„Rubber“ – der Film, der Quentin Dupieux alias Mr. Oizo im Jahr 2011 erstmals größere Aufmerksamkeit als Regisseur eingebracht hat – endete mit dem Bild eines böse beseelten Dreirads und zahlreicher Killerautorreifen auf dem Weg nach Hollywood. „Reality“ – der neue Dupieux – erzählt jetzt gewissermaßen von der Ankunft dieses Wahnsinns. Es geht um einen Kameramann, dessen Regiedebüt von tödlichen Fernsehwellen handeln soll, und es geht um seinen Produzenten, der damit einen Oscar für den besten Filmschrei gewinnen möchte. Was natürlich nur der Beginn vieler Absurditäten ist.

Reality - Official Trailer

Das große Wahrnehmungschaos

Denn eigentlich, da bleibt sich Quentin Dupieux nach sechs Filmen treu, geht es noch um deutlich mehr und zugleich um überhaupt nichts. Alles, was „Reality“ an Plot behauptet, widerlegt er im nächsten oder übernächsten Moment. Und alles, was ihm vorübergehend Struktur zu verleihen droht, wird schnell und zuverlässig wieder durcheinander geworfen. „Reine Willkür“ („no reason“) nannte der sich ans Publikum wendende Protagonist in „Rubber“ solche kreativen Entscheidungen eines Filmemachers – es gibt einigen Grund zu der Annahme, dass ihm Dupieux beipflichten würde.

Reality - Tödliche Fernsehwellen und Videos aus Innereien

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Für sein Regiedebüt soll Kameramann Jason den perfekten Filmschrei aufnehmen – und verliert sich in unterschiedlichen Realitäten.
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Vielleicht ist es also müßig, die episodische und einmal mehr von Luis Buñuels „Gespenst der Freiheit“ inspirierte Erzählung des Films aufzudröseln, genauso wie es vielleicht auch müßig ist, das gerade nicht zu tun. Längst hat sich Quentin Dupieux in seiner gern mit dem Label „absurder Humor“ etikettierten Nische gemütlich eingerichtet, obschon es immer noch einen Unterschied zwischen Willkür und Widerspenstigkeit gibt. Surrealismus, der nicht schranken- und uferlos ist, taugt sicherlich nichts. Ein Surrealismus allerdings, der beliebig und austauschbar ist, taugt noch viel weniger.

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Sei’s drum, ein paar rote Fäden gibt es hier natürlich trotzdem. Gerahmt werden die nur scheinbar üblichen Alltagsepisoden des Films durch ein Mädchen namens Reality (Kyla Kenedy), das in weggeworfenen Wildschwein-Innereien eine Videokassette findet. Gezielt undurchsichtig verschränkt ist diese – reichlich schräge – Ebene zum einen mit besagtem Kameramann Jason (Alain Chabat) sowie dem Moderator der von ihm photographierten TV-Kochshow (Jon Heder), zum anderen mit einem Mann (Eric Wareheim), der gern Frauenkleider trägt und sich von der Psychologin Alice (Élodie Bouchez) behandeln lässt.

Zwar entpuppt sich Alice im weiteren Verlauf als Jasons Ehefrau und ihr Patient als Realitys Schuldirektor, doch schaffen diese Verbindungen keinen Zusammenhang, sondern verunmöglichen ihn sogar: Während Jasons Bemühungen, einen oscarwürdigen Schrei zu finden, auf jenem Video festgehalten sind, das sich Reality ansieht, begegnen sich die Figuren zunehmend auch auf zeitlich und geographisch unwahrscheinliche Weise. Seinen Witz bezieht der Film folglich aus einem angerichteten Wahrnehmungschaos, in dem sich Träume, Film-im-Film-Ebenen und die vermeintliche Wirklichkeit überlagern.

Wieder erzählt Quentin Dupieux einen Witz ohne Pointe. Und wieder muss jeder selbst wissen, ob er darüber lachen möchte oder nicht.Fazit lesen

Zurück zum Müll

Einen Sinn hat das alles nicht. Und sollte es doch einen haben, verwendet Quentin Dupieux wieder viel Mühe darauf, ihn zu deckeln. Ganz bestimmt aber ist der „No reason“-Monolog aus „Rubber“ nicht nur reine Willkür, sondern auch reine Koketterie. Wer derart stolz die Verweigerung von Sinn behauptet, möchte einen solchen wahrscheinlich erst recht hergestellt wissen. Die Filme von Quentin Dupieux erinnern an Menschen, die man fragen soll, wie es ihnen geht, damit sie einem antworten können, dass man besser nicht fragen solle. Sie wollen viel Aufmerksamkeit, um diese Aufmerksamkeit nicht zu belohnen.

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Ein Produzent, der wahllos auf Menschen schießt – typisch absurder Humor à la Quentin Dupieux.
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„Rubber“ war der interessante (bzw. interessant gescheiterte) Versuch, die Austauschbarkeit von B-Movie-Plots aufzuzeigen und vorzuführen, nicht zuletzt durch die Art, wie er unseren filmischen Blick in die filmische Erzählung integrierte. „Reality“ erweitert diese Gedanken über sein Publikum um ein Vexierspiel der Realitäten, in dem manische Regisseure und Produzenten ihren eigenen Bilderzeugnissen auf den Leim gehen. Das Resultat ist gleichermaßen trist, weil ungenau: Wie soll ernsthaft über eine Kunst diskutiert werden, die von sich selbst behauptet, vollkommen ohne Grund zu existieren?

Man kann „Reality“ daher als kompetent gemachten Nonsens sicherlich vergnüglich finden. Doch wem die Filme von Quentin Dupieux statt absurd-komisch eher absurd-doof vorkommen, wird hier ziemlich ratlos in die Glotze schauen. Und vielleicht lässt sich darin sogar ihre eigentliche Absicht erkennen: Nachdem die kleine Reality das Videoband ein bisschen gelangweilt durchgeschaut hat, wirft sie es schlicht in jene Mülltonne zurück, aus der sie es zuvor heimlich herausfischte – beinahe so, als wisse Quentin Dupieux schon selbst ganz gut, wo seine Fantasien herkommen und schlussendlich auch hingehören.