Spanien hat sich in den letzten Jahren zu einem feinen Filmland gemausert, dessen unverkennbare Vorliebe für Suspense à la Hitchcock - am besten in Kombination mit wohligem Gothic-Grusel und Anlehnungen an den ein oder anderen Klassiker - schon für eine Menge sehenswerte Granaten sorgte. In diese Tradition stellen sich die beiden Newcomer Juanfer Andrés und Esteban Roel, die in ihrem Erstling einen herrlich wüstes Feuerwerk aus Familiendrama, Komödie und splattrigem Horrorfilm abfackeln - Rückendeckung gab’s dann auch von Spaniens Fachmann für blutige Grotesken Álex de la Iglesia („Perdita Durango“).

Shrew's Nest - Trailer (deutsch)

Die Handlung spielt im Spanien der 1950er-Jahre: Die Mutter ist tot, der Vater verschwunden, also musste sich die religiöse Fanatikern Montse recht früh alleine um ihre kleine Schwester La Niña kümmern, was sie mit mütterlicher Hingabe, allerdings auch brutaler Strenge tut. Zu Zweit leben sie von der Außenwelt abgeschottet in einer kleinen Wohnung in Madrid. Montse hat zudem noch eine Agoraphobie entwickelt, die es ihr unmöglich macht die heimischen vier Wände zu verlassen, die Wohnung ist ihre ganze Welt.

Eines Tages liegt aber der junge, gut aussehende Nachbar Carlos verletzt vor der Tür und bittet um Hilfe. Montse gewährt ihm trotz Bedenken Einlass und nimmt sich dem Hilfesuchenden an, für den sie allerdings langsam aber sicher eine ungesunde Obsession entwickelt, die gefährlich wird, als sie merkt, dass Carlos sich mehr zu ihrer kleinen Schwester hingezogen fühlt….doch auch auf La Niña wartet das Grauen, denn die beiden Frauen verbindet mehr als sie ahnt…

Shrew's Nest - Familientwist mit Gorekeule

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Der böse Geist der Vergangenheit.
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An Klassikern orientiert

Was beim Blick auf die bisherige Rezeption des Films etwas verwundert, ist der häufig anzutreffende Vergleich mit der Stephen-King-Verfilmung „Misery“ (1990), dabei finden sich, bis auf die Tatsache, dass auch hier ein verletzter Mann einer gestörten Frau ausgeliefert ist, kaum Gemeinsamkeiten. „Shrew’s Nest“ orientiert sich viel eher an Robert Aldrichs großartigen Klassiker „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ von 1962, indem ebenfalls zwei Schwestern (furios gespielt von Joan Crawford und Bette Davis), die eine gutherzig, die andere wahnsinnig, unter dem langen Schatten der Vergangenheit leiden und schmeckt das Ganze noch mit einem Schuss „Ekel“ (1965, Regie: Roman Polanski) ab.

Der wankelmütige Tonfall ist sicherlich gewöhnungsbedürftig und darf auch ruhig kritisiert werden, aber hier tritt das eigentliche Kapital des Films auf den Plan, dass das Drehbuch mühelos über die Klippen trägt: Das Darsteller-Dreigestirn. Die aus de la Iglesias’ „Witching & Bitching“ (2013) oder der wunderbaren Lovecraft-Verfilmung „Dagon“ (2001) bekannte Macarena Gómez erfüllt die irre Montse mit exaltierten Gesten zu übergroßen Psychopathen-Leben, schafft es aber wundersame Weise in genau den richtigen Momenten soviel Gänge zurückzuschalten, dass tatsächlich doch noch etwas Mitgefühl mit dieser Figur hochkommt.

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Dass da die rehäugige und in erster Linie aus dem spanischen Fernsehen bekannte Nadia de Santiago als Unschuldslamm zwangsläufig etwas ins Hintertreffen gerät, ist nur zwingend, allerdings stellt die Schauspielerin allein schon aufgrund ihrer unschuldigen, leicht kindlichen Ausstrahlung einen wichtigen Motor für den Film dar. Über den beiden schwebt in kurzen, aber extrem prägnanten Auftritten der grandiose Luis Tosar („Sleep Tight“), als brutal-perverser Familienpatriarch, dessen fauliger Atem die ganze Wohnung der beiden Schwestern zu durchdringen scheint.

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Es wird hässlich.
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Klar, für sich genommen funktioniert nichts so wirklich 100%, der Drama-Anteil ist zu oberflächlich, für eine schwarze Komödie findet sich nicht genug Humor, für einen Horrorfilm ist „Shrew’s Nest“ nicht gruselig genug und auch die Splatterkeule wirkt eher reingedrückt als stimmig integriert, es ist aber dieser Hang zum Camp, den „Shrew’s Nest“ so ungemein vergnüglich macht.

Die Horrordramasplatterkomödie wirkt wie eine komplett auf Zwölf gedreht Version der genannten Vorbilder, das von einem hochtalentierten Ensemble bis in die Haarspitzen gekonnt vorgetragen und mit viel Style eingefangen wird. Es ist auch dieses Können, dass das spanische Horrorkino den amerikanischen Kollegen so voraus hat und weswegen man die Namen Juanfer Andrés und Esteban Roel getrost auf dem eigenen Radar aufblinken lassen darf, denn aus deren Küche kommt mit Sicherheit noch das ein oder andere weitere mediterrane Highlight.