Der Schotte Mark Millar ist einer der erfolgreichsten Comic-Autoren unserer Tage. Er begann seine Karriere in den frühen 1990er Jahren, zuerst für britische Comics, dann auch für US-Verlage. Erste Meriten erwarb er sich mit einem bemerkenswerten Lauf beim Traditionstitel „Swamp Thing“. Später wechselte er zu Marvel, wo er „Civil War“ verfasste, das die Basis des nächsten „Captain America“-Films sein wird, und andere moderne Klassiker wie die Wolverine-Geschichten „Enemy of the State“ und „Old Man Logan“ verantwortete.

Seit Jahren ist er aber hauptsächlich mit seinen eigenen Kreationen beschäftigt. Er hat Millarworld gegründet, ein lose miteinander zusammenhängendes Universum, dessen einzelne Miniserien unglaublich schnell für Filme optioniert werden. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich Millars Ideen mittlerweile wie Film-Pitches lesen. Es ist High Concept, dem er sich verschrieben hat, eine Art Fast-Food-Unterhaltung, die zumeist mit einem knackig-kurzen Satz beschrieben werden kann.

„Supercrooks“ zum Beispiel ist nichts anders als „Ocean’s 11 mit Superhelden“. So etwas lässt sich an Hollywood leicht verkaufen. Und da Millars bisherige Filme auch ziemlich gut liefen, rollt der Rubel auch weiterhin. Gerade ist „Kingsman: The Secret Service“ gestartet, der auf „The Secret Service“ basiert. Der Film ist erfolgreich, die Millar-Erfolgsformel damit ungebrochen.

Alles begann mit „Wanted“

Den ersten Erfolg hatte MIllar mit „Wanted“ – kurios genug. Denn der Film hat mit dem Comic so gut wie nichts zu tun. Das kam auch daher, dass er schon optioniert wurde, als nur das erste Heft auf dem Markt war. Das Drehbuch wurde verfasst, da war die Comic-Serie noch nicht abgeschlossen.

Im Comic geht es um eine amoralische Hauptfigur, die der Erbe eines Superschurken ist – und das in einer Welt, in der Schurken im Geheimen die Kontrolle über alles übernommen haben. Im Film geht es weniger um Superschurken, als vielmehr um Assassinen.

Millar hat immer wieder darauf verwiesen, dass es ein Sequel geben wird und sich dieses näher am Comic orientiert. Aber: Millar redet viel, wenn der Tag lang ist. Oder anders ausgedrückt: Was auch immer Millar sagt, man muss es mit Vorsicht genießen.
Er ist ein Aufschneider, der auch gerne mit großen Namen um sich wirft. Bei Twitter macht er Andeutungen oder nennt direkt Stars, mit denen er verkehrt hat (oder auch nicht, so genau kann man sich da nie sein). Eines ist aber fast immer gleich. Er kündigt Projekte noch und nöcher an, häufig bleiben sie aber in der Development Hell stecken.

Kick-Ass mal zwei

Anders als bei „Wanted“ hielt man sich bei der Verfilmung von „Kick-Ass“ sehr nahe an die Vorlage. Es gab Änderungen, aber keine allzu gravierenden. Das gilt auch für das Sequel „Kick-Ass 2“. Beide Filme um den Real-Life-Superhelden Dave, der keine Kräfte, aber ein Kostüm hat und auf der Straße patrouilliert, waren keine riesigen Erfolge, aber im Fall des Originals immerhin so gut gelitten, dass auch noch eine Fortsetzung gemacht wurde.

Teile des zweiten Films sind auch eine Adaption der Miniserie „Hit-Girl“. Mit dem Comic zu „Kick-Ass 3“ hat Millar die Reihe abgeschlossen, eine filmische Umsetzung steht aber nicht mehr zu erwarten.

Im Geheimdienst

Der neueste Film ist „Kingsman: The Secret Service“, der sich erneut einige Freiheiten nimmt, was die Umsetzung von einem Medium zum anderen betrifft. Ob das nun gut oder schlecht ist? Schwer zu sagen, denn der Film ebenso wie der Comic können sich nie entscheiden, ob sie nun Parodie oder ernsthafte Geschichte sein wollen.

Der Comic ist allerdings noch abgehobener, denn dort entführt der Schurke Stars wie Mark Hamill und Leonard Nimoy, weil er ein Science-Fiction-Geek ist und seine Idole am Leben erhalten will, wenn er den Untergang der Menschheit einleitet. Der Film geht in eine ähnliche Richtung, ist aber im Grunde in sich stimmiger – oder zumindest unterhaltsamer. Aber Schwächen hat er auch einige, darüber muss man gar nicht diskutieren.

Das sind die Filme nach Millar-Vorlagen, die bereits existieren. Es gibt jedoch einen ganzen Schwung von Filmen, die kommen sollen, zumindest aber optioniert wurden. Ob es dann je wirklich zum Gang ins Kino reicht, muss sich zeigen.

Eine Trilogie mit Jesus

Schon früh optioniert wurde „Chosen“, an dem Sony interessiert ist. Es war einer der frühesten Comics der Millarworld-Initiative, aber nicht unbedingt einer der erfolgreichsten. Auch als „American Jesus“ bekannt, sah MIllar darin eine Fortsetzung der Bibel, was die Umsetzung als Film natürlich umso diffiziler macht. Respektlos ist es wiederum nicht, ist MIllar doch ein praktizierender und gläubiger Katholik. Dennoch: Aus der geplanten Comic-Trilogie gibt es bislang auch nur den ersten Teil.

Fast alles, was Millar seit etwa zehn Jahren schreibt, wird schnell von Hollywood-Studios aufgekauft. Eine Ausnahme ist „The Unfunnies“, eine Horrorgeschichte mit Fabeltieren.

Es wird sogar optioniert, was von Millar mehr oder minder aufgegeben wurde! So begann er 2008 die Miniserie „War Heroes“ mit Zeichner Tony Harris. Die Geschichte spielt in einer alternativen Realität, in der eine Atombombe in Washington gezündet wurde und der Krieg gegen den Terror auch den Iran einschließt. Der Krieg führt zum ökonomischen Kollaps der USA, aber auch der Entscheidung, Soldaten mit Pillen zu versorgen, die ihnen Superkräfte verleihen, so dass der Krieg leichter gewonnen werden soll.

Serien- und Filmkultur - Die Welten des Mark Millar: Was Kick-Ass, Wanted & Kingsman gemeinsam haben

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Millars Stoffe werden von Hollywood nur zu gerne angenommen.
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In sechs Jahren sind nur drei der anvisierten sechs Hefte erschienen. Die Option auf die Verfilmung erwarb Sony jedoch schon im Jahr 2008. Seitdem ist nichts weiter passiert, obwohl man natürlich auch mit der reinen Prämisse als Ausgangslage für ein Drehbuch hätte loslegen können.

Was, wenn Batman der Joker wäre?

Mit der Frage teaserte Millar seine Serie „Nemesis“, die mit Steve McNiven, seinem „Civil War“-Zeichner verwirklicht wurde. Er erzählt von einem Milliardär, der ein ausgezeichneter Kämpfer und cleverer Kopf ist, der sich in ein Kostüm mit Cape wirft, aber nicht gegen das Verbrechen kämpft, sondern weltweit für Angst und Schrecken sorgt, Polizisten und Zivilisten gleichermaßen tötet. Nun ist er in Washington, um sich an Blake Morrow zu rächen. Weil der einst seine Eltern verhaftet hat.

Es ist ein typischer Mark-Millar-Comic, der sich liest wie das, was er eigentlich ist: ein Film-Pitch. Die Geschichte ist fast nicht vorhanden. Vielmehr werden die knapp 100 Seiten mit viel Action und "Kino-Momenten" rumgebracht. Auf Logik pfeift Millar, auf die Gesetze der Physik sowieso. „Nemesis“ ist extrem löchrig gestaltet. Vieles überlässt Millar dem Zufall, anderes schustert er mit Gewalt zusammen, um es in die Richtung zu bringen, die ihm vorschwebt. Der Comic ist extrem schnell gelesen. Die Zeichnungen von McNiven sind nett anzuschauen, schaffen es aber auch nicht, den Leser in das Geschehen hineinzuziehen. Was man hier geboten bekommt, ist das Äquivalent eines seelenlosen, nur auf Effekte setzenden, stinklangweiligen Blockbusters.

Wie er das Ganze abschließen sollte, war für Millar wohl auch ein großes Rätsel. Der Epilog ist diffus und wirr. Er lässt Fragen offen, die sich nicht erklären lassen. Für den Verkauf der Filmrechte war das irrelevant. Über Jahre hinweg hieß es immer wieder, dass Tony Scott den Film machen wollte. Er kam nicht mehr dazu, aber in Produktion ist der Stoff immer noch.

Supergauner

Der spanische Regisseur Nacho Vigalondo („Time Crimes“) arbeitet an einer Adaption von „Supercrooks“. Das ist Millars Versuch, das Superheldengenre mit anderen Genres zu kombinieren. Er erzählt im Grunde eine Heist-Geschichte, eine Story vom großen Bruch, eben das, was man auch in „Ocean’s 11“ so exzellent geboten bekam. Nur dass die Hauptfiguren eben auch Kräfte haben.

Zugegeben, die Idee ist einigermaßen originell und gibt der Superheldengeschichte eine originelle Wendung, aber zugleich ist die Umsetzung ausgesprochen mondän. Gäbe es keine Kräfte, man hätte die Geschichte schon tausendfach gesehen.
Optioniert ist auch „Superior“, das man als Millars Version von Superman ansehen könnte. Oder, um noch genauer zu sein: sein „Shazam“. Denn es geht um einen Jungen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, der jedoch von einem Außerirdischen aufgesucht wird und dem ein Wunsch erfüllt wird. Fortan wird Simon zum Superhelden Superior.

Millar frönt dabei seinem Faible für Superman, die Idee, dass ein Kind sich zum ausgewachsenen Helden transformiert, ist aber ebenso wenig neu. Wenn dieser Film kommen sollte, dann bevor DC seinen Superhelden Shazam ins Rennen schickt. Ansonsten sähe es für das Publikum doch arg danach aus, dass abgekupfert wurde.
Eine Variation des Superheldenstoffs stellt auch „M.P.H.“ dar, das ebenfalls von Hollywood aufgekauft wurde. Die Serie endete erst Anfang 2015 – es geht um eine Gang, die mit Hilfe von MPH-Pillen superschnell laufen kann, aber Probleme mit der Bundespolizei hat.

Die große Space Opera

Fox hat die Rechte an „Starlight“ erworben, Simon Kinberg soll den Film schreiben und produzieren. Für Millar ist die Reihe seine Verbeugung vor der Space Opera, seine moderne Version eines Helden wie Flash Gordon.

Dieser Held ist Duke McQueen, der vor 40 Jahren das Universum gerettet hat. Aber dann kam er nach Hause, heiratete, hatte Kinder, wurde alt. Seine Kinder haben das Haus verlassen, die Frau ist gestorben und er ist allein mit seinen Erinnerungen – bis er zu einer weit entfernten Welt gerufen wird, um ein letztes Abenteuer zu erleben.

Die Zeichnungen stammen von Goran Parlov, der in letzter Zeit wenig für Comics gemacht hat, da er als Designer der „Iron Man“-Filme gut eingespannt gewesen ist.
Zwei weitere Stoffe sind fertig bzw. in den Startlöchern. Welche Studios sie sich gekrallt haben, ist noch unklar, aber es wäre wohl mehr als überraschend, wenn „Jupiter’s Legacy“ und „Chrononauts“ nicht auch als Film entwickelt werden würden.
Bei ersterem muss man nach dem Flop von „Jupiter Ascending“ wohl den Titel ändern.

Es geht um die Kinder der größten Superhelden, die vielleicht nie in der Lage sein werden, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Es kommt zum Streit innerhalb der Familie und die Frage stellt sich: Wie lange kann die Welt es überstehen, wenn die superstarken Probleme einer Familie auf globaler Ebene ausgefochten werden?
Zu dem Stoff gibt es mit „Jupiter’s Circle“ auch ein Prequel, so dass bei einer Filmauswertung gleich Stoff für Fortsetzungen vorhanden ist.

Brandneu ist „Chrononauts“, in dem die Kumpel Corbin Quinn und Danny Reilly Spaß haben wollen. Wissenschaftliche Genies, die sie sind, sieht ihre Art Spaß anders aus als bei den meisten Leuten. Sie begeben sich auf eine Zeitreise, aber zu ihrem eigenen oder den Nutzen der Welt?

Millar greift bei jeder seiner Serien immer auf einen neuen Zeichner zurück, mit dem er die Erlöse 50/50 teilt – das ist ungewöhnlich, aber sehr anständig. Eine der guten Seiten des Schotten, der seiner aufschneiderischen Art wegen von vielen durchaus kontrovers betrachtet wird. Ein klein wenig Bescheidenheit würde ihm ganz gut zu Gesicht stehen.

Was seine Geschichten betrifft, so muss man zumindest sagen, dass Millar gute Ideen hat. Er hat gute Prämissen, aber die Ausarbeitung ist häufig enttäuschend, weil man das Gefühl nicht los wird, dass er in erster Linie einen Pitch für einen Film vorgibt – der Comic selbst scheint ihn kaum noch zu interessieren. Aber das große Geld liegt auch nicht beim Verkauf von Comics, das kommt mit dem Verkauf der Filmrechte. So gesehen macht Millar dann doch alles richtig, was seinen persönlichen Erfolg betrifft.