Es gibt ja so Filme, bei denen man auf das Cover der Hülle, den Klappentext oder eben den Trailer guckt und sich sagt: Boah, schon hundertmal gesehen, von dieser Art Film brauche ich nicht noch einen. Bei Spring erspäht der Filmfreund nackte Mädchen, aus denen Tentakel wachsen, liest unter Garantie zu hoch gegriffene Namen wie H. P. Lovecraft und kann sich sicher sein: Noch ein billiger Species-Ripoff, wie man ihn in der finstersten Ecke von Videothek oder Netflix im Dutzend billiger bekommt. Man kann niemandem aus dieser Erwartungshaltung einen Vorwurf machen. Auch wenn sie komplett und gänzlich falsch ist.

Spring - Love Is a Monster - Exklusiver Clip zum Horror-Liebesfilm von Aaron Moorhead2 weitere Videos

Spring macht von der ersten Szene an klar, dass er ein bisschen anders erzählen will, denn er dreht sofort mit etwas auf, womit Femme-Fatale-Horror normalerweise nicht punktet: mit großem Gefühl. Ehrliche, subtil eingesetzte Emotionalität ist ein roter Faden, der sich durch den ganzen Streifen zieht. Wer seine Äuglein offenhält, kann das auch erahnen. Das erste Drittel des Films lässt nicht einmal ein Mystery-Element erkennen, bevor das Rätsel gelöst ist und seine Bewältigung angegangen wird, ist auch das zweite Drittel des Films vorüber – und selbst dann erfolgt das Finale anders, als man es gewohnt ist.

Evan hat alles verloren, was ihn an seine kalifornische Heimat bindet. Nachdem seine Mutter an Krebs gestorben ist und er sich vor Schmerz einen Ausraster leistet, der ihn den Job kostet und ihm die Aufmerksamkeit der Polizei beschert, beschließt er, einfach abzuhauen und wählt als zufälliges Ziel Italien. Hier lernt er die ebenso clevere wie charmante Louise kennen, mit der er ein Verhältnis beginnt. Schon bald wirkt Louise jedoch wieder seltsam distanziert und in ihrer Umgebung häufen sich mysteriöse Ereignisse...

Spring - Love Is a Monster - Ungeheuer überraschend

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Es gibt Horror-Elemente, aber sie stehen nicht im Vordergrund - und das ist auch ganz richtig so.
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...UND DANN VERSUCHT SIE IHN ZU FRESSEN, ABER ER WIRFT IHR EINE GASFLASCHE INS MONSTRÖSE MAUL UND SPRENGT IHR DEN KOPF WEG. Ja nee, eben genau das nicht. Keine billigen Schockmomente, nicht mal wirklich Action. Was Genrefreunde vorfinden ist allenfalls eine Spur wirklich kompetent gemachter Body Horror, und auch der wird eher für subtilen Grusel und das notwendige Mysterium eingesetzt als zum Abhaken aller Horror-Konventionen. Das alles steigert sich zu einem Finale, das genau wie der Rest des Films ist: gewichtig, von guten Charakteren getragen, emotional glaubhaft und mit einer Spur Übernatürlichkeit gewürzt.

Horror? Romanze? Science-Fiction?! ARGH!

Das ist überhaupt eine der großen Fragen: Unleugbar macht die Mischung aus Romanze und Horror etwas her, aber man wird das Gefühl nicht los, dass man den Film auch ohne sein übernatürliches Element vergleichbar gut hätte drehen können, eben mit Drama, das aus alltäglichen Schwierigkeiten gespeist wird. Hinzu kommt, dass Spring nicht ohne seine Längen ist. Zwar ist es durchaus schön zu sehen, wie Evan sich immer mehr in sein neues Leben in Italien einfügt, doch ehrlich gesagt wirkt der Film ein bisschen, als hätte man ihn bei leichter Straffung auch zu einer wirklich guten Folge von Mysteryserie XY zusammendampfen können.

Spring - Love Is a Monster - Ungeheuer überraschend

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Spring erscheint bei uns am 8. Oktober 2015 auf Blu-ray und DVD.
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Die Betonung liegt aber weiterhin auf "wirklich gut", denn keine Minute mit Spring, wie überschüssig sie immer sein mag, muss oder sollte bereut werden. Starke Bildsprache, beeindruckende Aufnahmen und Kamera, natürliche Charaktere mit herzgefühlten Dialogen, ein gutes Gespür für Momentaufnahmen und kleine, durchaus auch mal komische Pointen und viel handwerkliches Know-How machen Spring zu einem ebenso erfreulichen wie unüblichen Film.

Leises Gefühlsdrama in monströsem Gewand – unüblich, aber definitiv unterhaltsam.Fazit lesen

Ein besonderes Lob geht an die beiden Hauptdarsteller. Lou Taylor Pucci kennt man hierzulande vielleicht am ehesten aus dem 2013er Remake von Evil Dead oder aus Glück in kleinen Dosen / The Chumscrubber, wo er sich selbst neben großen Charakterdarstellern wie Glenn Close und Ralph Fiennes behaupten konnte. Die Münchner Schauspielerin Nadia Hilker hatte zuvor in zahlreichen deutschen Serien wie SOKO und Alarm für Cobra 11 mitgewirkt, auch sporadische Filmrollen kamen beim Publikum gut an. Beide haben gemeinsam vor der Kamera eine tolle Chemie und liefern viele intensive Momente ab.