Die Rick-Berman-Ära

Die Idee der Star-Trek-Serie sollte ihren Schöpfer überleben. Rick Berman übernahm die Verantwortung und versuchte die zuvor angestrebte Richtung noch eine Weile aufrechtzuerhalten. Leider gelang dies nicht. Schon kurze Zeit nach Roddenberrys Tod waren starke Zugeständnisse zu verzeichnen. Mehr Action, weniger Diplomatie, weniger Humanismus.

Gute Werte verschwanden nicht sofort, aber sie dünnten in den folgen drei Fernsehserien stark aus. Nach „The Next Generation“ kam Deep Space Nine, die wahrscheinlich tiefgründigste und inhaltlich komplexeste Erzählung der Reihe, die gemächlich startete, aber am Ende mit dem Krieg gegen die Formwandler beziehungsweise das „Dominion“ den spannendsten Stoff auftischte. Erstaunlich. Anfangs sage man Deep Space Nine nach, es ginge um eine verkappte Seifenoper, da die Raumstation, in der ein Großteil der Handlungen stattfand, sich nie vom Fleck bewegte und die Erzählstruktur hauptsächlich darauf setzte, die Föderation als Fremdkörper in einem Koflikt zweier Kulturen darzustellen.

50 Jahre Star Trek - Fernsehen für Philosophen

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Berühmt und berüchtigt war das Make-Up der Aliens, das die fremde Herkunft oft durch diverse Stirn-Geschwulste verdeutlichte.
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Bajoraner gegen Kardassianer – das klang oft wie „Juden gegen Nazis“. Auf der einen Seite die religiös veranlagten Bajoraner, die sich nur mit Mühe gegen ihre Besatzer wehren konnten, auf der anderen Seite die kaltblütigen, aschgrauen Kardassianer, denen auch später kaum jemand über den Weg traute. Dazwischen die Föderation als Friedensstifter und ein ganzer Haufen zwielichtiger Gestalten, die dem Konzept die nötigen Zwischentöne verpassten. Darunter der verschlagene Barbesitzer „Quark“ , dessen nicht immer legale Machenschaften fast schon menschlicher erscheinen als die reine Weste von Captain Sisko. Dass mit letzterem erstmals ein Afro-Amerikaner Kapitän in einer Star Trek Serie sein sollte, ist heute kaum der Rede wert.

Bei Star Trek Voyager nicht anders. Da saß erstmals eine Frau im Chefsessel. Machte aber kaum einen Unterschied. Captain Janeways stiefmütterliche, wenn nicht gar schulmeisterlich strenge Art hätte einem Mann genauso gut gestanden. Von Weiblichkeit in der Kommandostruktur kaum eine Spur. Immerhin. Sie stellte für die Crew des 70000 Lichtjahre von Zuhause verirrten und vergleichsweise kleinen Raumschiffs eine Art Mutterfigur dar, die zwar mit strenger Hand ihre Sprösslinge erzog, aber immer das Beste in ihnen sah. Selbst aus der befreiten Borg-Drohne „Seven of Nine“, die in der vierten Staffel nur eingeführt wurde, weil ihre körperlichen Attribute in einem extrem engen Catsuit für steigende Zuschauerzahlen sorgen würden. Zum Glück wussten die Schreiber der Serie weit mehr mit ihr anzufangen. Seven of Nine und der sympathisch schrullige holografische Doktor sorgten endlich wieder für eine bissige, ja geradezu ausgelassene Charakterdynamik unter der Crew. Ein Ziel, das in den ersten drei Staffeln nicht zu erreichen war, weil der Versuch, einen Konflikt zwischen Sternenflottenmitgliedern und Anhängern des rebellischen Marquis herbeizuführen, nicht fruchtete.

Alles gut geplant, aber am Ende kam es doch anders, in etwa so wie bei den Kinofilmen rund um die Next-Generation-Crew. Nach dem holprigen Einstieg mit „Generations“, bei dem Kirks Tod mehr schlecht als recht hineingeschustert wurde, folgte ein einziger wirklich sehenswerter Film. Nur „Der Erste Kontakt“ (Regie Jonathan Frakes alias Will Riker) schaffte es, das Wesen der Crew auf die Kinoleinwand zu übertragen, wobei selbst hierfür einige Tweaks notwendig waren. Zum Beispiel mussten die Schreiber aus dem ruhigen, besonnenen Captain Picard einen rachsüchtigen, kurzsichtigen Kapitän Ahab herauskitzeln, was überhaupt nicht der Figur entsprach.

TNG eignete sich rückblickend überhaupt nicht für die Action-Prämisse des üblichen Sci-Fi-Kinos. Schon im Nachfolger „Der Aufstand“ widersprach der Handlungsbogen mehreren Geschichten der Serie, verkehrte gar Spocks einstigen Leitspruch ins Gegenteil (Das Wohl vieler wiegt mehr als das Wohl des Einzelnen). Heraus kamen ganz nette, aber keineswegs markante Actionfilme, die genauso gut zu Serien-Episoden hätten verarbeitet werden können. Kein Wunder also, dass der letzte Film aus der Reihe (Nemesis) wenig Zuspruch fand. Man ging ins Kino und sah dort kein Star Trek. Man sah ein verzerrtes Abbild der einst liebgewonnen TNG-Crew, das verbissen versuchte, den gleichen Charme zu bewahren.

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Star Trek generiert noch heute eine unvergleichliche Fankultur mit Fanfilmen, Serien und mehr. Tobias Richter ist beispielsweise für seine grandiosen 3D-Renderings bekannt.
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Das, was am Ende von Nemesis geschieht, hätte im Bestfall die Einleitung ins Kino-Universum der Next Generation sein können: Rikers Beförderung und Versetzung auf ein neues Schiff, oder die Weiterentwicklung (beziehungsweise Rückbesinnung) des längst zu menschlich gewordenen Androiden Data. Letzterem einen Emotionschip zu spendieren, war genau einen Film lang ganz witzig. Danach hatte die Figur keinen Reiz mehr. Worf? Geordi La Forge? Deanna Troi? In den letzten beiden Kinofilmen nur noch Schatten ihrer selbst, ohne Profil, ohne Erzählstoff. Schade, dass die Macher dies viel zu spät bemerkten und der Crew keinen angemessenen Abgang bescherten.

Einsturz und Reboot

Abgesehen vom Original aus dem Jahr 1966 hielt jede Star Trek Serie bis 2002 ganze sieben Staffeln durch. Bei 26 Episoden je Staffel ergibt das 182 Stunden Unterhaltung je Serie und rund 600 Stunden zusammengenommen. Selbst über alle erfolgreichen Jahre hinweg ungemein viel Stoff. Ermüdungserscheinungen beim Publikum waren vorauszusehen. Immerhin besiegte Captain Janeway im Alleingang die Borg, das Dominion war (trotz herber Verluste) geschlagen und auch sonst gab es kaum etwas, vorauf man zuarbeiten konnte.

War das Grund allein für das vorzeitige Ende der letzten Serie „Star Trek: Enterprise“? Nein, gewiss nicht; aber ein Teilaspekt. Problematisch dürfte vor allem die Verwirrung sein, die Rick Berman und sein Team mit der Crew rund um Kapitän Jonathan Archer (Scott Bakula) stiftete. Es sollte um eine Vorgeschichte gehen, um eine Zeit vor Captain Kirk, vor der Föderation und vor den Gemütlichkeiten der modernen Raumschiffe, die wie Luxusliner durch das Sternenmeer schipperten. Mit einer Crew, die der heutigen Menschheit weit mehr ähnelte als die glattgebügelten Supercharakter der Zukunft.

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Das Schiff, das es nie gab: Star Trek Enterprise brachte den Kanon ganz schön durcheinander.
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Dumm nur, wenn die angesetzten Schreiberlinge den kompletten Kanon damit über den Haufen werfen. Vulkanier ohne Gedankenverschmelzung, die noch immer kurzsichtig und unlogisch handeln, Ferengi weit vor der TNG-Ära und ein Raumschiff namens Enterprise, das in keiner vorangegangenen Serie jemals Erwähnung fand (und dazu schnittiger, ja gar moderner aussah als so manche, die in der Zeitlinie später kommen sollten). Alles Dinge, die selbst hartgesottene Fans vor den Kopf stießen. Und das frühzeitige Ende im Rahmen der vierten Staffel zementierten. Und das gerade zu dem Zeitpunkt, an dem man das Design wieder auf Kurs bringen wollte. Etwa durch das Zufügen eines sekundären Rumpfs mit dem üblichen Maschinenraum.

Inzwischen ist viel Gras über das alte Star Trek gewachsen, ohne dass die Popularität darunter gelitten hätte. Ganz im Gegenteil. Die Originalserie erstrahlt in HD mitsamt neu gerenderten Raumschiff-Sequenzen. Ähnlich steht es um TNG. Picard und Co darf man in HD durch alle Staffeln begleiten. Und im Kino? Da sorgte JJ Abrams jüngst für ein optisch ansprechendes Reboot. Schade nur, dass sämtliche humanistischen Werte in den neuen Filmen genauso zu kurz kommen wie die Charakterentwicklung.

Betrachtet man die jüngsten Ereignisse der Welt, die erschreckenden Wahlergebnisse mit einem Aufflammen eines neuen Fremdenhasses, dann wünscht man sich Serien wie Star Trek zurück, die zeigen, dass es auch anders geht.

Abwarten! Mit ein wenig Glück zeigt uns die für 2017 geplante Serie erneut, dass man gute Geschichten auch ohne Mord und Totschlag erzählen kann.

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