Den Zug als Kammerspiel erfindet „Snowpiercer“ nicht neu. Und doch nutzt er die lediglich vornheraus einigermaßen dehnbare Enge des Spielortes so wesentlich wie kaum kein anderer Film. Diese Reise vom letzten zum ersten Waggon ist schon deshalb hochinteressant, weil sich hier geradewegs jeder Raum zu einem neuen Bild erschließen muss – als in die waagerechte Bewegung versetzter Genre-Mix, der in jedem Zugabschnitt mit einer neuen Überraschung aufwartet.

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„Zu intelligent“?

„Snowpiercer“, mit einem Budget von 40 Millionen US-Dollar der bislang teuerste südkoreanische Film, ist schon hinsichtlich seiner Produktionsverhältnisse spannend. Als Vorlage diente ihm eine französische Graphic Novel, die Regisseur Bong Joon-ho („The Host“) in tschechischen Studios mit internationaler Besetzung und Geldern aus Frankreich, Südkorea und den USA zu einem bilingualen Sci-Fi-Action-Drama adaptierte. Zu einer Verbindung von Blockbuster- und Weltkino.

Snowpiercer - Der Science-Fiction-Kracher von Bong Joon-ho

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Bereit zum Kampf: Die Bewohner des letzten Zugwaggons stellen sich ihren schwer bewaffneten Unterdrückern endlich entgegen.
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Hollywoodmogul Harvey Weinstein, der den Vertrieb für die englischsprachigen Länder übernahm, verhalf dem Film dabei schon im Vorfeld zu zweifelhafter Aufmerksamkeit. Er forderte Kürzungen, weil ihm die zweistündige Fassung „zu intelligent“ für ein US-Publikum schien (siehe auch „The Grandmaster“). Rund ein Jahr nach seiner Südkorea-Premiere wird der Schneekreuzer nun aber doch noch durch ausgewählte US-Kinos schießen, in der gleichen vollständigen Version, die auch hierzulande zu sehen ist.

Ein Zug also, ein Snowpiercer, ein Eisbohrer. Der um die ganze verschneite Welt rast, der nie zum Stehen kommt. Der von einem Triebwerk, einem „heiligen Motor“, angeheizt wird. Und der nicht zuletzt deshalb in Bewegung gehalten werden muss, weil es sich bei ihm wohl um die letzte intakte Maschine der Erde handelt. 17 Jahre lang schon kutschiert und beherbergt das Gefährt die wenigen Überlebenden einer misslungenen Rettungsaktion des Planeten.

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Auf den Titel gebenden Schneebrecher wirft der Film nur wenige Blicken von außen, was angesichts der eher schwachen CGI nicht die schlechteste Entscheidung ist.
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Ihren Anfang nahm diese 2014 ebenso wie ihr zügiges Ende, als die künstliche Kühlsubstanz CW-7 zur Bekämpfung der Klimaerwärmung in die Umluft gegeben wurde. Das unerwünschte Resultat einer vollständig vereisten Welt sah damals einzig Erfinder Wilford, Herr eben dieses Zuges, kommen. Er kreierte ein ursprünglich luxuriöses mobiles Zufluchtssystem, das nun mit eigener sozialer Hierarchie den Fortbestand der Menschheit sichert.

Diese Hierarchie unterschiedlicher Gesellschaftsklassen begreift ihre Randständigen als unwürdige Menschen, die in hinterste Wagons gepfercht ums Überleben kämpfen müssen. Dort beginnt „Snowpiercer“, der Film. Und was Snowpiercer, der Zug, eigentlich genau ist, werden wir erst Stück für Stück, Abteil für Abteil erfahren. Wenn Curtis („Captain America“ Chris Evans) und sein Freund Edgar („Billy Elliot“ Jamie Bell) einen Aufstand anzetteln, der ihnen den Weg von hinten nach vorn bahnt.

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Auch einen botanischem Gartenwaggon müssen die Revolutionäre durchkreuzen. Immerhin mit einer angeketteten Tilda Swinton in ihrer bislang unfassbarsten Rolle.
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Mehrere Jahre haben sie, die einst offenbar kein Golden Ticket für ein unbeschwertes Leben im Paradies aus Eisen und Stahl ergattern konnten, ihre Revolution vorbereit. Nichts darf schief laufen wie bei früheren Ausbruchsversuchen der Gefangenen. Nichts darf den Kampf gegen die herrschende Elite (unfassbar: Tilda Swinton) vereiteln. Curtis, dem Führer wider Willen, ist dafür unter anderem die Hilfe des Ältesten Gilliam (John Hurt) und der resoluten Mutter Tanja (sagenhaft: Oscarpreisträgerin Octavia Spencer) sicher.

Neue Waggons, neue Gefahren

Mittels Kronol, einer im Zug verbreiteten chemischen Droge, gelingt es ihnen schließlich den Designer der Zugsicherungssysteme, Nam (Südkoreas Schauspielsuperstar Kang-ho Song), für ihr Ziel zu gewinnen. Hinter jeder seiner geöffneten Türen erwartet die Umstürzler ein neuer Waggon voll pervertierten Prunks. Eine neue Herausforderung. Ein neuer blutiger Kampf mit den Schergen Wilfords, der vom großartigen Ed Harris gespielt wird.

Zügelloses Science-Fiction-Weltkino, das viel wagt und viel gewinnt. Manche werden mit diesem Film gewiss Probleme haben, andere ihn dafür umso mehr ins Herz schließen.Fazit lesen

Die Brutalität dieser Anti-Utopie im Geiste von Huxleys „Schöner neuer Welt“ oder Orwells „Farm der Tiere“ (sowie natürlich „1984“) überrascht dabei insofern, als sie weder ausgestellt noch stilisiert, sondern ganz einfach da ist. Allgegenwärtig, schonungslos, vor allem unangenehm. Es ist eine Gewalt, die von bösen Details (die Proteinblöcke, das einzige Nahrungsmittel der Gefangenen, werden aus Kakerlaken hergestellt) bis zu orgiastischen, martialischen Kämpfen reicht.

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Curtis (Chris Evans) ist als Held wider Willen bemüht, sich seine Menschlichkeit zu bewahren.
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„Snowpiercer“ mag seine Spannung aus den immer wieder neuen Räumen und Waggons beziehen, sein Reiz aber ergibt sich aus dem klugen Umgang mit der Prämisse. Nicht nur gestattet er uns lediglich vereinzelt flüchtige (Fenster-)Blicke nach außen, in die schnee- und eisbedeckte postapokalyptische Erde, behält also die innere Perspektive konsequent bei. Sondern bricht er die buchstäblich gradlinige Actionthriller-Struktur auch immer wieder originell auf.

So überfährt der Zug während der verlustreichen Auseinandersetzung eine Brücke, die in seiner dauerhaften Weltumkreisung jeweils ein vergangenes Jahr markiert. Der Kampf wird unterbrochen, um sich mit plötzlichen Neujahrswünschen in einem absurd-rituellen Intermezzo die eigene Restmenschlichkeit zu bestätigen. Und regelmäßig findet der Film auch anderweitig zu unerwarteter Ruhe, wenn die Figuren nach und nach Einblicke in ihren Schmerz gewähren.

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Das Sauna-Abteil: Schauplatz des bestchoreographierten Kampfes im Film.
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Eine der absonderlichsten Stationen in diesem archaischen Konflikt bildet der Schulwaggon, den die Putschisten nach einem Etappensieg fassungslos erreichen. In ihm wird nicht einfach der privilegierte Nachwuchs unterrichtet, in ihm konstruiert sich die „neue“ Menschheitsgeschichte anschaulich selbst. Der Zug gerinnt zum fahrenden Geschichtsmonument, Erfinder Wilford zum allmächtigen Retter – Lehrmaterial über die alte Welt vor 2014 braucht es keines.

Aber auch das: nur eine Episode. Ein Zwischenspiel. Ein kurzes Zusichkommen. Bevor es weitergehen muss mit dem Überlebenskampf. Wenn der Film die Fahrtspitze seines Zuges schließlich erreicht, ist man fast enttäuscht, dass dieser Schneekreuzer, dieses durch den Weltuntergang schlängelnde Monstrum, überhaupt ein Ende hat. Und dass es mit seinem gigantischen heiligen Triebwerk auf den letzten Metern dann doch noch ein bisschen heiße Luft produzieren will. Es sei ihm verziehen.