Es gab mal eine Zeit, in der nichts nerdiger klang als das Geständnis, Star-Trek-Fan zu sein. Mit Ausnahme des Fachbegriffs „Trekkie“. Schleuste man diesen noch mit in die Offenbarung ein, konnte man die Kondompackung gleich auf dem Ladenregal lassen. So sagt es zumindest das Klischee aus den Achtzigerjahren, welches bis in die Neunziger prächtig gedieh.

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Heute ist Star Trek hingegen schnelles Action-Kino mit jugendlichem Elan. Auch auf den zweiten Blick kein Anlass, das eigene Profil beim Online-Dating zu fälschen. Und doch gibt es eine ganze Menge Leute, denen diese Entwicklung hinsichtlich des fünfzigsten Jubiläums der Kultsaga etwa genauso gut schmeckt wie eine Portion Kernseife. Warum wünschen Sie sich die Zeiten des Grams zurück? Und vor allem: Wie konnten Sie sich jemals fortpflanzen, wenn das Klischee stimmt? Ein faszinierender Rückblick.

Wissenschaft und Lebenseinstellung, fantastische Geschichten, sinnfreies Technik-Gebrabbel und eine handfeste Zukunftsperspektive: All das vereint Star Trek seit einem halben Jahrhundert in einem unglaublich facettenreichen Konzept. Irre, denn 50 Jahre sind im Reich der TV-Serien eine halbe Ewigkeit, besonders im Sci-Fi-Genre. Wie schnell gilt das Erzählte als unzeitgemäß. Man denke etwa an die 70er- und 80er-Interpretation von „Kampfstern Galaktica“ oder „Buck Rogers“, die niemand ohne Einfluss harter Drogen auf Dauer erträgt.

Nicht so bei Star Trek – beziehungsweise im hiesigen Sprachgebrauch „Raumschiff Enterprise“. Gene Roddenberrys Vermächtnis mag die technischen Limitationen seiner Fernseh-Ära nicht verstecken können, angefangen beim Vier-zu-drei-Format über die Ausstattung der Kulissen bis hin zum Raumschiff-Design. Da wäre selbst Buck Rogers zeitloser. Doch die Geschichten bleiben aktuell, ja, angesichts jüngster historischer Entwicklungen zeitgenössischer als je zuvor.

Ob das ein ausreichender Grund ist, den Waschbärbauch auf Conventions in babyblauen Pyjama-Stoff zu pressen und spitze Silikonkappen auf die Ohrmuscheln zu kleben, sei mal dahingestellt. Auch heute wird man damit nicht unbedingt zum Party-Hengst. Aber jene, die dem alten Garn um James T. Kirk, Spock, Picard und Sisko nachtrauern, dürfte das wenig stören, immerhin gilt Star Trek als „Sci Fi for the thinking man“, und den Intellektuellen schlägt man sowieso die Tür vom Partykeller vor der Nase zu.

Spaß beiseite: Es spricht nichts gegen den Unterhaltungswert des neuen Star Trek nach J.J. Abrams Façon. Aber Star Trek war früher so viel mehr als nur seichte Unterhaltung. Diese Serie schrieb nicht nur Geschichte, sie verkörperte sie auch. Ihr nachzutrauern, ja, ihre alten Tugenden für die Zukunft herbeizusehnen, ist keine kitschige Nostalgie. Diese Sehnsucht ist eine Resonanz dessen, was unserer Zivilisation seit dem 11. September 2001 Stück für Stück immer mehr verlorenging: Die Leichtigkeit einer positiven Zukunft; die Zuversicht, dass der Mensch eines Tages seine primitivsten Charakterzüge ablegt.

Vergangenheit ist Zukunft

Um genau zu sein, entsprang Star Trek aus einer ähnlich misslichen Lage, in der wir heute stecken. Der Kalte Krieg war das Schreckgespenst der Nachkriegszeit; nicht minder subtil furchteinflößend als die heutige Angst vor Terrorismus und religiösem Fanatismus. Er ließ viele Menschen zusammenzucken und Abwehrhaltung einnehmen, noch bevor sich überhaupt eine Bedrohung manifestierte. Allein die Erwartung eines Unglücks, die unterschwellige Angst vor dem Unkontrollierbaren, ja gar vor dem Sieg der Unvernunft, verleitete Menschen dazu, selbst unvernünftig zu denken, vorschnell zu handeln und Konsequenzen weit schwerer abzuwiegen als die Realität verlangte.

Ob Gene Roddenberry beim Erschaffen von Star Trek bewusst gegen dieses unterschwellige Gefühl anfocht oder nicht, lässt sich heute kaum mehr mit Sicherheit nachvollziehen, wohl aber, dass er eine völlig andere Vision von der Zukunft der Menschheit hatte als viele seiner Zeitgenossen. Für den 1921 in Texas geborenen Ex-Bomberpiloten war klar, dass der Mensch in der Art, wie er das zwanzigste Jahrhundert eingeleitet hatte, nicht weiterexistieren konnte. Homo sapiens musste lernen, um zu überleben. Und Roddenberry traute es ihm zu. Frieden untereinander, Kooperation, das Überwinden von Vorurteilen, das Einmotten glaubensbedingter Dogmen... all diese zu erreichenden Ziele hatten beinahe einen religiös bekehrenden Unterton, obwohl Roddenberry nicht sonderlich viel von Religionen und ihren festgefahrenen Regelwerken hielt. Humanismus hieß der Motivator, und er war zuversichtlich, diese Idee durch wöchentlich ausgestrahlte Episoden in die Welt hinaustragen zu können.

Eine Zuversicht, die sich nur schwerlich in spannende Handlungsmotivik verpacken ließ. Erst recht in der US-amerikanischen Fernsehlandschaft der Sechziger, die sich überaus rückwärtsgewandt präsentierte. Western bestimmten das Fernsehbild, weil Cowboys, Indianer, Sheriff und Gauner wunderbar simple Figuren darstellten, denen man anhand einfachster Handlungswendungen allerlei moralische Winkelzüge unterjubeln konnte. Geschichten, die jeder verstand, mit klaren Grenzen, klaren Rollen, klaren moralischen Werten. Im Grunde das genaue Gegenteil von dem, was Roddenberry im Sinn hatte.

50 Jahre Star Trek - Fernsehen für Philosophen

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Kirk, Spock und Pille: Das dynamische Figuren-Dreieck der Original-Serie garantierte Spannung und viel Wortwitz.
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Umso ironischer scheint die Art und Weise, mit der er dem Fernsehsender CBS (beziehungsweise der Produktionsgesellschaft Desilu) das Konzept seiner futuristischen Mär unterjubelte. Angelehnt an jene Wagentreks, die bei der Besiedlung des amerikanischen Kontinents mutig und verwegen gen Westen zogen, um unerforschte Prärien zu erschließen, Städte zu gründen und die Grundlage für neue Zivilisationen zu streuen, versprach Roddenberry einen Wagentrek zu den Sternen.
Natürlich war das Humbug. Eine reine Finte, die ihm ermöglichte, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Aber eine geschickt ausgespielte Karte, die zum richtigen Zeitpunkt auf den Tisch kam, denn inmitten des Kalten Krieges fand das Wettrennen um die Vorherrschaft im All statt. Russen und Amerikaner befanden sich im Space Race.

Humanismus als Leitmotiv

Trotz konzeptioneller Widersprüche und Streitereien mit dem Studio durfte er einen Pilotfilm mit dem Untertitel The Cage (Der Käfig) drehen. Doch der kam bei den Vorgesetzten nicht gut an. Viel zu intellektuell für das durchschnittliche Publikum. Und auch viel zu fortschrittlich. Eine Frau als erster Offizier auf einem hochmodernen Raumschiff? Undenkbar! Und dann dieser komische Außerirdische namens Spock, mit seinen diabolischen Augenbrauen und den spitzen Ohren. Der schon 1965 fertiggestellte Pilotfilm The Cage wurde abgelehnt, auch wenn Verantwortliche grundsätzliches Interesse bestätigten. Nicht nur, weil Star Trek das Gefühl einer Weltraum-Tour erfolgreich vermittelte. Das Konzept war unverbraucht in der Fernsehlandschaft, weil Konflikte anders gelöst wurden als bislang üblich.

Roddenberry musste mit harten Bandagen um die Durchsetzung seiner Ideen kämpfen und einige Kompromisse eingehen, schrieb allerdings gleichzeitig Fernsehgeschichte, denn Star Trek würde die erste abgelehnte Fernsehserie sein, die eine zweite Chance bekam. Zu verdanken hatte er das Lucille Ball, der Co-Eigentümerin von Desilu.
Im zweiten Anlauf kam eine komplett neue Cew zum Einsatz, die am 8. September 1966 erstmals zum über den Bildschirm flimmerte. Captain Kirk statt Captain Pike, ein neuer Arzt mit schnodderiger Schnauze, keine Frau mehr in einer hochrangigen Position. Nur Spock blieb, bekam die heute so bekannten Logik-Wesenszüge auf den Leib geschneidert und übernahm die Position des ersten Offiziers.

Dabei entstand das wahrscheinlich erfolgreichste Serien-Dreieck der Geschichte: Kirk, Spock und Pille (im Original „Bones“), drei Helden die sich wie Stein, Papier und Schere gegenseitig ausspielen, aber zugleich auch schützen und ergänzen konnten. Allem voran der Kontrast zwischen dem überaus logischen, geradezu kaltblütigen Vulkanier und dem sarkastisch frotzelnden Schiffsarzt lockerte viele Episoden auf. Hirn gegen Herz war mehr als nur ein Stilmittel, mit dem Drehbuchautoren den Handlungsstrang erklären konnten. Nicht selten stellte diese Gegenüberstellung den Kern der Erzählung.

Nicht, dass Roddenberry und seine Schreiber dem Kitsch der 60er entkommen wären. Manche Geschichten waren an den Haaren herbeigezogener Stoff nach klassischem TV-Drama. Etwa wenn Kirk und Spock gegeneinander antreten mussten, sei es körperlich oder in einer Gerichtsverhandlung. Trotz der TV-Fesseln inklusive Faustrecht und actionbetonter Erzählweise gelang es dem Team aber erstaunlich oft, humanistische Werte zu vermitteln und Konflikte so zu verzerren, dass sie das Publikum auch ohne Holzhammer erreichten. So gehörte Rassismus zu den Hauptthemen, musste aber durch geschicktes Drumherumerzählen umschrieben oder entschärft werden.

Ein gutes Beispiel wäre die Episode „Bele jagt Lokai“ (im Original „Let that be your last Battlefield“), in der die beiden zentralen Figuren halb schwarze und halb weiße Haut haben, nur jeweils in spiegelverkehrter Anordnung. Eine buchstäblich grafische Entgegenstellung des Rassenkonflikts, der nicht nur in den USA vorherrschte. Immerhin waren Schwarze auch in Deutschland keine gern gesehenen Nachbarn im selben Haus. Für manchen Politiker sind sie das heute noch nicht. Aber die sind ja auch von vorgestern. Na gut, ich schweife ab.

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Das berühmte Raumschiff Enterprise wurde für die Kinofilme leicht modernisiert.
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Noch schwerer zu verkaufen war der erste TV-Kuss der US-Geschichte eines Weißen mit einer schwarzen Frau, zu sehen in der Episode „Platons Stiefkinder“. Nicht nur in den USA standen gewissen intoleranten Zuschauern die Haare zu Berge, auch wenn das Zusammenkommen Kirks mit der Kommunikations-Offizierin Uhura durch telekinetischen Zwang erklärt wurde.

Eine von vielen Kontroversen der kommenden Jahre, denn auch die Folgeserien griffen unpopuläre Liebschaften thematisch auf. In den Neunzigern waren gemischte Rassen kein Tabu mehr, dafür aber Homosexualität. Anfangs natürlich noch recht schüchtern und wie zuvor geschickt verpackt. In „Das nächste Jahrhundert“ verkehrte man alles ins Gegenteil: Eine geschlechtslose Rasse bringt Sonderlinge hervor, die sich männlich oder weiblich fühlen. Eine dieser Personen verliebt sich sogar in den ersten Offizier der moderneren Enterprise D. Erst auf der Raumstation Deep Space Nine ging es durch den Kuss zweier Frauen richtig zur Sache.

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