Vincenzo Natali ist einer jener bedauernswerten Regisseure, die wie einst Orson Welles mit ihrem Erstlingsfilm eine satte Duftmarke setzten und seitdem immer wieder versuchen, diese zumindest zu reissen. Mit „Cube“ gelang ihm 1997 ein vielbeachteter Erfolg, dessen Prämisse einer Gruppe Unbekannter, räumlicher Enge und tödlicher Fallen seitdem unzählige Male variiert und kopiert wurde. Danach dann folgten „Cypher“, ein höchst artifizieller Science Fiction-Gähner, „Nothing“, eine durchaus drollige bis einfallsreiche Komödie, und seitdem, wir sprechen immerhin von 7 Jahren, erneut Nothing – nur diesmal ohne Anführungszeichen.

Wer nach einer so langen Wartezeit einen neuen Film abliefert, erzeugt automatisch eine gewisse Erwartungshaltung. Und wenn dann auch noch Guillermo del Toro mitproduziert, Adrien Brody seinen Ruf als zufälligster Hauptdarsteller aller Zeiten verteidigt und die Geschichte eine weitergedachte Neuauflage des Frankenstein-Mythos verspricht, kommt man eigentlich um gespannte Vorfreude kaum herum. Die positive Aura von „Cube“ ist nach wie vor anwesend und verrichtet selbst nach 13 Jahren immer noch ihren Dienst.

Splice - Trailer 2Ein weiteres Video

Eine Spezies namens Dren

Die beiden Frankensteins von „Splice“ sind ein Forscher-Paar (Adrien Brody & Sarah Polley), das verbotene Gen-Experimente betreibt und dabei ein bizarres Zwitterwesen erschafft. Auf der einen Seite gibt dies Anlass zur Freude, zumal sich auch durchaus attraktive weibliche Züge herausbilden, doch auf der anderen Seite regen sich da ein stacheliger Schwanz und eine unberechenbare Psyche, die, wie bei so vielen Monstern zuvor, nach Unabhängigkeit und Auflehnung strebt.

Das Mischwesen aus Mensch und Tier entwickelt ein umtriebiges Eigenleben.

„Splice“ erzählt tatsächlich im Grunde nicht anderes als eine weitere Variation der Frankenstein-Geschichte, die dann allerdings mit einem kuriosen Familiendrama und klinischem „body horror“ Marke David Cronenberg verbunden wird. Sarah Polleys Figur hatte nämlich eine schwierige Kindheit, die allerdings nie genauer erläutert wird, und möchte deswegen mit ihrem langjährigen Partner keine Kinder haben. Um die trotzdem anwesenden Muttergefühle zu stillen, wendet sie sich der von ihr erschaffenen Kreatur zu, was schließlich dazu führt, einen leidenschaftlichen Diskurs über Gefühle vs. Ethik vom Zaun zu brechen.

Wenn bei „Splice“ der „body horror“ ins Spiel kommt und sich z.B. zwei geklonte Fleischberge äußerst blutig in die „Haare“ bekommen, zeigt die Formkurve des Films deutlich nach oben, doch diese ganze Dramatik um schief gewickelte Mutterinstinkte liefert ein wahres Festival unmotivierter Peinlichkeiten. Wir wissen z.B., dass die beiden Wissenschaftler echte Superbrains sind, weil sie auf dem Cover von „Wired“ erscheinen, und sollen im Folgenden dann eine bekloppte Entscheidung nach der anderen schlucken. Die entfachten Familiengefühle sind stärker als jede Vorsichtsmaßnahme, getragen durch unbändige Emotionen besteht immer wieder völlig unnötige Todesgefahr und trotzdem bekommt man niemals mit, aus welchen Gründen diese Frau eigentlich so unter Strom ist.

Aus der kleinen Kreatur wird im Laufe der Zeit eine junge Frau mit Namen "Dren" (bitte rückwärts lesen).

Der absolute Höhepunkt dieser emotionalen Fragezeichen ist eine herrlich trashige Sexszene zwischen Brody und der Kreatur, die von seiner Freundin mit einem urkomischen „wtf“-Gesichtsausdruck kommentiert wird...und schon ein paar Minuten danach wieder komplett vergessen ist. Die gute Sarah Polley,die ja eigentlich eine respektable Schauspielerin ist, schliddert bei „Splice“ zunehmend in die Trash-Ecke, wo sie dann auf einen schon wieder völlig verstrahlt wirkenden Adrien Brody trifft, der anscheinend immer noch wegen „Giallo“ unter Schock steht. Bei aller Liebe zu kreativen Freiräumen: Die Drama-Abteilung von „Splice“ ist ein schlechter Witz.

Monströse Science-Fiction

Das Ziel von Natali war wohl eine starke narrative Grundlage, auf der dann selbst wohlbekannte Monster- und „mad scientist“-Versatzstücke mit frischem Atem daherkommen. In fertiger Filmform jedoch pendelt die Geschichte vorwiegend zwischen bekannt, doof und holprig, so dass die Horror- und Science Fiction-Elemente, egal wie abgestanden sie auch wirken mögen, letztendlich die Hauptattraktion der Veranstaltung stellen. Besonders gut hierbei schneidet Dren, das Monster ab, das von Delphine Chanéac einige spannede Facetten geschenkt bekommt, und auch die Schleim- und Blut-Effekte, in Szene gesetzt übrigens von Howard Berger und Greg Nicotero, können satte Punkte einfahren.

Gen Ende wird's dann leider ziemlich blöde - dabei hat "Splice" zu Beginn starke Momente.

Bei der Science Fiction-Abteilung, inklusive natürlich eisiger Anzug-Typen und einem chaotischen Labor mit munter fiependen Computern, bleibt man zwar ganz und gar im äußerst bekannten Rahmen, doch zumindest in Kombination mit glitschiger Schreierei findet man durchaus in einen unterhaltsamen B-Groove. Ein bisschen sehr viel Cronenberg für Arme, ein bisschen viel „Species“ und am Ende dann sogar spontane Flügel, die eigentlich nur Leuten einfallen können, denen ein stringenter roter Faden rein gar nichts mehr bedeutet.

Das eigentliche Problem bei „Splice“ ist ganz klar die reibungsintensive Vermählung nicht wirklich zusammenpassender Puzzleteile, die nicht durchdachte Dramatik mit abgekauten Horror- und Science Fiction-Versatzstücken verbindet und am Ende dann sogar einen ganz, ganz lahmen Cliffhanger auspackt. So eine Kombination gab es tatsächlich schon länger nicht mehr zu sehen, doch letztendlich bleibt die Frage, ob das alleine schon reicht, um „Splice“ für 108 Minuten seine Aufmerksamkeit zu schenken. Der Film ist anders, ok, nur beruht das anders zu einem guten Teil auf einer Herangehensweise, deren klare Ambitionen irgendwo zwischen Drehbuch und fertigem Film ins struppige Dickicht des maximal interessanten Scheiterns abgebogen sind.