Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis Juli Zehs Erfolgsroman „Spieltrieb“ verfilmt wurde. Versuche gab es in der Zeit einige, aber erst ein Rechtewechsel zum jetzigen Produzenten Markus Zimmer brachte Bewegung in das Projekt. Ein Jahrzehnt, nachdem Zeh ihren Roman geschrieben hat, ist er vielleicht noch relevanter geworden. Er greift ein Problem auf und nutzt das, was es nach Meinung der Hauptfigur gar nicht gibt: zwei Perspektiven, aus denen man ein Ereignis sehen kann.

Spieltrieb - Exklusive Featurette: Das perfide Spiel des LebensEin weiteres Video

Ada (Michelle Barthel) ist 15 und hochintelligent. Sie hat ein paar Klassen übersprungen, gilt in ihrer Schule aber als Außenseiterin. Als Alev (Jannik Schümann) in ihre Klasse kommt, ist er der Mittelpunkt von allem. Unangepasst, unbequem, aufmüpfig, aber auf alle faszinierend wirkend – mit Ausnahme des Lehrkörpers. Ada fühlt sich von ihm angezogen und er schlägt ein Spiel vor. Sie soll den Lehrer Smuttek (Maximilian Brückner) verführen, während Alev alles filmt. Danach soll Smuttek erpresst werden.

Aber nicht, um sich einen Vorteil zu verschaffen, sondern um ihn aus seinem selbstgewählten Gefängnis zu befreien. Alev plant, ihn mit der Banalität seines Seins zu konfrontieren, ihm die Grundlagen desselben unter den Füßen wegzureißen und ihn so zu zwingen, sich selbst neu zu erfinden. Am Ende dieses Spiels könnte ein glücklicheres Leben stehen.

Spieltrieb - Qualität aus Deutschland: Die beste Romanverfilmung seit Ewigkeiten

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Der perfide Plan von Ada und Alev nimmt seinen Anfang.
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Das Leben als Spiel

Das Faszinierende an der Geschichte ist der Blick auf das Leben als ein einziges, großes Spiel. Das fängt mit den Individuen im Kleinen an und setzt sich mit Firmen und Staaten im Großen fort. Daraus bezieht die Hauptfigur auch ihre Rechtfertigung. Sie spielt mit dem Leben anderer, sieht sich moralisch aber im Recht.

Denn das Ziel ist eine Verbesserung des Lebens des anderen, auch gegen dessen unbedingten Willen. Das Problem dabei: Man maßt sich an zu entscheiden, was das bessere Leben ist. Größenwahn schwingt hier mit und wird in der Figur Alev verdichtet und gebündelt.

Aber auch hier greifen die zwei Perspektiven: Die einigermaßen objektive, die zeigt, wie er die Leben anderer zerstört, und die weit subjektivere, die ihm zugestehen muss, dass die Idee oder sozusagen das Konzept hinter seinem Spiel einen durchaus interessanten Gedankenansatz bietet. Der Film stellt die moralische Frage dabei auch dem Zuschauer.

Packshot zu SpieltriebSpieltrieb

Er zeigt genug vom Leben aller Beteiligten, damit man sich ein Bild machen und erkennen kann, wo die Fehler liegen und was besser sein könnte. Wenn die Figuren denn den Mut aufbringen würden, sich zu erkennen und zu ändern - was ihnen aber missfällt.

Aber damit stehen sie auf Seiten des Publikums. Kaum jemand ist in der Lage, sich in dieser Form zu erkennen und die Weichen zu stellen, aus dem eigenen Gefängnis auszubrechen. Tradiertes Benehmen, Apathie, die irregeleitete Hoffnung darauf, dass es schon von selbst besser wird, verhindern, dass getan wird, was notwendig ist. Weil Veränderung in der Regel auch Schmerz bedeutet, unangenehm ist, und der Ausgang natürlich fraglich ist. Es könnte auch alles schlechter werden, als es ist.

Leben wir nicht alle in einer Welt der Spieler? Intelligenter Film, der sich mit der Frage beschäftigt, wie man unanständige Taten moralisch rechtfertigen kann.Fazit lesen

Das Tabu des Regelbruchs

„Spieltrieb“ befasst sich mit einem Thema, das heutzutage in den Nachrichten präsenter ist als noch vor einigen Jahren: der Beziehung eines Lehrers zu seiner Schülerin. Der Film verzichtet hierbei auf eine moralische Einordnung, vielmehr zeigt er, dass es auch hier zwei Perspektiven gibt, die bestimmen, wie man ein Ereignis letzten Endes bewertet.

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Spieltrieb ist ein intelligenter Film, der auch nicht davor zurückschreckt, den Zuschauer mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren.
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Es ist recht mutig, hier nicht nur das Mädchen, sondern im weiteren Sinne auch ihren Freund, also die Verführer, zu zeigen. Die Schuld wird umgekehrt: Das Opfer ist der Erwachsene, der nicht nur zum Spielball der Jugendlichen wird, sondern dessen emotionales Seelenleben von Grund auf manipuliert wird.

In diesen Momenten lädt sich die Geschichte mit einer Spannung auf, die zu unangenehmen Sequenzen führt. Als Alev das Spiel weitertreibt, ist er es im Grunde, der den Lehrer missbraucht, sich selbst aber zugleich aufs Podest stellt. Er ist der Held seiner eigenen Geschichte, eine gottgleiche Figur, die gibt und nimmt, wie es ihr beliebt.

Die Faszination, die der junge Mann auf seine Umwelt ausübt, entzieht sich dem Publikum. Es erkennt ihn als das, was er ist: ein gefährlicher, junger Mann, für den die Grenzen zwischen Phantasie und Fiktion längst verschwunden sind. Er agiert tatsächlich, als würde er Spielsteine auf einem Brett bewegen. Auch das ist eine Art, sich moralisch von den eigenen Taten zu lösen.