Man sollte eigentlich meinen, das Wohlfühlkino habe sich mit der beliebten Figurenkonstellation aus altem Sauertopf und niedlichem Dreikäsehoch ausreichend selbst kuriert. Vielleicht aber gehört es auch zum Wesen generationsübergreifender Geschichten, dass man sie einfach wieder und wieder erzählt. Und dabei so großzügig überzuckert, bis eben auch der letzte Zuschauer sie für wahrhaftig hält.

St. Vincent - Deutscher Trailer #1Ein weiteres Video

Von Hämatomen übersät

Das klingt jetzt natürlich böse, dabei meint es ein Film wie „St. Vincent“ ja nur gut, vor allem mit sich selbst. In der Tragikomödie darf nun Bill Murray jene zumeist sehr rhetorische Figur darstellen, die sich vom ollen Griesgram zum eigentlich doch herzensguten (Groß-)Vater entwickelt. Die Rolle des niedlichen Kindes, das ihm gegenüber erst eine zweckdienliche und dann schließlich vertrauensvolle Beziehung aufbaut, übernimmt der talentierte Newcomer Jaeden Lieberher.

St. Vincent - Bill "fucking" Murray ist alles andere als heilig

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 7/111/11
Gartenmensch Vincent (Bill Murray). Die Flagge im Blumentopf ist eigentlich ein schönes Detail, die aus der Zeit gefallenen Kopfhörer hingegen wirken etwas gewollt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Lieberher ist 11 Jahre alt und zumindest soweit perfekt gecastet, als er beinahe wie eine Art kindlicher Murray wirkt – bereits ein wenig kauzig, aber noch grün hinter den Ohren, schon durchaus schlagfertig und smart, aber dabei auch leicht verschroben. Solche Kinder können einem in Filmen gehörig auf den Senkel gehen, man erinnere sich etwa an diese schrecklich altkluge Little Miss Sunshine, aber zumeist sind sie selbstverständlich eher geeignet, das Herz zu erwärmen.

Packshot zu St. VincentSt. Vincent kaufen: ab 3,63€

Weil dieser Grat für gewöhnlich sehr schmal verläuft, sollte eine bestenfalls kluge, empathische Regie wissen, wie sie mit Kinderfiguren umzugehen hat. Theodore Melfi, der hier seinen Einstand als Filmemacher gibt, zieht es indes leider vor, den kleinen Oliver Bronstein eher als Folie des Drehbuchs zu verstehen: Stets geht ihm der richtige Spruch über die Lippen, immer kommentiert er das Geschehen in einer adoleszenten Mischung aus Weis- und Pointiertheit.

St. Vincent - Bill "fucking" Murray ist alles andere als heilig

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Noch mal Gartenmensch Vincent, diesmal mit Zögling Oliver (Jaeden Lieberher), der einen Rasen ohne Gras mäht. Vielleicht ja als Metapher für den Film lesbar.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Kann man natürlich machen, also einen kleinen Jungen zum erwachsen daherplappernden Sprachrohr des Films umfunktionieren, statt Oliver einfach einen kleinen Jungen sein zu lassen. Aber man kann nicht erwarten, dass solche Manipulationssülze gleich bei jedem tränenblinde Emotionen hervorruft. Zumal „St. Vincent“ auch sonst ein derart gefallsüchtiger Film ist, dass man sich seiner durchschaubaren Rührseligkeit schon aus reinem Selbstschutz erwehren sollte.

Dabei schmeckt der spätere Zuckerguss zunächst erstaunlich bitter. Bill Murrays notorisch misslauniger Vincent MacKenna stolpert schön gemeinschaftsuntauglich in den Film: Er reißt böse Witze, verzieht das Knautschgesicht zur Hackfresse, pöbelt sinnfrei in der Öffentlichkeit. Wenn er volltrunken daheim aufschlägt, knallt er gegen Küchenschränke und wacht erst am nächsten Morgen wieder auf – von Hämatomen übersät, aber noch immer fit genug, die neue Nachbarin anzupflaumen.

St. Vincent - Bill "fucking" Murray ist alles andere als heilig

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 7/111/11
Nach anfänglicher Skepsis ist sich der kleine Oliver gewiss: In Griesgram Vincent steckt ein Lebemensch, dessen Heiligenschein es lediglich sichtbar zu machen gilt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Alles andere als heilig?

Sie heißt Maggie, wird von Melissa McCarthy gespielt und ist, man kann es sich denken, Olivers allein erziehende Mutter – ein bisschen überfordert mit dem Umzug ins neue Viertel, ihrer Arbeit als Krankenschwester, der Erziehung des Sohnes. Durch einen Zufall landet Oliver nun eines nachmittags beim grantigen Nachbarn, der sich fortan bereit erklärt, gelegentlich auf den Jungen aufzupassen. Freilich gegen Bezahlung, es handelt sich ja immer noch um einen alten Miesepeter.

Lange hält der Film die eigentlich ganz erfrischende Misanthropie seiner Hauptfigur aber natürlich nicht aus. Sie muss irgendwie gebrochen werden, erst emotional und bald auch wirtschaftlich, eh klar. Was also folgt, ist der mehr oder weniger anrührende Beginn einer intergenerationellen Freundschaft, in deren Verlauf Vincent MacKenna vom Drehbuch soweit psychologisiert werden muss, dass auch die letzte Kinoreihe noch versteht, wie es zur Verbitterung dieses Mannes kommen konnte.

St. Vincent - Bill "fucking" Murray ist alles andere als heilig

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Mutter Maggie (Melissa McCarthy), „Lady of the Night“ Daka (Naomi Watts): Trotz zerrüttelter Familienverhältnisse bekommt Oliver viel herzliche Zuwendung.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

„Alles andere als heilig“, steht es auf dem deutschen Plakat des Films geschrieben, und natürlich ist das eine komplette Lüge. Nachdem „St. Vincent“ die Titelfigur auch noch um ihr letztes Geheimnis brachte, verleiht er ihr einen kräftigen Heiligenschein: Man wird sehen, wie der Trauerkloß seine demente Ehefrau im Pflegeheim besucht und sich aufrichtig um sie kümmert. Und man wird erfahren, dass Vincent ein Vietnamveteran von besonderen Gnaden ist, was den Film zu einer entsetzlich klebrigen Schlussszene inspiriert.

Heuchlerische Tragikomödie, die ihre tollen Schauspieler an ein Drehbuch vom Feelgood-Reißbrett verschenkt. Nicht heilig, bestenfalls scheinheilig.Fazit lesen

Das reicht aber nicht. Aus Oliver macht Vincent einen Mann, aus seiner Gelegenheitsfreundin, einer russischen Prostituierten (Naomi Watts, fürchterlich fehlbesetzt), eine richtige Frau, aus Maggie eine gute Mutter. Sicherlich, hier und da gilt es Stolpersteinchen zu überwinden, und gegen Ende droht Vincent noch einmal ganz kurz zum früheren Arschloch zu werden. Aber jeder bekommt hier letztlich die Kurve, und freilich gibt es gegenseitige An- und Aussprachen, ganz wie es sich für Feelgood-Filme gehört.

Die Geschichte des Films - Die 100 erfolgreichsten Filme aller Zeiten

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (100 Bilder)

Die unangenehme, weil ohnehin völlig verlogene moralische Selbstgefälligkeit solcher Filme wäre vielleicht erträglicher, wenn ihre Falschheit wenigstens noch einigermaßen Laune machen würde. „St. Vincent“ aber ist nur mäßig komisch, weitgehend langweilig, ausnahmslos vorhersehbar sowieso. Und jedes echte Gefühl, jeder leichte Anflug von etwas tatsächlich Unangenehmem, wird ein ums andere Mal von seichten Indie-Popsongs weggesudelt.