Nach 26 Langfilmen soll Schluss sein mit Kino. Das hat Steven Soderbergh („Ocean’s 11-13“) zu seinem 50. Geburtstag noch einmal verkünden lassen. Der stets zwischen Massenunterhaltung und halbwegs experimenteller Probierfreudigkeit, Big- und Low-Budget-Produktionen pendelnde Film-Workaholic und Hollywood-Darling legt mit dem Thriller „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ seine angeblich letzte Regiearbeit vor.

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The Bitter Pill

Angekündigt – oder vielleicht auch eher: im Vorfeld falsch verstanden - wurde der Film als eine Art „Traffic“ der Pharmaindustrie, als Relevanzbeitrag, wie ihn die Soderbergh zugeneigte Filmkritik allzu gern gesehen hätte. Weil „Side Effects“ das aber nicht ist, sondern eher einer Genrewitzelei gleicht, einem erstaunlich senilen Ringen um Uralt-Twists und Thriller-Pulp, fiel das Berlinale-Echo im Februar recht geteilt aus.

Mussten die Papierschieber zum Ende von Soderberghs Karriere etwa einsehen, dass sein Kino doch nicht die Erwartungen der viele Jahre unterstellten Intellektualität einzulösen imstande ist? In gewisser Hinsicht zumindest ist „Side Effects“ einer der ehrlichsten Soderbergh-Filme und ein geradezu adäquater Abschluss seines Schaffenswerkes: Ein Thriller nämlich, der Gehaltvolles vortäuscht, um mit Mottenkistentricks und Genre-Mätzchen billig-plumper Affektunterhaltung zu frönen.

Die Handlung zu umreißen, ohne die von Soderbergh vermutlich als geschickt empfundenen, tatsächlich aber völlig verstrahlten Wendungen preiszugeben, ist gar nicht so leicht. Nachdem ihr wohlhabender Ehemann wegen Insiderhandels ins Gefängnis musste, änderte sich das Leben von Emily (Rooney Mara) schlagartig. Jetzt, da Martin (Channing Tatum) aus dem Knast entlassen wurde, plagen Depressionen und offenbar auch Selbstmordabsichten die junge Frau.

Der Psychiater Jonathan Banks (Jude Law) möchte Emily behandeln und verschreibt ihr dafür in Absprache mit ihrer früheren Therapeutin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones) ein neues Antidepressivum. Das Medikament (ursprünglicher Titel des Films: „The Bitter Pill“) überzeugt allerdings vor allem in den Nebenwirkungen: Es lässt Emily unkontrolliert schlafwandeln. Was folgt, sind herrlich abgehangene falsche Fährten und schlussendlich gar ein Sleaze-Finale der Sonderklasse.

Side Effects - Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Regisseur

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Auf Antidepressiva schlafwandelt sich Rooney Mara durch folgenschwere Ereignisse.
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Vom in Soderbergh-typischen Farben eher schmucklos herunterphotographierten Drama schlägt „Side Effects“ bald in ein vermeintlich politisches, seinem eigenen „Erin Brokovich“ nicht unähnliches Kräftemessen zwischen der Macht von Konzernen und der engagierten Kampfeslust des kleinen Mannes um. Die an Hitchcocks „Psycho“ angelehnte Titelsequenz verrät mit ihrer in die intime Häuslichkeit gleitenden Kamerabewegung jedoch schon früh, dass der Thriller eher eine überschaubare, denn globale Spannungskurve einschlagen wird.

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Hochgezogene Röcke

Autor Scott Z. Burns, der für Soderbergh bereits die Drehbücher zu „Der Informant“ und „Contagion“ (mit)schrieb, habe den Film in der Tradition der klassischen Film Noirs konzipieren wollen, heißt es im Presseheft. Davon ist „Side Effects“ motivgeschichtlich natürlich weit entfernt, denn mit Blick auf seine finale(n) Auflösung(en) erinnert er vielmehr an die ulkigen Sleaze-US-Thriller der 80er und 90er Jahre. Und zwar nicht die „Basic Instinct“-, sondern eher die „Color of Night“-Liga.

Ein Psychothriller zwischen Edel-Trash und verfehlter Ambition – Steven Soderberghs letzter Kinofilm ist so vergnüglich wie konsequent. Auf eine schräge Art zumindest.Fazit lesen

Das muss man sich bei Soderbergh so vorstellen: Der Held ist noch ahnungsloser als seine Genrevorfahren, aber umso schlagartig gerissener, die weibliche Schönheit ein alle Verführungskünste unter Verschluss haltendes Unschuldslamm. Und Psychotherapeutinnen tragen hier hochgezogene Röcke und Lesebrillen mit extradickem Gestell – beides gilt es für die perfekte Pose punktgenau abzulegen. Schade, dass Soderbergh ausgerechnet in dem Moment seine Karriere an den Nagel hängt, in dem er zum neuen Brian De Palma mutiert!

Der Film macht, auch wenn sich das anders lesen mag, nicht nur als leicht verhindert wirkendes Abschiedsgeschenk eines zuweilen doch recht überschätzten Wannabe-Autorenfilmers Spaß. Sondern durchaus auch als hinterfotzig-schmuddeliger Psychothriller, der mit verkleidetem Tiefsinn lockt und das dann mit wunderbarer Grobschlächtigkeit belohnt. Ein Anti-Qualitätskino, das die Schieflage schon mit dem an Howard Shores „Crash“ erinnernden, schön-schrägen Score von Thomas Newman demonstriert.

Die unter Soderbergh wie gewohnt eingespielten Stars (immer wieder versammeln seine Filme die heißesten Namen in Hollywood, oft verzichten diese ihm zuliebe auf ihre sonstigen Gagen) nutzen ihre Chancen zum schauspielerischen Edel-Trash beherzt. Bis auf Rooney Mara („Verblendung“) haben sie alle schon für ihn vor Kamera gestanden, und Channing Tatum bescherte ihm nach der Zusammenarbeit an „Haywire“ mit „Magic Mike“ sogar einen finanziellen Überraschungserfolg.

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Psychologen-Outfit wie aus einem Porno: Catherine Zeta-Jones beschert dem Film seine Sleaze-Highlights.
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Schade nur, dass die Soderbergh-übliche Arbeitsökonomie (wenige Drehtage; Regie, Kamera und Schnitt in Personalunion etc.) sich wieder einmal arg minimalistisch, statt – wie hier wünschenswert – hemmungslos und expressiv gibt. Den letzten Schritt zur ultimativ grellen Zurschaustellung möchte der Filmemacher auch am vorläufigen Ende seiner Regiekarriere nicht gehen, denn das könnte womöglich (rückblickend) ein anderes Licht auf sein Werk werfen. Ein aufrichtigeres.