„Warnung! Schockierender als der Vorgänger!“, steht es auf dem Cover der DVD und Blu-ray geschrieben. Schon ein erster Lacher, bevor man die Fortsetzung des Videomarkt-Schnellschusses „RAW – Der Fluch der Grete Müller“ überhaupt in den Player geschoben hat. Schockierender, und sei es nur schockierend öde, ist „RAW 2 – Das Tagebuch der Grete Müller“ tatsächlich. Insbesondere darin, den ohnehin bereits saudämlichen ersten Teil noch zu unterbieten.

Raw 2 - Das Tagebuch der Grete Müller - Trailer

„Paranormale Ereignisse!“

Für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass bisher niemand jemals von diesem Film gehört hat, handelte es sich dabei um die „deutsche Antwort auf Blair Witch Project“, wie man das eigene Projekt gleich sinnfällig selbst bewarb. Eine Antwort, die knapp 15 Jahre auf sich warten ließ. Dass das amateurhafte Wald-und-Wiesen-Gewackel 2013 überhaupt einen Vertrieb fand, ist ebenso unerklärlich wie in der Tat eine gehörige Schockwarnung auf dem Cover wert.

Raw 2 - Das Tagebuch der Grete Müller - Eine Fortsetzung, nach der niemand gefragt hat

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Annika (Annika Strauss) und Ivana (Ivana Konovic) sind sich uneinig über die Legende der Grete Müller und giften sich deshalb vorzüglich an.
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Mit ebensolchen Warnungen (wir sehen „reale Aufnahmen!“, „paranormale Ereignisse!“, „Originalbänder!“) beginnt dann auch die Fortsetzung des „unheimlichen“ ersten Versuches, der Titel gebenden Hexe auf den Grund zu gehen. Dem „Fluch der Grete Müller“ (kann man das eigentlich aussprechen, ohne lachen zu müssen?) wird das rätselhafte Verschwinden einiger Menschen zugeschrieben, ihr Sohn, ein teufelsgleiches Monster, soll noch heute in irgendwelchen deutschen Wäldern sein Unwesen treiben.

Von den drei „Dokumentarfilmemacherinnen“, die jene Legende im ersten Teil auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen wollten, scheint nun lediglich Ivana (Ivana Konovic) das hysterische Kamerageruckel überlebt zu haben. Sie ist nach besagten Ereignissen zwar genauso ratlos wie der Zuschauer (denn zu sehen gab es da selbstverständlich nichts), glaubt aber fest an die Existenz einer übernatürlichen Macht.

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Trotzdem latschen beide mit einem superdrolligen Fernsehteam zum Ort des Geschehens, um noch einmal die Teufelsfratze herauszufordern.
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Aus diesem Grund führt sie nun ein Video-Blog, um kommende Attraktionen mit der Welt zu teilen (Danke dafür!). Ihre in der Wohnung installierten Kameras sollen jedweden nächtlichen Schrecken aufzeichnen, was der Fortsetzung natürlich ausreichend Gelegenheit gibt, „Paranormal Activity“ nachzuspielen. Und tatsächlich: Erst wehen die Vorhänge, dann kommt die vage Teufelsfratze ins Bild. Grete Müller is back for more.

Liebloser Schwachsinn

Ein Fernsehteam wird auf Ivanas supergruseliges Blog aufmerksam und möchte eine Dokumentation über die Dokumentation der Dokumentationsüberlebenden drehen. „Legend Busters“ heißt die Show der TV-Nasen, deren Equipment und Moderationsfähigkeiten noch unterhalb des Niveaus offener Kanäle liegen. Ivana aber ist das egal, sie zeigt sich ebenso kooperationsbereit wie Nachwuchsschauspielerin Annika Strauss.

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Überraschenderweise entpuppt sich der Ausflug als Horrortrip, bei dem zufällig alles genauso gefilmt ist wie im „Blair Witch Project“.
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Annika, die Ivanas Found-Footage-Doku (gemeint ist „RAW 1“) wohl ziemlich idiotisch fand (und damit natürlich sofort die sympathischste Figur dieser Film-im-Film-Fortsetzung ist), soll eine Art Gegenposition zur abergläubigen Hexenbeschwörerin einnehmen. Gemeinsam fährt die Dilettanten-Bagage nun zum Ort des Geschehens, damit auch der zweite Film das „Blair Witch Project“ noch einmal exakt genauso bemühen kann wie der Vorgänger.

Die Analogien – beziehungsweise hilflos plagiierten Money Shots – zum Begründer der leider so schrecklich verzichtbaren Do-it-yourself-Ästhetik reichen von haargenau kopierten Einstellungen (Rotznase) bis zu bequemen Wegstationen der Handlung (verlassenes Haus im Wald). „RAW 2 – Das Tagebuch der Grete Müller“ ist nicht mehr nur die teutonische Variante des „Blair Witch Project“, sondern dessen inoffizielles Remake. Ein Film von ganz besonderer Dringlichkeit.

Raw 2 - Das Tagebuch der Grete Müller - Eine Fortsetzung, nach der niemand gefragt hat

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Huch, sind ihr etwa Hörner gewachsen? Der Fluch der Grete Müller kennt keine Gnade, nur von besagtem Tagebuch fehlt im gesamten Film jede Spur.
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Was diesen unglaublichen lieblosen Schwachsinn letztlich vom ambitionierten Fanprojekt oder auch einer eventuell begeisterten Amateurhommage trennt, ist dessen ausschließliches Interesse an sich selbst. Das ist kein Fan-, sondern ein Privatfilm. Nichts, das einem über Freunde und Bekannte des in ultranerdigen Gorebauer-Zirkeln operierenden Regisseurs Marcel Walz („Seed 2“) hinausgehenden Publikum irgendetwas zu vermitteln hat. Wenn überhaupt.

Reissack – The Movie. Noch unfilmischer als der Vorgänger. In jeder Hinsicht irrelevant. Und letztlich auch ein Amateurprodukt, das sein Publikum verachtet.Fazit lesen

Die zahllosen Insider – offenbar „Scream“ entlehnt, den Walz im Bonusmaterial als Lieblingsfilm preist – stellen eine Beschäftigung mit sich selbst aus, in der sich einzig Ignoranz gegenüber dem Zuschauer abbildet. So lässt „RAW 2 – Das Tagebuch der Grete Müller“ (vom Tagebuch fehlt übrigens jede Spur) seine Figuren munter über andere (selbstredend unbekannte) Filme des Regisseurs palavern („Kennst du schon „La Petite Mort“? Ganz toll!“) und übt sich in vollständig irrelevanter Selbstreferenzialität.