Jedem war bewusst, dass der Tag kommen würde – eher früher, als später. Nun ist Christopher Lee, der auch im hohen Alter noch höchst aktiv war, verstorben. Im Alter von 93 Jahren starb er am 7. Juni 2015 an Herzversagen.

Er blickte auf eine mehr als 70-jährige Karriere zurück, hatte am Anfang aber Zweifel, ob er es schaffen würde, als Schauspieler Fuß fassen zu können.

"Ich hatte mit der Schauspielerei begonnen, ohne ein echtes Talent dafür zu haben; nach zehn Jahren in dieser Berufung war ich noch genauso groß, genauso fremd und beinahe genauso unbekannt wie damals, als ich begonnen hatte. Es schien mehr als passend, als mir mein Agent John Redway erzählte, dass Hammer Films ein Remake von Frankenstein machen und man ihn angesprochen hatte, jemanden zu empfehlen, der die Kreatur zum Besten geben konnte. Es war klar, dass dies nicht der Weg zu Ruhm und Ehre sein würde, aber ich hatte den Film von 1931 gesehen und wusste, dass es wenigstens in technischer Hinsicht eine Herausforderung sein würde."

Christopher Lee - Christopher Lee - Ein Nachruf (1922-2015)

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Christopher Lee als Dracula.
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So erinnert sich Christopher Lee in seiner Autobiographie "Tall, Dark and Grueseome - An Autobiography" an seine erste Begegnung mit Frankenstein. Ein schicksalhafter Moment, der das Leben des distinguierten Briten nachhaltig verändern sollte. Bis 1957, als die britischen Hammer Studios das Remake „Frankensteins Fluch“ in die Kinos brachten, war Lee praktisch ein Unbekannter gewesen. Seine Karriere, obwohl er bereits seit fast zehn Jahren im Geschäft war, bewegte sich nicht vom Fleck. Der Traum vom erfüllten Leben als Schauspieler schien längst zerplatzt zu sein.

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Soldat und Schauspieler

Christopher Frank Carandini Lee wurde am 27. Mai 1922 als Spross einer italienisch-britischen Offiziersfamilie in London geboren. Seine Ausbildung brachte er in Wellington hinter sich und diente während des Zweiten Weltkrieges bei der Royal Air Force. Die Einsätze brachten ihn auch nach Rhodesien und Südafrika, wo er zweimal dem Tod knapp entging. Eine Erfahrung, die auch seine Einstellung zum Leben verändert hat. In einem Interview erklärte er vor wenigen Jahren, dass ihn der Tod nicht mehr ängstigt. Er hat ein erfülltes Leben gehabt und fürchtet nur, dass ihn eine Krankheit zum Pflegefall machen könnte. Wenn seine Zeit kommt, so sei es ihm am liebsten, wenn er nach einem Nickerchen erst gar nicht mehr aufwachen würde.

Nach dem Krieg sah sich Lee vor die Frage gestellt, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Er hätte wie sein Vater Berufssoldat werden können, war von diesem Gewerbe jedoch nicht sehr begeistert. Mehr durch Zufall und durch Vermittlung eines Vetters erhielt er 1947 eine kleine Rolle in dem Film „Im Banne der Vergangenheit“. Später kam er zur Rank Charm School, wo er unter Vertrag genommen wurde. Dort erhoffte sich Lee, in verschiedenen Rollen und Filmen eingesetzt zu werden, doch er musste schnell merken, dass alles nicht so lief, wie er es erwartet hatte. Anstatt den jungen Talenten in großen Filmen mit guten Regisseuren und Schauspielern kleine Rollen und damit die Gelegenheit zu geben, von den etablierten Künstlern zu lernen, setzte man sie hauptsächlich in den kleinen B-Produktionen ein, die kaum jemanden weiterbrachten.

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Lee verdingte sich in den kommenden Jahren in den unterschiedlichsten Filmen, kam jedoch über Nebenrollen nicht hinaus. Persönlich schätzt er „Der rote Korsar“ (1952) sehr, bei dem er die Gelegenheit hatte, mit Burt Lancaster zusammenzuarbeiten. Mit ihm hatte er einen Schwertkampf, bei dem Lee, der auch im Fechten ausgezeichnet ist, lernen musste, dass ein Filmkampf kaum mit einem echten zu vergleichen ist. Lancaster, der auf dem Weg war, zum großen Star zu werden, brachte ihm eine wichtige Lektion bei: ein Filmkampf muss immer langsamer, ruhiger sein, damit der Zuschauer ihm auch folgen kann und das aufregende Spektakel in seiner Gänze mitbekommt.

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Das Monster

Mit „Frankensteins Fluch“ sollte Lees große Stunde kommen - auch wenn er selbst davon noch gar nichts wusste. Bei diesem ersten Horrorfilm von Hammer traf er wieder auf Regisseur Terence Fisher, mit dem zusammen er 1948 an „Song of Tomorrow“ gearbeitet hatte. Das Triumvirat wurde nun jedoch erst mit Peter Cushing komplett. Im Lauf der Jahre sollten Lee, Cushing und Fisher noch oftmals miteinander arbeiten.

Lee war sich natürlich darüber im Klaren, dass sein Gesicht unter der Maske des Monsters nicht wirklich zu erkennen war - im Grunde setzte er sogar darauf. "Als ich selbst hatte ich es nicht besonders weit gebracht, darum dachte ich mir, wenn ich auf der Leinwand nicht zu erkennen bin, aber die Darstellung mitreißend ist, dass die Leute ein Interesse daran entwickeln, zu erfahren, wer das wirklich ist. Und es funktionierte. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte."

Jahre später, als er auf Boris Karloff, das Frankenstein-Monster aus dem 1931er-Film traf, erzählte ihm dieser von einem Ratschlag, den er selbst einst von Lon Chaney Sr., einem der Stars des Stummfilms, erhalten hatte: "Finde etwas, das kein anderer Schauspieler kann oder tun will. Wenn du dich dabei dann gut anstellst, wird man dich nie vergessen."

Christopher Lee - Christopher Lee - Ein Nachruf (1922-2015)

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Graf Dracula by Christopher Lee; again.
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Der Graf

Lee nahm sich diesen Rat zu Herzen und berücksichtigte ihn bei seinem weiteren Karriereweg. „Frankensteins Fluch“ hatte Lee bekannt gemacht, aber das Potenzial, ihn zum großen Star werden zu lassen, hatte der Film nicht. Dieses offenbarte sich erst ein Jahr später. Hammer hatte im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt und baute seine Horrorschiene aus. Der zweite Titel sollte „Dracula“ (1958) sein. Für dieses Remake des Schwarzweißklassikers verpflichtete man abermals das Gespann Lee und Cushing. Unter der Regie von Terence Fisher agierte Lee als Fürst der Finsternis und lieferte eine Darstellung ab, die ihn für alle Zeiten unsterblich machen sollte. Rein körperlich glich er dem Grafen Dracula, wie Bram Stoker, der Romanautor ihn sich vorgestellt hatte. Lee selbst war mit dem Film recht zufrieden, auch wenn er sich doch recht weit von der literarischen Vorlage entfernte. Viel lieber hätte er eine etwas originalgetreuere Verfilmung des Stoffes gesehen.

Aus diesem Grund verweigerte er sich auch mehrere Jahre bevor er das Cape des Grafen noch einmal trug. Am liebsten hätte er ihn ja gar nicht mehr gespielt, aber Jimmy Carreras, der Boss der Hammer Studios, fand immer wieder einen Weg, Lee davon zu überzeugen, noch einmal zu seiner Paraderolle zurückzukehren. Entweder überzeugte er ihn monetär oder er versuchte es mit moralischer Erpressung, indem er Lee sagte, dass er den Film bereits über seinen Namen an die amerikanischen Verleihe verkauft hätte - und ohne Lee würden viele Leute arbeitslos werden.

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Lees weitere Darstellungen als Graf Dracula, die er bis in die 70er Jahre hinein aufrecht erhielt, trugen dazu bei, seinen Status als Star des Genres zu festigen. Mit Peter Cushing wirkte er noch in zahlreichen Horrorfilmen, oftmals Produktionen der Hammer Studios, aber nicht ausschließlich Filme dieser Firma, mit und tauchte in „Die Rache der Pharaonen“ (1959), einem weiteren Remake, als die Mumie auf.

In späteren Jahren wurde Lee oft zitiert, dass er keine Horrorfilme mehr machen wollen würde, aber eine solch definitive Aussage hat er nie getätigt. Vielmehr meinte er, dass er in keinen kleinen, billigen Horrorfilmen mehr mitspielen wollen würde. Immerhin hatte er in den 60er und 70er Jahren oft genug in Filmen mitgewirkt, die weit unter seinem Niveau waren.

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Bella Italia

Der Erfolg von „Dracula“ gab ihm auch die Möglichkeit, in ausländischen Produktionen zu spielen. Dort war er ein gern gesehener Star, da man fast automatisch davon ausgehen konnte, dass sich das Publikum über ihn ins Kino locken lassen würde. In den Edgar-Wallace-Verfilmungen „Das Rätsel der roten Orchidee“ (1962) und „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ (1961) musste der sprachbegabte Mime nicht einmal synchronisiert werden - er sprach selbst Deutsch. Umso verwunderlicher ist es darum, dass er in der deutsch-französisch-italienischen Koproduktion „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“ (1962) plötzlich doch von jemand anderem synchronisiert wurde.

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Christopher Lee als Sherlock Holmes.
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Lee spielte in einigen italienischen Filmen wie „Vampire gegen Herakles“ (1961) und „Schlechte Zeiten für Vampire“ (1959), wo er zum Teil sein Dracula-Image auch persiflieren konnte. Ohnehin ist Christopher Lee auch ein begnadeter Komiker, nur gibt man ihm viel zu selten die Gelegenheit, sein diesbezügliches Talent zur Schau zu stellen. Unter Beweis stellte er dieses Können auch mit „Die Herren Dracula“ (1976), in dem er gelungen mit seinem eigenen Image als Dracula spielte. Die französische Komödie bediente sich Elementen der Hammer-Filme, verlegt die Handlung dann jedoch in die Moderne und zeigt Dracula als einen Fisch auf dem Trockenen.

Doch die komischen Ausflüge von Christopher Lee blieben selten, hatte man ihn durch seine Hammer-Filme doch viel zu sehr auf das Genre des Horrors festgelegt, auch wenn er in Wahrheit auch in einer Vielzahl anderer Genres aktiv war. Nicht umsonst war Lee in mehr als 275 Filmen zu sehen und absolvierte zahlreiche Gastauftritte bei verschiedenen Fernsehserien.

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Hammers kleiner Konkurrent

Lee war - ebenso wie sein Freund Peter Cushing - auch häufig für Amicus tätig. Oftmals sogar direkt mit Cushing im selben Film. Seinen Einstand bei Amicus gab er mit „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ (1965), in dem er einen der Fahrgäste spielt, der Schrecks Geschichten zum Opfer fällt. Noch im selben Jahr war er in „Der Schädel des Marquis de Sade“ (1965) zu sehen. Fünf Jahre später war er zusammen mit Cushing und Vincent Price, aber ohne eine gemeinsame Szene in „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse“ (1970) mit dabei. Des Weiteren wurde er bei „Totentanz der Vampire“ (1971) und „I, Monster“ (1917) für das Studio aktiv. In letzterem spielte er die Doppelrolle von Dr. Charles Marlowe und dessen böses Alter Ego Edward Blake. „I, Monster“ war auch der letzte Film, den Lee für Amicus machte. Damit hat er in weit weniger Filmen des Studios mitgespielt als etwa Cushing, der immerhin in 14 Amicus-Produktionen mit dabei war.

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Sein Freund Peter

Eine besondere Freundschaft verband Lee mit seinem Kollegen Peter Cushing. Beide spielten in zahlreichen Filmen zusammen, waren dabei jedoch meistens die Antagonisten. Privat und beruflich verstanden sich beide Männer jedoch blendend. Sie waren Freunde, die über praktisch alles sprechen konnten. Eine gute Zeit, die Lee seit Cushings Tod im Jahr 1994 vermisst. "Er wollte jedoch schon seit 1971 nicht mehr leben", erinnert sich Lee. "Seit seine Frau Helen starb. Sie war seine ganze Welt. Danach hielt er sich nur noch mit der Arbeit aufrecht und vergrub sich richtiggehend darin."

Aufbruch zu neuen Ufern

1974 ließ Lee die Rolle des Vampirfürsten hinter sich - zum Teil zumindest. Er hatte seine Beteiligung an den Hammer-Filmen beendet, weswegen der letzte Dracula-Film dieser Firma auch mit einem weit weniger charismatischen Schauspieler auskommen musste. Stattdessen moderierte er die schwedische Dokumentation „In Search of Dracula“ (1975), bei der er in einigen Spielszenen auch das historische Vorbild Vlad Tepes spielen konnte.

Christopher Lee - Christopher Lee - Ein Nachruf (1922-2015)

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Wohl Christopher Lees bekannteste Rolle der Neuzeit.
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Ganz dem Horror schwor er natürlich nicht ab und so konnte man ihn 1973 in dem auch heute noch herausragenden Meisterwerk „The Wicker Man“ sehen. Dieser für kleines Geld produzierte Film - Lee opferte sogar seine Gage, um die Produktion am Laufen zu halten - erzählt die Geschichte eines Polizisten, der auf eine Insel kommt, auf der ein Mädchen verschwunden ist. Ehe er sich versieht, gerät er in die Fänge eines heidnischen Kults, angeführt von Lord Summerisle. Nicht nur Lees Darstellung des Lords sorgt dafür, dass The Wicker Man auch heute noch nichts von seiner Wirkung eingebüßt hat. Dies ist ein Film, der sich keiner Kategorie einordnen lässt, der eigen und ungewöhnlich ist - selbst die Mittel des Musicals werden hier eingesetzt - und den Lee nicht umsonst für eines seiner besten Werke hält.

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Von seiner komischen Seite durfte sich Lee in „Die drei Musketiere“ (1973) und „Die vier Musketiere“ (1974) zeigen. In diesen Abenteuerfilmen war er als Rochefort, einer der Gegner von Alexandre Dumas' tapferen Musketieren, zu sehen und sorgte auch für den einen oder anderen Lacher in diesen spannenden, aber auch humorvollen Filmen. Ebenfalls 1974 spielte er den Gegner von James Bond in „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Damit hatte er auch endlich Gelegenheit, gegen den Superagenten anzutreten, nachdem es bei „James Bond jagt Dr. No“ (1962), dem ersten Film der Reihe, nicht geklappt hatte. Ian Fleming, ein entfernter Cousin und regelmäßiger Golfpartner von Lee, hatte ihn in der Rolle des Bösewichts gesehen und vorgeschlagen, doch die Produzenten entschlossen sich stattdessen für Joseph Wiseman.

Zwei Jahre später zog Lee nach Amerika. Der Grund hierfür war einfach: Rollen in den USA. Wie Lee selbst erkannt hatte, war er seit seinem Frankenstein-Durchbruch 1957 bis etwa 1970 auf das Horror-Genre festgelegt. Er wirkte zwar auch in anderen Filmen mit, hatte dabei jedoch weit weniger Erfolg. Ein Umzug in die USA schien eine gute Sache zu sein, bot sie ihm doch auch die Möglichkeit, schneller reagieren zu können, wenn sich Möglichkeiten auftaten.

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Ab nach Amerika

Er hörte auf den Rat von Freunden, ging nach Amerika und erhielt dort Rollenangebote, die in Großbritannien nicht gekommen wären, da man ihm dort für gewöhnlich jene Rollen anbot, auf die er festgelegt war. Eine seiner wichtigsten Verpflichtungen, so Lee in einem Interview mit dem Magazin "Shivers", war, als Gastgeber einer Folge der "Saturday Night Life Show" zu fungieren. Eine Verpflichtung, die ihn auch vielen Leuten gegenüber bekannt machte, die sich für Horrorstoffe weniger interessierten.

In seiner langjährigen Karriere hat Lee nicht nur in hochklassigen Stoffen mitgespielt. Er hat aus vielerlei Gründen auch in Filmen mitgewirkt, die heute kaum noch jemand kennt bzw. die kaum noch jemand sehen will. Beste Beispiele für Filme dieser Couleur sind „Captain America II: Death too Soon“ (1979), „Jaguar Lebt“ (1979), „Das Tier II“ (1985) oder „Invasion der Raumschiffe“ (1977). Lees schauspielerische Leistung ist über jeden Zweifel erhaben.

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Der chinesische Mr. Lee

Neben Dracula spielte Lee in den 60er Jahren eine weitere Rolle mehrmals - die des genialen Verbrechers Fu Manchu. Während die ersten drei Filme dieser Reihe noch recht hochklassig sind und ein wenig an die Edgar-Wallace-Streifen jener Zeit erinnern, übertrug Produzent Harry Allan Towers die Regie der letzten beiden Filme dem Spanier Jess Franco, einem Meister der Exploitation, der nun mehr auf Gewalt und nackte Haut, denn auf eine spannende Erzählung setzte.

Auf die Frage, warum es nach seiner Darstellung des Fu Manchu (und mit Ausnahme der Peter-Sellers-Parodie) keine weiteren Filme mit dem Erzverbrecher gab, meinte er einmal: "Da bin ich unschlüssig. Vielleicht hat sich die Art, in der Filme erzählt werden, verändert. Das Publikum scheint heutzutage mehr Realismus einzufordern, während diese Filme in ihrer Art des Geschichtenerzählens und der Darstellung ihrer Figuren eher märchenhaft waren. Es mag aber auch sein, dass das rassistische Element, das es hier gibt, eine Rolle spielt. Bei Chinesen wird die Darstellung eines machthungrigen Chinesen nicht sehr gut ankommen. Aber ich kann nur sagen, als ich die Figur spielte, da versuchte ich, ihr Würde zu verleihen und sie wie einen alten Kriegsherrn zu gestalten. Ich legte Fu Manchu wie einen Kaiser an, mit großer Würde und einem brillanten Verstand. Mit anderen Worten: Ich las Sax Rohmers Bücher, traf mich mit seiner Witwe und versuchte ihn so zu spielen, wie der Schriftsteller ihn beschrieben hat. Die Geschichten und die Drehbücher sorgten jedoch dafür, dass meine Bemühungen unterminiert wurden. Ebenso wie bei Dracula entfernte man sich auch bei Fu Manchu sehr weit von der Vorlage und ersann gleich eigene Geschichten. Um auf das Thema zurückzukommen, ich weiß nicht, warum es keine Fu-Manchu-Filme mehr gibt, und kann mir nur vorstellen, dass sie politisch einfach nicht mehr korrekt sind."

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Der Sänger

Christopher Lee ist ein echtes Multitalent. In seinen Filmen bot sich ihm nur selten die Gelegenheit, sein beträchtliches Gesangstalent zur Schau zu stellen. „Return of Captain Invincible“ (1983) war jedoch ein Film, bei dem er ein Lied zum Besten geben konnte, in dessen Text die Namen von etwa 30 Drinks vorkommen. Lees tiefe Stimme ist für den Gesang praktisch prädestiniert. Vor ein paar Jahren, 1997, nahm er ein Album auf, auf dem er 14 Lieder in den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch und Russisch singt.

Auf Grund seines Sprachentalents wurde Christopher Lee auch hin und wieder nach Deutschland geholt, um sich selbst zu synchronisieren. In dem märchenhaften Zeichentrickfilm „Das letzte Einhorn“ (1982) spricht er den von den Einhörnern besessenen König Haggard sowohl im englischen Original als auch in der deutschen Synchronisation. Ein durch und durch besonderes Erlebnis, das dazu beiträgt, den mitunter verkitschten Film immer wieder zum Genuss zu machen. Gerüchte über eine Realverfilmung des Stoffes, bei der Lee erneut als Haggard agieren soll, reißen nicht ab, aber mittlerweile dürfte es dafür zu spät sein.

Der Vater einer Tochter gründete zusammen mit dem Hammer-Kollegen Anthony Nelson Keys die eigene Produktionsfirma Charlemagne, doch das erste Projekt „Das Dunkel der Nacht“ (1972) wurde zum Flop und blieb auch das einzige seiner Art. Charlemagne wurde mit diesem Film zu Grabe getragen.

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Zweiter Frühling

Lees Popularität hat über die Jahre nie nachgelassen. Im Gegenteil, in den letzten Jahrzehnten war der Mime begehrter denn je, was wohl auch daran liegt, dass viele Regisseure mit seinen Filmen groß geworden sind und die vielleicht einmalige Gelegenheit ergreifen wollten, mit ihrem Idol vergangener Tage einmal zusammenzuarbeiten. So verpflichtete Russell Mulcahy den großen alten Schauspieler für „Talos – Die Mumie“ (1998) und Tim Burton setzte ihn in einer kleinen Rolle in seinem atmosphärisch an die Hammer-Filme angelehnten „Sleepy Hollow“ (1999) ein. Burton holte Lee abermals für die Rolle des Vaters von Willy Wonka in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) und setzte ihn als Sprecher für seinen Animationsfilm „Corpse Bride“ (2005) ein.

George Lucas frönte ebenfalls seiner Begeisterung für den Mimen. Nachdem er ihn bereits einmal 1992 in einer Gastrolle der Serie „Die Abenteuer des jungen Indiana Jones“ eingesetzt hatte, holte er ihn für die wichtige Rolle von Count Dooku zu „Star Wars Episode II: Angriff der Klonkrieger“ (2002). Und auch im Abschluss der Trilogie war Lee mit von der Partie, auch wenn sein Part hier ein schnelles, recht unrühmliches Ende findet.

Martin Scorsese verpflichtete Lee schließlich für „Hugo Cabret“ (2011), einen der bezauberndsten Filme der letzten Jahre.

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Für sein Mammutprojekt „Der Herr der Ringe“ dachte Peter Jackson, Zeit seines Lebens ein Genrefan, natürlich auch sofort an Christopher Lee, der zwar gerne den guten Zauberer Gandalf gespielt hätte, aber auch mit der des einstmals guten Zauberers Saruman zufrieden war. Saruman kam Lee auch sehr entgegen, hat er doch stets seine besten Darstellungen abgeliefert, wenn seine Figur eben nicht auf der Seite des Guten war.

Bedauerlich ist, dass sich sowohl 20th Century Fox als auch Warner nicht dazu durchringen konnten, Lee sich selbst synchronisieren zu lassen. Während bei der Ring-Saga mit Otto Mellies immerhin eine adäquate Stimme gefunden wurde, agierte die deutsche Variante von Count Dooku doch ziemlich zahnlos.

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Sein Traumprojekt konnte Christopher Lee jedoch nie verwirklichen: "Ich wäre durchaus daran interessiert, noch einmal als Dracula vor die Kamera zu treten. Aber nur, wenn man sich an den Roman hält - und zwar sehr genau. Es muss exakt wie das Buch sein. Jeder Charakter muss seinen richtigen Namen tragen, dieselben Zeilen wie im Roman sprechen. Natürlich nicht jedes Wort, aber wenn gesprochen wird, dann müssen es die Worte sein, die Stoker in seinem Roman verwendete."

Heute ist Lee auch zu gebrechlich, als dass er die Rolle noch einmal spielen könnte. Er ist auch im hohen Alter noch fleißig, aber der Körper will nicht mehr so, wie einstmals. Darum ist Lee in den letzten Jahren vor allem in kleinen Rollen zu sehen gewesen, in denen er auch oftmals sitzen konnte - aber auch das hat seine schauspielerische Präsenz nie gemildert.

Christopher Lee war einer der letzten großen Mimen einer längst vergangenen Zeit, ein Mann, der eine Karriere daraus gemacht hat, Schurken zu spielen, dabei aber so viel Charisma an den Tag gelegt hat, das man oft seinen Figuren die Daumen drückte. Er hatte ein reiches, erfülltes Leben und seine Fans bis zuletzt unterhalten. Niemals ließ er in seiner Produktivität und Aktivität nach. Was bleibt, ist ein gigantisches Vermächtnis, ein filmischer Schatz, der Generationen überdauern wird.