Kerstin Giers „Liebe geht durch alle Zeiten“-Trilogie ist einer der großen Jugendbucherfolge der letzten Jahre. Die Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und haben Millionenauflagen erreicht. Der erste, „Rubinrot“, wurde nun verfilmt.

Das Kalkül ist dabei klar. Man hofft auf einen Erfolg ähnlich den „Twilight“-Filmen. Dem entgegen steht, dass sich „Rubinrot“ recht bieder gibt. Trotz erkennbaren Aufwands verströmt der Film Fernsehfeeling – sozusagen im Stile von Serien wie „Das Haus Anubis“, nur teurer.

Schon immer war Gwendolyns Cousine Charlotte die Besondere. Sie ist es, so sagt man, die eines seltenen Gen-Defekts wegen dereinst Großes vollbringen wird. Aber man hat sich geirrt. Nicht Charlotte, sondern Gwendolyn hat das seltene Zeitreise-Gen. Das stellt sie fest, als sie das Haus verlässt und sich plötzlich im London längst vergangener Tage wiederfindet.

Ihre Mutter bringt Gwendolyn zur Loge, einer Geheimorganisation, die dank des Chronographen einen Weg kennt, wie man die Zeitreisen gezielt durchführen kann. Aber die Loge verfolgt eigene Pläne, seit zwei der Zeitspringer den einzig anderen Chronographen gestohlen haben. Nun arbeitet man daran, die Blutlinie aller zwölf Zeitspringer, die es je gegeben hat, im neuen Chronographen zu vereinigen. Etwas, das laut den Verrätern niemals geschehen darf, da der Schirmherr der Loge sinistre Pläne verfolgt.

Gwendolyn muss sich in ihre neue Rolle einfinden. Anders als Gideon wurde sie nie darauf vorbereitet. Aber eines ist dem Teenager klar. So einfach will sie der Loge nicht vertrauen. Vielmehr will sie herausfinden, warum der erste Chronograph gestohlen wurde und was es mit den ominösen Prophezeiungen auf sich hat, die zu jedem Zeitspringer existieren…

Rubinrot - Deutsches Twilight ohne Vampire, aber mit Zeitreisen

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Wie damals bei Edgar Wallace: Deutsche spielen Briten.
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Falsche Engländer

Ein bisschen fühlt man sich an die alten Edgar-Wallace-Filme aus den 60er Jahren erinnert. Da taten auch viele deutsche Schauspieler so, als seien sie Engländer. Aus der Distanz hat das durchaus etwas Charme. Im Hier und Jetzt, bei „Rubinrot“, wirkt es irritierend. Besonders, wenn die Diskrepanz auch noch durch die Geschichte gestärkt wird, etwa in der Szene, in der jemand Gwendolyns Gedanken lesen will und sie im Geiste die britische Hymne singt – das dann natürlich auf Englisch.

Packshot zu RubinrotRubinrot

Dass der eine oder andere Mime noch einen leichten, aber bemerkbaren österreichischen Akzent hat, ist da nur das Tüpfelchen auf dem I. Aber was soll man machen? Der Roman verortet die Geschichte in London. Wohl, um cooler zu sein. Oder marktrelevanter. Gut möglich, dass die zahlreichen fremdsprachigen Versionen des Romans auch dem Umstand geschuldet sind, britische Herkunft vorzugaukeln.

Munteres Laientheater

„Rubinrot“ illustriert sehr schön den Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Produktionen, die auf Jugendbucherfolgen basieren und sich an ein entsprechend junges Publikum richten. Die unterschiedlich hohen Budgets sind selbstverständlich, wobei „Rubinrot“ diesen Umstand zumeist umschiffen kann. Zwar gibt es keine spektakulären Actionsequenzen, aber dank des britischen Ambientes und der prächtigen Interieurs sieht der Film schon ganz gut aus. Die wenigen Effekte, die mit dem Zeitspringen zu tun haben, fallen auch nicht unangenehm auf.

Die Verfilmung des Bestsellers gibt sich aufwendig, leidet aber am durchwachsenen Schauspiel und der Verweigerung, echtes Drama in die Geschichte einfließen zu lassen.Fazit lesen

Problematischer wird es schon bei der Inszenierung von Sequenzen vergangener Zeiten. Sie haben den Mief von Laientheater. Leider wird dieser Eindruck auch durch die wechselhafte Qualität der schauspielerischen Leistungen unterstützt. Mehr als einmal hat man das Gefühl, dass auswendig gelernte Texte rezitiert, nicht aber gespielt werden.

Die Figuren wirken nicht echt. Sie reden nicht authentisch. Es gibt immer eine Barriere zwischen dem Spiel und dem Zuschauer, dem vor Augen geführt wird, dass hier eben nicht die Illusion von Realität erzeugt wird, sondern man Schauspielern bei der Arbeit zusieht.

Wie man der Konfrontation aus dem Weg geht

Mag „Rubinrot“ als Roman funktionieren, als Film zerfasert die Geschichte total. Die Figuren entwickeln sich nicht, sondern passen sich dem an, was das Drehbuch fordert. Die zarte Romanze zwischen Gwendolyn und Gideon ist behauptet, aber nie überzeugend dargeboten. Ohnehin wird der Sinneswandel der beiden so unvermittelt dargestellt, dass man das Gefühl hat, eine verbindende Szene würde hier fehlen.

Rubinrot - Deutsches Twilight ohne Vampire, aber mit Zeitreisen

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Kalkül: "Rubinrot" zielt auf das "Twilight"-Publikum.
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Problematisch ist, dass „Rubinrot“ unter Pilotfilmsyndrom leidet. Pilotfilme von Serien sind häufig gezwungen, wenig Geschichte aufzublähen, um das gesamte Ensemble vorzustellen. Das erlebt man hier auch, nur dass es ein großer Kinofilm ist, dessen Finale alles andere als umwerfend ausfällt. Es ist sogar erstaunlich klein und unscheinbar, weil die in den Raum gestellten Konflikte hier kaum hochkochen, geschweige denn beendet werden. Man wartet auf Konfrontationen, die niemals kommen.

Es ist alles nur Vorbereitung – bis hin zur Szene während des Nachspanns, in der recht plump die beiden abtrünnigen, aber eigentlich guten Zeitspringer zu sehen sind und in einer Melange bedeutungsschwangerer Banalität erklärt wird, man würde Gwendolyn und Gideon sicher bald noch öfters sehen.