Schön, dass der Western nicht totzukriegen ist. Und noch schöner, dass er während der vergangenen Jahre vor allem im Independentkino auf seine meditative (und hierbei triste) Beschaffenheit hin untersucht wurde. „Slow West“, das Langfilmdebüt des britischen Musikers John Maclean, ist da keine Ausnahme. Es erzählt mit großer Hingabe, aber auch unverstellter Sicht vom Gründungsmythos der USA.

Slow West - Exklusiver Clip "Jagdhütte"2 weitere Videos

Eine gefahrenvolle Reise

Zunächst mal: Das ist ein unglaublich schön anzusehender Western. Und das, obwohl er weder auf 35mm noch im Breitformat gedreht wurde. Seine satte und kräftige Photographie, ganz besonders aber seine zur gleichmäßigen Schärfe des Vorder- wie auch Hintergrunds genutzte Bildaufteilung verlangt danach, im Kino bestaunt zu werden. Dort gehört „Slow West“ hin, überall anders kann er nur verlieren.

Slow West - Michael Fassbender im wilden, wilden Westen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 14/171/17
Der lange Ritt in den Westen, wo alle Hoffnung liegt. Und doch nur ein Blutbad auf die Figuren wartet.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der Film beginnt mit einem Sternenbild, über das Michael Fassbenders Stimme ertönt – jedoch nicht, um erzählerische Hoffnungen zu schüren, sondern diese gleich wieder abzuwiegeln. Als wolle „Slow West“ seine gerade mal 85 Minuten umspannende Laufzeit von Anfang an aufs Wesentliche beschränkt wissen, fasst Fassbenders Voice-Over die Handlung mit wenigen Sätzen zusammen.

Packshot zu Slow WestSlow West kaufen: ab 5,00€

Im Jahr 1870, sagt er, sei ein 16jähriger Junge von Schottland nach Amerika aufgebrochen, um die Liebe zu finden. Mehr gibt es, jedenfalls rein handlungsbezogen, auch tatsächlich nicht zu sagen über einen Film, der seine zeithistorischen Kontexte als bekannt voraussetzt. Und der sich dem Western sinnigerweise mit einzelnen, aus ihren jeweiligen Zusammenhängen gerissenen Figuren annähert.

Eine solche entwurzelte Figur ist der junge Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), dessen offenbar allein bewerkstelligte Übersiedlung ins gefahrenvolle Grenzland bislang ohne größere Zwischenfälle vonstatten ging. Er sucht nach der ebenfalls in die neue Welt aufgebrochenen Rose (Caren Pistorius), nicht wissend, dass auf sie und ihren Vater ein Kopfgeld ausgesetzt wurde.

Wunderbar ökonomischer und stilsicherer Western, der eine simple Geschichte entschlossen auf die Zielgerade bringt.Fazit lesen

Der Film klinkt sich dort in die von romantischen Erinnerungen (und adoleszentem Übermut) motivierte Reise ein, als Jay Cavendish auf den gesetzlosen Herumtreiber Silas Selleck (Fassbender) trifft. Selleck ist die am deutlichsten von Westernklischees inspirierte Figur des Films: Eigennützig und gewissenlos, zugleich unrettbar idealistisch; eine kalte Schnauze mit warmem Herz, in letzter Konsequenz bereit, das Richtige zu tun.

Slow West - Michael Fassbender im wilden, wilden Westen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 14/171/17
Michael Fassbender als kaltschnäuziger Herumtreiber – eine tolle Rolle!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auf blutbesudeltem Boden

Selleck sind die zahlreichen Suchaushänge nach Jays großer Liebe nicht verborgen geblieben, weshalb sein Angebot, den jungen Mann gegen Bezahlung zu begleiten, nicht eben hehre Absichten hat, sondern ihn direkt zu einer saftigen Belohnung führt. Auf beide wartet nun eine lange gemeinsame Reise, und natürlich ist auch in diesem Western (trotz seines großartigen letzten Akts) der Weg das Ziel.

Seine Stärken spielt „Slow West“ daher vor allem in kleinen Einzelmomenten aus. Wenn er das ungleiche Gespann etwa von heftigem Regen heimsuchen und deshalb in Unterhosen weiter reiten lässt (mit einer zwischen die Pferde gespannten Wäscheleine!). Oder er die Helden in einen bemerkenswert sinnfreien und entsprechend teilnahmslos inszenierten Schusswechsel verstrickt, der Siedlerkinder binnen weniger Sekunden zu Vollwaisen macht.

Slow West - Michael Fassbender im wilden, wilden Westen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 14/171/17
Als 16jähriger Junge sollte man sich mit den Outlaws des Wilden Westens besser nicht anlegen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aus der situativen Struktur ergibt sich zugleich ein dramaturgischer Freiraum, den John Maclean mit klugen Beobachtungen füllt. Fast beiläufig greift sein Film sowohl genretypische als auch lange Zeit vom Westernkino verdrängte Themen auf: Die hier in gnadenlosen Jagdritualen auf die indigene Bevölkerung dargestellte gewaltsame Eroberung des Landes, der stolze Verlust von Obrigkeitsglauben und also eine Sehnsucht nach selbstständigen Lebensmodellen.

Am Ende dieser Beobachtungen vollzieht der Film eine schmerzhaft konsequente Familienneugründung auf blutbesudeltem Boden, und stiftet ein angemessen finsteres, visuell und inhaltlich in Einklang gebrachtes Schlussbild für die Identitätsfindung Amerikas. Gerade seine Zurückgenommenheit empfiehlt ihn als einen der wenigen Western des gegenwärtigen Kinos, die dem totgesagten Genre noch etwas hinzuzufügen haben.

Slow West - Eindrücke zum Action-Western

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (12 Bilder)

Slow West - Eindrücke zum Action-Western

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 1/131/13
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken