„Run All Night“ beginnt mit einer Einstellung, die exemplarisch ist für die im Spätkarrieremodus entworfenen Figuren seines Actionstars. Liam Neeson liegt angeschossen auf dem Boden eines nebligen Waldes, sinniert über richtige und falsche Entscheidungen im Leben, fragt vor allem, wie es denn soweit kommen konnte – bevor er sich ein letztes Mal aufraffen und die eigene Familie beschützen muss.

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Vergangene Verbrechen

Diesen Typus des eigentlich müden, zur Agilität gezwungenen Familienvaters hat Neeson zu einem Leinwandimage gepflegt, das ihm stattliche Franchise-Hits („96 Hours – Taken“), ambitionierte kleine Thriller („Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones“) oder eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Regisseur Jaume Collet-Serra einbrachte, für den er nach „Unknown Identity“ und „Non-Stop“ nun ein drittes Mal vor der Kamera stand.

Run All Night - Durch die Nacht mit Liam Neeson

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Ungleiches Vater-Sohn-Gespann: Jimmy „The Gravedigger“ Conlon (Liam Neeson) muss Mike (Joel Kinnaman, „RoboCop“) vor seinen alten Arbeitgebern beschützen.
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Das schöne Eingangsbild wird „Run All Night“ ganz am Schluss wieder aufgreifen, erst einmal aber springt der Film 16 Stunden in der Zeit zurück. Jimmy Conlon (Neeson) ist ausgedienter Profikiller und ehemaliger Mob-Handlanger. Kontakt zu seinem Sohn Mike (Joel Kinnaman) hat er seit Jahren nicht mehr, vom Gangsterboss Shawn Maguire (toll: Ed Harris) wird er nur freundschaftlich geduldet.

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Kurzauftritt Nick Nolte, der mit jedem neuen Film zersauster ausschaut.
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Seinen Frust spült Jimmy mit Alkohol weg, die Angebote des hartnäckigen Detective Harding (Vincent D’Onofrio), endlich auszupacken über vergangene Verbrechen, schlägt er hingegen auch volltrunken noch aus. Dann jedoch geht alles ganz schnell: Die Söhne von Jimmy und Shawn geraten aneinander, Jimmy erschießt Danny Maguire (Boyd Holbrook), um Mike das Leben zu retten.

Er wisse, wie das nun werde enden müssen, teilt Shawn dem alten Freund mit. Plötzlich stehen Vater und Sohn auf der Abschussliste der Mafia, eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf. Jimmy muss Mike gegen von Shawn geschmierte Polizisten, professionelle Auftragsmörder sowie sinistre Mob-Schergen beschützen. Und natürlich ist ihm auch Detective Harding erneut auf den Fersen.

Abgründige Familiengeheimnisse

Die nächtlichen Fluchtmanöver führen zu einer unfreiwilligen Wiederaufnahme des krisengebeutelten Vater-Sohn-Verhältnisses, entzaubern aber vor allem die offenbar selbstverständliche Vererbungslogik mafiöser Sippschaft. Dem Film ist sein Szenario eine willkommene Gelegenheit, verhängnisvolle Familienstrukturen des Gangsterkinos auf ihre bizarre Kausalität hin zu überprüfen.

Solides Actiondrama, das sich nahtlos einfügt in die zuverlässig grimmige Spätkarriere von Liam Neeson.Fazit lesen

Anders als Danny Maguire, der die Geschäfte seines Vaters fortsetzt, sich also eingerichtet hat im familiären Betrieb aus Korruption und Mord, schlug Mike Conlon das kriminelle Erbe des berüchtigten Jimmy schon früh aus. Er engagiert sich in Sportvereinen für elternlose Kids, Geld für seine Familie verdient er als Chauffeur. Ihm soll es eben nicht ergehen wie seinem filmischen Vorgänger und Namensvetter Michael Corleone.

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Ein Hauch von „Heat“: Das beklemmende Aufeinandertreffen der Schauspielgiganten Ed Harris und Liam Neeson ist vielleicht der heimliche Höhepunkt des Films.
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Dennoch beschreibt ausgerechnet dessen berühmter Ausspruch („Just when I thought I was out, they pull me back in!”) die Situation von Mike allzu adäquat. Er hat sich einst abgewandt vom Vater, um nun erst recht auf ihn angewiesen zu sein. Dass sein Onkel Eddie (Kurzauftritt: Nick Nolte), bei dem er während der Flucht kurzzeitig unterkommt, noch einige abgründige Familiengeheimnisse offenbart, macht die Sache nicht leichter.

Run All Night - Bilder zum neuen Liam Neeson Thriller

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Neben familiären nimmt der Film selbst regionale Verästelungen ins Visier: Immer wieder vollzieht die Kamera (digitale) Bewegungen von einem Ort zum nächsten, um den Fatalismus der Geschichte auch „kartografisch“ abzubilden. Aus den Gangsterstrukturen des südöstlichen New York, mögen diese plastischen Bildverschiebungen vermitteln wollen, ist für Mike schon räumlich kein Entkommen.

An Action ist Regisseur Collet-Serra daher eher weniger interessiert, was manche Neeson-Fans vielleicht enttäuschen wird. Eine verschummelt geschnittene Autoverfolgungsjagd durch Brooklyn gemahnt an William Friedkins „French Connection“, dem Zweikampf in einer U-Bahn-Toilette fehlt es etwas an Druck. Erst im dichten Waldnebel der Schlussszene findet „Run All Night“ wieder ganz zu sich selbst.