Drei Jahre nach Veröffentlichung des vermeintlichen Skandalromans „Feuchtgebiete“ sollte Charlotte Roche jene Kritiker Lügen strafen, die ihre literarischen Gehversuche ausschließlich pornographisch schimpften. „Schoßgebete“, Roches 2011 publiziertes zweites Buch, wurde als psychoanalytischer Selbsttherapierungsversuch gewertet, in dem die Autorin einen persönlichen Schicksalsschlag anhand ihrer fiktiven Hauptfigur aufarbeitet.

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Pathologische Muster

Diese Figur ließ sich einerseits als erwachsenes Gegenstück ihrer adoleszenten Vorgängerin aus „Feuchtgebiete“ verstehen, stellte aber auch eine ganz konkrete biographische Nähe zu Charlotte Roche selbst her. Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit 2001 verlor sie drei Geschwister bei einem Autounfall, ihre Mutter überlebte schwer verletzt. Und auch wenn „Schoßgebete“ kein Schicksalsroman werden sollte, gab er doch einen schmerzlich-intimen Einblick in die Gemütslage der Verfasserin.

Schoßgebete - Nach Muschischleim nun Fadenwürmer

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„Nur beim Sex vergesse ich alle Probleme“, sagt Elizabeth (Lavinia Wilson). Und versteht ihn auch als Heilmittel, um Ehemann Georg (Jürgen Vogel) nicht zu verlieren.
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Das mit der Intimität ist bei Charlotte Roche ein zweischneidiges Schwert. Ihr sehr körperlich-plastischer Zugriff auf die Figuren provoziert offenbar schon deshalb, weil man sich aus unerklärlichen Gründen darauf verständigt zu haben scheint, Beststellergeschichten vom Erwachsenwerden und Erwachsensein seien sexuell höchstens implizit und möglichst frei von Wahrscheinlichkeit und Detailreichtum zu erzählen.

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Roches unbekümmerte Beschreibungen der anatomischen Entdeckungslust einer Helen Memel („Feuchtgebiete“) oder des sexuellen Eherettungsversuchs ihrer Elizabeth Kiehl („Schoßgebete“) sorgten da für reichlich unangemessenes Bohei. Zwischen fachlicher Beurteilung der – sicherlich überschaubaren – literarischen Fähigkeiten und medial-boulevardeskem Empörungsgestus verlief ein dünner Faden, der Sachkritik nur selten von Frauenfeindlichkeit trennte.

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Bei ihrer Therapeutin lässt Elizabeth den folgenschweren Autounfall Revue passieren, der ihre jüngeren Geschwister das Leben kostete.
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Dass Roche diese beiden Liebesgeschichten, und im Kern sind es auch solche, zu deren natürlichen Bedingungen erzählte (also eben unverkrampft, explizit, wirklichkeitsnah), hatte weniger etwas Anstößiges als vielmehr Befreiendes. Wäre sie nur eben nicht gleichzeitig versucht, dabei noch einige pathologische Muster zu fertigen. Und die werfen auch in „Schoßgebete“, Buch wie Film, mitunter recht lange Schatten.

Die damit einhergehende Haltung des unbedingten Willens zum Ausformulieren, oder zumindest der Absicht, die Figuren psychologisch erklärbar machen zu wollen, ist der Geschichte schon einmal abträglich. „Schoßgebete“ schildert drei Tage im Leben von Elizabeth (Lavinia Wilson), die mit Ehemann Georg (Jürgen Vogel) und Tochter Liza (Pauletta Pollmann) in gut situierten Verhältnissen lebt.

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Georg ist nicht aus der Ruhe zu bringen, schon gar nicht durch Fadenwürmer im Arschloch.
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Dildo für Gleichberechtigung

Seit dem tödlichen Autounfall ihrer Familie ist die depressiv-aggressive Elizabeth in therapeutischer Behandlung bei Dr. Drescher (Juliane Köhler), der sie vor allem erzählt, wie sie und ihr Mann das gemeinsame Sexleben am Leben halten. Um Georg nicht zu verlieren, begleitet Elizabeth ihn regelmäßig ins Bordell. Anfangs habe ihr das wenig Spaß gemacht, sagt sie, nun jedoch würde sie den partnerschaftlichen Sex mit einer Prostituierten genießen.

Die körperliche Wissbegierigkeit der jugendlichen Helen Memel trifft nun also auf bürgerlich-familiäre Rettungsversuche der Ehe, die Elizabeth nicht nur als Anker ihres Traumas versteht, sondern auch als das einzige, für das es sich noch zu leben lohnt. Charlotte Roches gern zitierter Postfeminismus, ließe sich böswillig argumentieren, scheint nun bei der ehelichen Gefügigkeit der Frau angekommen.

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Ein Dildo für die Gleichberechtigung: Georg soll mal wissen, wie sich das anfühlt. „Außerdem ist er katholisch“ (Elizabeth).
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Feminismus ist hier, wenn Frau auch mal ein Argument haben und widersprechen darf. Wenn Georg seine Elizabeth oral befriedigt, weil er somit ja etwas für sie tue. Oder er sich einen Dildo fürs eigene Arschloch kauft, um nachvollziehen zu können, wie sich Analverkehr anfühle. Das ist Gleichberechtigung, wie sie Elizabeth versteht – mögen diese Abschnitte nur hoffentlich nicht Roches autobiographische Note tragen.

Zurückhaltender und vermutlich auch zugänglicher als „Feuchtgebiete“, wirkt der Film wie das schalgraue Erwachen aus dem bunten Traum des Vorgängers.Fazit lesen

Es ist wohl dem zwanglosen Spiel von Juliane Köhler sowie einem überraschend zurückgenommen und marottenfrei auftretenden Jürgen Vogel zu verdanken, dass diese „Schoßgebete“ nicht gänzlich wie eine unschöne Antithese der wunderbar freimütigen „Feuchtgebiete“ zu lesen sind. Oder ist diese lustfeindlich funktionalisierte sexuelle Abhängigkeit vielleicht als Kommentar zu den Zwängen ehelicher Institution gedacht?

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Sonderlich befreiend schildert der Film den Sex zumindest nicht, alles Ficken beruft sich hier auf Abmachungen und Vermeidungsstrategien, liegt wie ein patriarchalisches Gewicht über den Befindlichkeiten der Hauptfigur. Bis auf einen kurzen familiären Befall von Fadenwürmern bleiben delikate körperliche Intimdetails diesmal aus. In der sexuellen Darstellung hält sich „Schoßgebete“ entsprechend zurück, der einzig nennenswerte Moment ist inszeniert wie Werbung. Und fühlt sich auch so an.