Als der Künstler Steve McQueen das Fach wechselte und 2008 seinen Film „Hunger“ vorstellte, in dem Michael Fassbender ein Mitglied der IRA spielt, das im Gefängnis in einen Hungerstreik eintritt, da war dies ein elektrisierendes Debüt. Nicht nur, weil das Thema sensibel und packend aufgegriffen wurde, sondern weil McQueen sich auch gängiger filmischer Konventionen verweigerte.

Shame - Erster Trailer

In einer Schlüsselsequenz des Films – einem Gespräch zwischen dem Häftling und einem Priester – ist die Kamera fest verankert. Es ist fast wie eine Theaterinszenierung und man beobachtet zwei Schauspieler, wie sie über fast eine Viertelstunde hinweg im Dialog sind.

Wenn ein Filmemacher sich das traut – und mehr noch: wenn er mit seiner Geschichte auch inhaltlich an Grenzen stößt und diese überwindet –, dann ist das ein Debüt, das sein künftiges Werk erblassen lassen kann. Wie bei einem Musiker kann es leicht sein, dass der erste große Hit immer einen Schatten auf das weitere Lebenswerk werfen wird.

Darum ist es so spannend zu sehen, wie ein Künstler sein zweites Werk angeht und ob dieses den Vergleich mit dem Vorgänger aushalten kann. In Steve McQueens Fall ist dies „Shame“, ein Stoff, der mehrere Jahre in der Entwicklung war und sich mit dem Leben eines Sexsüchtigen befasst. Das Ergebnis, nur um dies gleich vorwegzunehmen, ist ein Film, der „Hunger“ ebenbürtig ist.

Shame - Schicksal: sexsüchtig

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So langsam kommt man sich näher.
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Brandon (Michael Fassbender) ist ein erfolgreicher Mittdreißiger. Er hat einen guten Job, eine schöne Wohnung und eine mehr als ausschweifendes Sexleben. Was er nicht hat, ist die Fähigkeit, sich emotional zu binden. Weder anderen Frauen noch seiner Schwester Sissy (Carey Mulligan) gegenüber. Sie ist anders als Brandon. Wo er vor emotionaler Nähe zurückschreckt, sucht sie nach ihr. Das ist Zündstoff, als Sissy in die Stadt kommt und ihren Bruder bittet, eine Weile bei ihm leben zu können.

Urplötzlich ist Brandons Tagesrhythmus nicht mehr derselbe. Seine One-Night-Stands, sein exzessives Porno-Surfen im Internet, seine Freiheit, sich in seiner Wohnung zu bewegen, wie er will – all das ist eingeschränkt. Mehr noch als zuvor zieht sich Brandon in seine eigene Welt zurück, in der er funktioniert, in der aber alles nur von dem Gedanken an Sex beseelt ist.

Packshot zu ShameShame

Die Einsamkeit des modernen Menschen

„Shame“ ist kein Film, der eine Botschaft transportieren will. Vielmehr ist er eine Bestandsaufnahme dessen, wie man heute lebt – speziell in Großstädten. Alles ist anonymer, gleichgültiger, kontaktärmer, kälter. Je mehr Möglichkeiten sich bieten, sich auszuleben, desto einsamer wird die Welt um einen herum.

Regisseur McQueen bezeichnet das als „access to excess“ – Zugang zum Exzess. Er meint damit eine Welt, in der alles anders ist als nur zehn oder zwanzig Jahre zuvor. Musste man früher noch die Peinlichkeit ertragen, ein Sexheft am Kiosk zu erstehen oder einen Porno in der Videothek auszuleihen, so hat das Internet Tür und Tor geöffnet, alles auf einmal zu haben.

Beeindruckendes Drama, das inhaltlich und stilistisch den Zuschauer fordert. Schlichtweg grandios: Hauptdarsteller Michael FassbenderFazit lesen

Der Film behauptet jedoch nicht, dass es dieser Exzess ist, der Brandon zu dem Mann macht, der er ist. Das wäre zu einfach, wird ein Mensch doch von mehr als nur seiner Umgebung geformt. Die Vergangenheit spielt ebenso mit wie das Naturell.

„Shame“ will keinen Lösungsansatz bieten. An dieser Aufgabe würde jede Geschichte scheitern. Ebenso wenig fällt der Film ein Urteil. Vielmehr hat er es sich zur Aufgabe gemacht, einen Menschen zu zeigen, der sich in seiner Einsamkeit abgekapselt hat. Der von einer Sucht getrieben wird. So ist „Shame“ trotz zahlreicher Sexszenen niemals erotisch, sondern funktioniert in seiner Erzählweise mehr wie ein Drogendrama à la „Requiem for a Dream“, denn genau das ist es auch.

Shame - Schicksal: sexsüchtig

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Und am Ende des Tages hat jeder seine eigenen Probleme.
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Es ist Fassbenders beeindruckendem Spiel geschuldet, dass man Anteil am Schicksal seiner Figur nimmt. Brandon ist ein unangenehmer Mensch, doch er leidet an einer Sucht, von der er in einem Schlüsselmoment loszukommen versucht, nur um im nächsten – einem tête-à-tête in einem Hotel – schmerzhaft erfahren zu müssen, dass seine Dämonen ihn immer noch in ihrer Gewalt haben. Und wie ein Drogensüchtiger ersetzt er den Traum von Intimität durch kalte fleischliche Lust. Es ist der nächste Fix, nach dem er sich wieder schmutzig und beschämt fühlt.

It’s up to you – New York, New York

Man könnte Abhandlungen darüber verfassen, was „Shame“ über die Position des Menschen im heutigen Gesellschaftsgefüge aussagt. Nicht minder würdig der Beschäftigung ist jedoch Steve McQueens filmische Umsetzung. Wie schon bei „Hunger“ ist er auch bei „Shame“ bemüht, eine eigene Erzählform zu finden. Primärfarben verschwinden im grauen Einerlei, grobkörnig und kühl präsentiert der Regisseur seine Geschichte.

Zugleich erschafft er Momente, die den Zuschauer immer wieder überraschen. Grandios ist die Sequenz, als Carey Mulligan auf der Bühne steht und „New York, New York“ singt – fast gänzlich ohne musikalische Begleitung. So wie hier hat man den modernen Klassiker noch nie gehört.

Diese Sequenz ist reich an Subtext, ohne ins Detail zu gehen. Der Text des Songs transformiert das Geschehen. Urplötzlich scheint er mehr als nur ein Songtext, eher ein Bezug auf die gemeinsame Vergangenheit von Brandon und Sissy. Was es genau ist, weiß man als Zuschauer nicht, aber an der Reaktion in Brandons Gesicht kann man ablesen, welch emotionaler Sturm in ihm tobt. Und dieses Gefühl, das von grenzenlosem Schmerz in einer Welt, in der jeder für sich alleine kämpft, trägt sich durch den ganzen Film.