Die gleichermaßen von Missgunst und aufrichtiger Zuneigung geprägte Beziehung der beiden legendären Rennfahrerrivalen James Hunt und Niki Lauda mag wie maßgeschneiderter Hollywoodstoff erscheinen. „Rush – Alles für den Sieg“ jedoch ist eine europäische Koproduktion, die sich ausgerechnet in den Händen des Schmalzfilmemachers Ron Howard als mitreißendes Nostalgiekino erweist.

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Den dramatischen Höhepunkt dieser Beziehung, die Formel-1-Saison 1976, reißt der Film gleich zu Beginn an. Bevor er allerdings jene Ereignisse nachempfindet, die den einen mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus bringen, den anderen erst- und letztmalig zum Weltmeister verhelfen sollten, geht er zurück in das Jahr 1970. Im Vorfeld eines Formel-3-Rennens lernen sich der britische Draufgänger James Hunt (Chris Hemsworth) und der disziplinierte Österreicher Andreas Nikolaus Lauda (Daniel Brühl) kennen. Beide kämpfen erbittert um den Aufstieg in die Spitzenklasse.

Die grüne Hölle

Während Hunt mit dem Team von Lord Hesketh (Christian McKay) Erfolge feiert, wird Lauda von Enzo Ferrari (Augusto Dallara) unter Vertrag genommen und gewinnt 1975 zum ersten Mal die Formel-1-Weltmeisterschaft. Als Hesketh die Sponsoren ausgehen und Hunt verzweifelt nach einem neuen Rennstall sucht, landet er kurzfristig im Team von McLaren. Die Rennsaison 1976 führt Lauda einmal mehr mit großem Abstand an, doch Hunt erzielt trotz einer Disqualifizierung beim spanischen Grand Prix immer wieder Achtungserfolge. Am Nürburgring, der „grünen Hölle“, kommt es zur Katastrophe.

Rush - Alles für den Sieg - Mit Vollgas zu den Oscars? Daniel Brühl im Geschwindigkeitsrausch

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Playboy James Hunt (Chris Hemsworth), immer unter Beobachtung seines Rivalen Niki Lauda (Daniel Brühl, hinten rechts).
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Die Lebensentwürfe der beiden Rennfahrer könnten gegensätzlicher nicht sein, und entsprechend stark kontrastiert der Film deren Unterschiede: „Hunt the shunt“, Playboy und Rock’n’Roller, und seine turbulente Ehe mit Starmodel Suzy Miller (Olivia Wilde) vs. Niki „die Ratte“ Lauda, den spaßbefreiten Pragmatiker, dessen Beziehung zu Marlene (Alexandra Maria Lara) braver nicht sein könnte. Sie hingegen ist es, die Laudas sportlichen Extremismus ins Verhältnis rückt („Wenn Glück dein Feind ist, dann hast du sowieso verloren.“), während Suzy ihren James für Richard Burton verlässt.

Zu den besonderen Stärken von „Rush“ zählt, dass er die Kontrahenten nicht gegeneinander ausspielt, sondern in ihrem Dualismus eher noch Gemeinsamkeiten entdeckt. Tatsächlich scheinen sich Hunt und Lauda sogar zu beeinflussen, zu beflügeln, fast zu bedingen, und über die im Film mitunter zugespitzten Zwistigkeiten eine unausgesprochene Zuneigung füreinander zu empfinden. Niki Lauda, der den Produzenten beratend zur Seite stand, betont auch heute noch, dass er es nur bei Hunt akzeptiert habe, besiegt zu werden. Anstelle von Markigkeit findet sich hier eine sanfte Emotionalität, die dem Film gut tut.

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Niki „Die Ratte“ Lauda, großartig gespielt von Daniel Brühl.
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Die Divergenzen in der Persönlichkeit der beiden Rennfahrer ermöglichen es Autor Peter Morgan („Die Queen“), das differenzierte Bild eines Sports zu entwerfen, der nicht nur von Kampfgeist, sondern auch einer gewissen Todessehnsucht bestimmt wird. Je näher er sich am Tod befinde, desto lebendiger fühle er sich, sagt Lauda einmal. Und seine Getriebenheit selbst oder eben gerade nach dem verheerenden Unfall am Nürburgring lässt im Film auch Raum für Gedankenspiele über die Absurdität und Unmenschlichkeit des Sports. Die fiktive Szene, in der Hunt einen Reporter krankenhausreif prügelt, bekräftigt dies auf der Gegenseite.

Hervorragende Actionszenen

Chris Hemsworth und Daniel Brühl, zwei Schauspieler, die ja auch selbst unterschiedlicher kaum sein könnten, dürften selbst Zweifler überraschen, so charismatisch interpretieren sie die beiden Formel-1-Legenden. Für Brühl, der mit feinen Makeup-Veränderungen und österreichischem Akzent (in der bilingualen Originalfassung sowohl Englisch als auch Deutsch sprechend) eine faszinierend eigenwillige Vorstellung gibt, dürfte die Lauda-Rolle nach kleineren Auftritten in Filmen von Paul Greengrass, Julie Delpy und Quentin Tarantino endgültig den internationalen Durchbruch bedeuten.

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In Actionszenen überall am Rennwagen befestigt: Die beeindruckende Kamera des Oscargewinners Anthony Dod Mantle.
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Glaubt man dem Kritiker-Buzz nach dem Filmfestival in Toronto, so könnte sich der spanischstämmige Berliner gar Hoffnungen auf einen Oscar machen. Aus der guten Nebenbesetzung des Films (etwa Pierfrancesco Favino als Clay Regazzoni) fällt Alexandra Maria Lara indes wieder einmal bemerkenswert heraus. Sie spielt Laudas erste Ehefrau Marlene mit ihrem bevorzugten Habitus: Als Landpomeranze, die keinen Satz geradeaus sprechen kann. Was genau ehrwürdige Filmemacher wie Francis Ford Coppola auch immer in ihr sehen mögen – auf der Leinwand ist das nur noch zu erahnen.

„Rush“ profitiert in seiner Rekonstruktion zweier Rennfahrerkarrieren, und auch eines ganz bestimmten Zeitgeists, gleichermaßen von den Konventionen des Biopics wie auch der effektiven Spannungsdramaturgie des Sportfilms. Beides erfindet er natürlich nicht neu; es bleibt ein biographischer Unterhaltungsfilm mit Verkürzungen, Zuspitzungen, Drehbuchgeschicklichkeiten. Und sicherlich ist es deshalb eine Geschichte, die auch ein Motorsport-fernes Publikum zu begeistern imstande ist, zumal die nichtsdestotrotz hervorragenden Actionszenen nicht im Mittelpunkt stehen.

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Verdichteter Himmel unter computergeneriertem Unwetter: Die nahende Katastrophe am Nürburgring.
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Einen Sport, der schon bei Fernsehübertragungen durch eine Vielzahl an Einstellungen und Kamerabewegungen dynamisch vermittelt wird, für das Kino noch einmal anders, noch einmal aufregender zu inszenieren, ist gewiss keine leichte Aufgabe. Die Rennszenen in „Rush“ aber sind spektakulär, aus einer Fülle von Perspektiven zusammengesetzt (insbesondere aus der eingeschränkten Innensicht des Piloten!) und weitaus weniger störend CGI-getrickst, als zu befürchten galt. Das wuchtige Sounddesign wiederum vermittelt ein beklemmendes Gefühl für die Isolation im „Sarg auf Rädern“.

So geht niveauvolles Unterhaltungskino. Konventionelles, aber mitreißendes Biopic. Und mitnichten nur was für Formel-1-Fans.Fazit lesen

Dass ausgerechnet der überwiegend auf Hollywoodkitsch und Konfektionskino abonnierte Ron Howard diesen von unabhängigen Produktionsfirmen finanzierten und sowohl in England als auch Deutschland gedrehten Film mit spürbarem Elan und ohne falschen Schmalz inszenierte, überrascht sehr, wenn auch freilich positiv. Mit „Apollo 13“, „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ sowie „Frost/Nixon“ hat der ehemalige Schauspieler bereits eine ganze Biopic-Serie hingelegt, aus der „Rush – Alles für den Sieg“ als vergleichsweise kleine und persönliche Arbeit nun deutlich herausragt.