Hollywood beschäftigt sich gerne mit sich selbst. Die Hintergründe, wie große Klassiker entstanden, sind der Stoff für neue Filme. Das kann schiefgehen wie zuletzt bei „Hitchcock“, aber auch funktionieren, wie nun bei „Saving Mr. Banks“, der als Disney-Produktion eine schmale Gratwanderung meistern musste. Einerseits durfte er Walt Disney nicht zu sehr heroisieren, da man der Firma dann Geschichtsklittung vorgeworfen hätte, andererseits seine menschlichen Defizite nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken, da man sonst bei der Demontage des eigenen Images geholfen hätte.

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Seit 20 Jahren versucht Walt Disney (Tom Hanks) die Schriftstellerin P.L. Travers (Emma Thompson) zu überzeugen, ihm die Filmrechte an ihrem ersten „Mary Poppins“-Roman zu verkaufen. Die resolute Dame hat stets abgelehnt, da sich jedoch Geldnöte materialisieren, muss sie ernsthaft über das Angebot nachdenken. Disney lädt sie nach Los Angeles ein, wo sie sich das bereits geschriebene Drehbuch ansehen kann und auch das letzte Wort hat, wenn ihr etwas missfällt. Mit diesem Schritt hofft Disney, Travers doch noch zur Unterschrift zu bewegen.

Saving Mr. Banks - Der Visionär und die Schrulle: Mickey Mouse trifft Mary Poppins

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Disney gibt sich wirklich alle Mühe, doch Travers bleibt hart.
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Doch die Autorin, die sehr exakte Vorstellungen hat, wie ihre Figuren sein müssen, die Animation mit Abscheu begegnet und Musical-Nummern als unpassend empfindet, erweist sich als harte Nuss. Die Integrität ihrer Schöpfung, die für sie die einzige Familie ist, die sie hat, will sie nicht opfern. Es kommt zu Konflikten, die Disney zu lösen versucht.

Die Frage, ob er Erfolg hatte, stellt sich nicht, wir alle haben schließlich den 1964 entstandenen „Mary Poppins“ gesehen. Aber der mehrjährige Weg, bis dieser Film auch in den Lichtspielhäusern dieser Welt lief, war steinig und ist interessant. Auch und gerade, weil Mrs. Travers als sehr unsympathische Person daherkommt. Nach allem, was man über P.L. Travers weiß, wird sie in „Saving Mr. Banks“ jedoch positiver dargestellt als sie war.

Wie ein Klassiker entsteht

Das Skript von Kelly Marcel und Sue Smith fand sich auf der Blacklist wieder, jener Sammlung der besten unproduzierten Drehbücher, die Jahr für Jahr publiziert wird. So wurde auch Disney auf den Stoff aufmerksam, das einzige Studio, das diesen Film überhaupt machen konnte.

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Diesney macht einen Film über die Geschichte von Disney. Passt.
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Einerseits, weil Markenrechte des Studios in hohem Maße eingesetzt werden, andererseits, weil kein anderes Studio Werbung für Disney betrieben hätte. Umso erstaunlicher ist im Grunde, dass eine weitestgehend akkurate Umsetzung der Ereignisse in diesem Film geboten wird.

Die Klasse des Skripts, aber auch des fertigen Films, zeigt sich nicht nur in seiner Menschlichkeit, sondern auch in der Parallelmontur zweier Erzählebenen, da die Ereignisse der wenigen Wochen des Jahres 1961, die Travers in Los Angeles verbrachte, immer wieder in Korrelation zu ihren Erlebnissen als Kind in Australien gesetzt werden. Sie sind umso wichtiger, weil ihr jüngeres ich ein ganz anderer Mensch war, der sich aber durch ein einschneidendes Erlebnis verändert hat – hin zu der teils rüden, egomanen Frau, die der Film zeichnet, der ihr dabei aber im Grunde noch schmeichelt.

Ihre Kindheit stellt die Basis von „Mary Poppins“ dar; der ominöse Titel des Films, der sich auf die Hauptfigur aus diesem Machwerk bezieht, erhält durch sie erst Bedeutung. Travers beschützt „Mary Poppins“, weil sie der einzige Mensch auf dieser Erde ist, der zwischen den Zeilen lesen kann. Darum hat diese Geschichte für sie solche Bedeutung, und darum verteidigt sie deren Integrität bis zu dem Punkt, da sie jeden vor den Kopf stößt.

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Die Kindheit von Travers spielt im Film eine sehr wichtige Rolle.
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Eine komplexe Persönlichkeit

P.L. Travers ist eine ungemein komplexe Persönlichkeit. Sie darzustellen, war für Emma Thompson eine immense Herausforderung, da hier stark mit Nuancen und Feinheiten gearbeitet werden musste. Thompson ist das Zentrum des Films, sie schafft es, Sympathie für jemanden zu wecken, der eigentlich keine verdient hat.

Zugleich wird Travers nicht verraten, wie sich im bemerkenswerten Ende des Films widerspiegelt, das anmutet, als wäre es das Happyend, das man bei einem Disney-Film erwartet, nur um dann doch hart in die Realität zurückgeholt zu werden.

Differenziert in seiner Darstellung, akkurat in seiner historischen Dimension. Ein wundervoller Film, nicht nur für Fans von Mary Poppins.Fazit lesen

Disney wird wiederum auch mit Facetten dargestellt. Tom Hanks hat den Mann sehr genau studiert und sich dessen Manierismen angeeignet. Es kommt der Punkt, da sieht man nicht mehr Hanks, sondern nur noch Disney. Und das ist das größte Lob, das man einem Schauspieler machen kann.