauptrollen gespielt hatte. Marber hatte CLOSER selbst für den Film bearbeitet und begeisterte sich für das Projekt von STELLAS VERSUCHUNG zumal er bekanntermaßen ein großer Fan der Romane von Patrick McGrath ist und STELLA gut kannte. Relativ schnell konnte Marber einen Drehbuchentwurf vorstellen und es gelang ihm, den Stoff in enger Zusammenarbeit mit Patrick McGrath weiter zu entwickeln.
Das Filmprojekt wurde allerdings erst so richtig konkret, als man bei Paramount auf die Idee kam, den jungen Filmemacher David Mackenzie mit der Regie zu beauftragen. Mackenzie hatte in seinem vielfach beachteten Film YOUNG ADAM gezeigt, dass er ein filmisches Gespür für das Großbritannien der 1950er Jahre besitzt Tilda Swinton spielte darin eine verheiratete Frau, die eine erotische Beziehung zu einem jungen Herumtreiber und Möchtegern-Schriftsteller eingeht. In atmosphärischen Bildern (YOUNG ADAM spielt im Wesentlichen auf einem Lastkahn) mit viel Zeitkolorit schuf Mackenzie die Atmosphäre moralischer Engstirnigkeit und emotionaler Verkümmerung, mit einem besonderen Augenmerk auf die von Swinton gespielte Frauenfigur all dies waren Aspekte, die Mackenzie für die Verfilmung von STELLA geradezu prädestinierten.
Der Regisseur brachte wichtige Stabmitglieder, mit denen er schon in Young Adam zusammengearbeitet hatte, in die Produktion von STELLAS VERSUCHUNG mit ein: den Kameramann Giles Nuttgens, Cutter Colin Monie und Production Designer Laurence Dorman. Durch diese Kontinuität konnte das Gespür für den Look und die Stimmung der Zeit weiter entwickelt werden.
Auch die Zusammenstellung der weiteren Schauspieler war, wie alle Beteiligten bekräftigt haben, äußerst glücklich. Theater- und Filmstar Ian McKellen war ebenso leicht zur Mitwirkung zu überreden wie Newcomer Marton Csokas (der das fiebrige und geheimnisvolle Objekt von Stellas Ausbruchs-Sehnsucht spielt) und der in letzter Zeit viel beschäftigte Hugh Bonneville, der der Figur von Stellas Ehemann Max den notwendigen Facettenreichtum geben konnte. STELLAS VERSUCHUNG ist allerdings, auch dank der profilierten Nebenfiguren, vor allem der Film von Natasha Richardson geworden, die fast sechs Jahre nach der ersten Projektidee endlich der Realisierung ihres Traums beiwohnen konnte. Sie ist nun die wirkliche Stella geworden , beobachtete der Autor der Figur, Patrick McGrath. Natashas Schönheit, ihre Zerbrechlichkeit und Kraft sind so offensichtlich und ich fühle mich fast schuldig, dass ich ihr dieses tragische Schicksal vorgezeichnet habe.
In dieser präzise konturierten Studie einer Frau, die in ihrer Zeit und in ihrer Gesellschaft für die romantische Idee einer Liebe zur Außenseiterin wird, die alles aufgibt, was in ihrer Welt für wichtig erachtet wird, scheint das Plädoyer für Freiheit, Emanzipation und Selbstbestimmung auf. Zurecht begründete die Jury der Gilde deutscher Filmkunsttheater ihre Auszeichnung für STELLAS VERSUCHUNG in der Würdigung dieses Themas und seiner herausragenden stilistischen Umsetzung als das Psychogramm einer Frau, die an den gesellschaftlichen Zwängen im England der fünfziger Jahre, an den geschlechtlichen Machtverhältnissen, an ihrer unstillbaren Leidenschaft und an den Krankheitsbildern der sie umgebenden Menschen zu Grunde geht. Das Melodram besticht durch seine Themen, seine herausragende Kameraarbeit und seine großartigen schauspielerischen Leistungen.