Fiktion und Realität

Nicht nur gute Geschichten kleideten Star Trek. Die Serie war bereits in Ende der 1960er Jahre erstaunlich akkurat, wenn es um technische Details ging. Im Pilotfilm beschrieb die Crew das Reisen in Überlichtgeschwindigkeit beispielsweise als „Time Warp“, gemäß der Relativitätstheorie. Eben jene Regel aus dem einsteinschen Physikverständnis besagt, dass Menschen, die sich Lichtgeschwindigkeit nähern bzw. überwinden, langsamer altern als Lebewesen im „normalen“ Raum-Zeit-Gefüge. Bei Überlichtgeschwindigkeit reist man quasi rückwärts durch die Zeit, weil man nach optischer Auffassung ankommt, bevor man losgeflogen ist.

Um dieses Verhältnis anzugleichen, reist das Raumschiff mit der weltbekannten Bestellnummer NCC 1701 also nicht nur durch den Raum, sondern auch durch eine angepasste Zeit, um am Ziel anzukommen, wenn alle anderen Beteiligten noch leben. Beziehungsweise nach dem Start, und nicht davor. Um das Überschreiten von Lichtgeschwindigkeit zu vermeiden, bewegt sich auch nicht das Gefährt durch das All, sondern der Raum wird gebogen.

50 Jahre Star Trek - Fernsehen für Philosophen

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Nachdem die Originalserie eingestellt wurde, erzählte eine Zeichentrickvariante weitere Abenteuer.
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Alles nur Theorie, logischerweise, aber anerkannte Theorie, die in den 1960ern zur Disposition stand. Einige dieser Denkmodelle sind inzwischen widerlegt oder zumindest stark angezweifelt worden, da die dafür nötigen Energien jenseits alles Machbaren liegen. Nichtsdestotrotz ist die Idee des Warp-Antriebs weit weniger Fantasy als der Hyperdrive in Star Wars und vielen anderen Science-Fiction-Erzählungen (oder Science-Fantasy).

Berechtigte Frage: Brauchte es diese Detailversessenheit bei der Technik der Enterprise? Wären all diese Geschichten mit einem Fantasie-Triebwerk auf Rohrzuckerbasis weniger spannend gewesen? Ja, irgendwie schon, denn die Verbindung zur Realität wirkte sich unterbewusst auf die Glaubhaftigkeit aus. „Ja, das ist die Zukunft, und das, was wir da sehen, ist erstrebenswert – und vor allem möglich!“ Zumal kein Mangel an Fantasie-Lösungen bestand.

Siehe das ominöse Beamen, das der Crew ermöglicht, per Transporterstrahl Fuß auf fremde Planeten zu setzen. Eigentlich nur eine Budget-Lösung, weil Roddenberry nicht wusste, wie er das monströse und klar für den Weltraum entworfene Raumschiff landen sollte. Und überhaupt: Wer würde sich denn bitte in der Realität beamen lassen wollen? Ist doch laut den Regeln der Physik Selbstmord.

Scharf nachdenken: Wenn ein System alle Zellen eines Menschen zerlegen will, um es in Form von Energie auf einen Planeten zu versetzen, muss es auch deren innersten Aufbau im subatomaren Level analysieren und die jeweiligen Atome zerstören, sonst verschwindet die gebeamte Person ja nicht vom Raumschiff. Was unten auf dem Planeten ankommt, ist somit nur eine Kopie der jeweiligen Person. Sie denkt zwar sie sei das Original, weil sie alle Denkmuster erhalten hat, aber da die Materie der gebeamten Person aus einem Energiestrahl umgewandelt wurde, geht es nur um ein Duplikat. Der Original-Mensch ist in dem Moment des Beamens auf dem Raumschiff gestorben. Macht in physischer Logik nur so Sinn, denn ansonsten hätte man sogar zwei Versionen desselben Menschen: Eine auf dem Schiff und eine Kopie auf dem Planeten.

Heftiger Stoff für's Kopfkino, aber angesichts der Möglichkeiten des 1960er-Fernsehens in episodischer Form ein erträglicher Schnitzer. Im Ausgleich dafür wurden ganz andere Innovationen geboren, die wir heute für selbstverständlich erachten. Zum Beispiel drahtlose Kommunikation über handgroße Geräte. Der Star Trek Kommunikator kam dem echten Mobiltelefon um Jahre zuvor.

Kontrastprogramm: Die Kinofilme

Wissenschaftliche Theorien hin, Notlösungen her: Nach 1969 war Schluss. Ausgerechnet im Jahr der Mondlandung drehte CBS der Serie den Hahn ab, wobei schon die zweite Staffel nur mit Hängen und Würgen grünes Licht bekam und mit ständigen zeitlichen Neuplatzierungen im Fernsehprogramm zu kämpfen hatte. Und das trotz internationalen Ansehens. Jenseits des Eisernen Vorhangs beschwerte man sich gar in Zeitungsartikeln, dass die international besetzte Crew zwar mit einer schwarzen Kommunikationsdame und einem japanischen Steuermann alle erdenklichen Feindbilder relativierte, aber in der vereinten Erdmannschaft kein Russe vertreten sei. Eine Kritik, auf die Gene Roddenberry samt Schreibern prompt reagierte. Ab Staffel Nummero zwei bediente der Russe Pavel Chekov die Waffensysteme der Enterprise. Und das mitten im Kalten Krieg!

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In Deutschland sollte Star Trek allerdings viel später aufschlagen, nämlich am 27. Mai 1972. Hier genoss die Serie lediglich das Ansehen einer amerikanischen Fantasterei, wodurch sie als vermeintlicher Kinderkram im Jugendprogramm des öffentlich rechtlichen Fernsehens endete. Einige Folgen wurden sogar so stark gekürzt oder inhaltlich falsch synchronisiert, dass sie Ihren Sinn einbüßten. Die berüchtigte Folge „Patterns of Force“, die eine Zeitreise ins irdische Nazi-Deutschland porträtierte, flog gar komplett aus dem Programm und wurde erst Jahrzehnte später ausgestrahlt.

Dem Kult tat das keinen Abbruch. Fans aus aller Welt verlangten in Zuschauerpost nach Fortsetzungen, während Drittlizenznehmer die Serie quasi auf Dauerschleife wiederholten. Der Kult um das Raumschiff Enterprise wuchs erst nach der Absetzung, konnte aber kaum gestoppt werden. Frühe Trek-Conventions erblickten das Licht der Nerd-Welt schon Anfang der Siebzigerjahre.

CBS erkannte das Potenzial, ebenso wie der Schöpfer Roddenberry. Pläne für eine Fortsetzung nahmen erste Form an. „Star Trek Phase II“ (Arbeitstitel) sah eine zweite Fünfjahresmission mit einem modernisierten Raumschiff Enterprise vor, wenn auch mit neuer Crew, da nicht sicher war, ob die einstigen Helden Ihre Rolle erneut aufgreifen würden. Allem voran bei Spock-Darsteller Leonard Nimoy kamen Zweifel auf. Doch das ohnehin unscharf geplante Projekt kam durch Streitigkeiten zwischen Studio und Mastermind Roddenberry immer mehr ins Wanken.

Ausgerechnet der erheblich Fantasy-lastigere Kino-Hit Star Wars wendete das Blatt. Nach dessen globalen Siegeszug waren Weltraum-Geschichten plötzlich gefragt und das Filmstudio Paramount suchte händeringend nach Stoff, der auf Zelluloid gebannt werden konnte. Star Trek lag auf der Hand. Im Prozess der Aufbereitung von Phase II vergingen Monate, in denen niemand wusste, ob das Reboot nun eine Serie oder ein Film werden würde. Letztendlich wurde ein Film daraus, der viel Kuddelmuddel im Gestaltungsprozess hinterließ. Beispielsweise bei den Risszeichnungen des Schiffs an den Anzeigetafeln oder im Turbolift. Diese zeigten nämlich die Umrisse der leicht abgewandelten Phase-II-Enterprise und nicht das komplett modernisierte „Refit“ der Film-Enterprise, deren Warp-Gondeln schräg auf dem Maschinendeck standen. Zumal auch die alte Crew aus der Originalserie zurückkehren würde, statt einer neuen Mannschaft Platz zu machen. Inklusive Mr. Spock, der erneut den Platz als Wissenschaftsoffizier einnahm, wodurch kein Raum mehr für dessen Ersatzmann blieb - den Vulkanier Xon.

Star Trek – Der Film, (im Original „The Motion Picture“) litt leider unter den Tücken der verworfenen Ursprungspläne. Roddenberry sah für den Phase-II -Pilotfilm eine Umsetzung seines Scripts „The God thing“ vor, in dem ein fremdes Wesen vorgibt, Gott zu sein und den Glauben der Menschen durch diverse Projektionen auf die Probe stellt. Ein typisches Roddenberry-Produkt, immerhin galt er als Agnostiker mit Respekt für Spiritualität, aber mit Ablehnung dogmatischer Gottesbilder und Glaubenszwänge. Das Script wurde von den Entscheidungsträgern der Studios CBS und Paramount abgelehnt. Religiös zu kontrovers für den Durchschnittszuschauer, so urteilte man. Das alternative Script, welches letztendlich für den Kinofilm verwendet wurde, griff eine ähnliche Idee auf, ersetzte allerdings die Grundprämisse durch den Umstand, dass eine von Menschen geschaffene Sonde nach langer Reise durch das All ihren Schöpfer sucht.

50 Jahre Star Trek - Fernsehen für Philosophen

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Bildgewaltig, philosophisch, aber auch etwas schnarchig: Der erste Kinofilm fiel bei den meisten Kritikern durch.
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Die geniale Verdrehung des Themas wurde im Effekt-Hype von Star Wars leider so bildgewaltig aufgetischt, dass die Botschaft des Films zweitrangig wirkte. Roddenberry versuchte im Regiestuhl einen ähnlich beeindruckenden Film abzuliefern wie Kubrick einst bei 2001: Odyssee im Weltraum. Er verhaspelte sich dabei zu sehr, weil der Zeitdruck der Studios immer größer wurde. 1979 erschien somit eine nicht ganz ausgereifte Fassung des Films in den Kinos und wurde von Kritikern zerrissen. Zu träge, zu bildgewaltig, zu kopflastig für das von Star Wars angeheizte Publikum. Selbst Trekkies unkten über den langsamen Atem des „Slow-Motion-Picture“.

Ein nicht zwingend gerechtes Urteil. Rückblickend wirkt der erste Film noch immer etwas träge, doch im Augenschein des Directors Cut und der Tatsache, dass die Effekte von 1979 noch immer sehr beeindruckend sind, bleibt eine der reinsten und direktesten Verwirklichungen der Star Trek-Idee haften, nämlich ein Effektfilm mit philosophischem Hintergrund. Insbesondere in der heutigen Zeit findet man nur wenige Filme, die gleichzeitig Auge und Hirn anregen.

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