Als „Rampage“ im Jahr 2009 erschien, da wollte Uwe Boll im Grunde nur zeigen, wie ein Amoklauf aussehen kann, wenn der Täter extreme Planung in seine Tat einfließen lässt. Fünf Jahre später bringt er die Hauptfigur aus diesem Film zurück, diesmal jedoch mit einer politischen Agenda. In „Rampage 2“ geht es um Bolls Lieblingsthemen, um den kommenden Konflikt zwischen Reich und Arm, um die 99 Prozent, die sich gegen das eine Prozent erheben. Es ist seine eigene Wohlfühlzone, in der er sich hier ausbreitet, eine bequeme Botschaft, die er sich paradoxerweise erlauben kann, weil er das ist, was seine Hauptfigur verabscheut und bekämpft.

Rampage - Capital Punishment - Official Trailer

Bill Williamson (Brendan Fletcher) war nach dem Massaker mit mehr als 100 Toten lange verschwunden. Nun ist er zurück und brütet einen neuen Plan aus, der abermals Dutzende Menschen das Leben kostet. Er tötet mehrere Menschen auf der Straße, bevor er einen Fernsehsender stürmt, auch dort um sich schießt, dann aber einige Menschen, darunter den Nachrichtensprecher Chip (Lochlyn Munro), als Geiseln nimmt.

Bill will der Welt seine Botschaft mitteilen, wofür er Chip braucht. Er weiß, dass niemand auf ihn hören würde, aber nun, als Mörder, wird er für alle interessant. Jeder wird zuhören, was er über den Zustand des Landes, aber auch der Welt zu sagen hat. Es ist Bills ganz große Show, die Abrechnung mit dem System, sein glorreicher letzter Kampf, der die Menschen inspirieren soll, es ihm nachzutun. „Ihr müsst die Reichen töten“, fordert Bill alle auf, während seine Opfer alles andere als reich sind…

Rampage - Capital Punishment - Uwe Boll und der Kapitalismus: „Ihr müsst die Reichen töten!“

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 8/101/10
Der Amoklauf geht am 26.09.2014 weiter.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Recht oder Unrecht?

Der Kerl hat Recht“, sagt Boll selbst. Er spielt den Produzenten des Senders, der die DVD mit Bill Williamsons Botschaft über den Äther schickt. Aber nur, weil jemand Recht hat, macht ihn das nicht weniger verrückt. Denn nichts anderes als das ist die Hauptfigur von „Rampage 2“, die gegen den Kapitalismus, gegen den Überwachungsstaat, gegen die Neocons, gegen Lobbyismus, gegen die Ausbeutung, gegen die Verdummung des kleinen Mannes wettert. Und ja, in manchem hat er Recht, aber Boll, der auch das Drehbuch geschrieben hat, übertreibt es.

Er steigert sich – und seine Hauptfigur – in eine wilde Tirade hinein, in der nicht nur Julian Assange und Edward Snowden zu Propheten eines neuen Jahrtausends hochstilisiert werden, sondern jede Verschwörungstheorie unter Gottes weiter Erde gleich mitvermengt wird. Das schwächt die Botschaft, weil die wahren Elemente im Wahnsinn versickern, von ihm richtiggehend überdeckt werden.

Packshot zu Rampage - Capital PunishmentRampage - Capital Punishment

Es mag Bolls Intention gewesen sein, dass man als Zuschauer Bill zustimmen soll, dann aber von seinen Gewalttaten entsetzt ist. Doch das funktioniert nicht, zeigt er seine Hauptfigur doch zugleich als jemanden, der arme Normalos erschießt, ja, teils sogar in sadistischer Freude mit ihnen spielt, bevor er sie tötet. Bill Williamson hat ein Motiv, aber auch nur eines, mit dem er die Taten vor sich selbst rechtfertigt. Im Grunde braucht er keines, er tötet, weil es ihm Spaß macht.

Rampage - Capital Punishment - Uwe Boll und der Kapitalismus: „Ihr müsst die Reichen töten!“

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 8/101/10
Uwe Boll übertreibt es diesmal zu sehr.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Unangenehme Identifikationsfigur

Genau das macht „Rampage 2“ aber zum unangenehmen Film, bei dem nie klar ist, was er eigentlich will. Als Anklage dessen, was in dieser Welt schief läuft, funktioniert er nur bedingt, weil der Ankläger nun auch nicht gerade ein Leuchtfeuer der Moral ist, um es vorsichtig auszudrücken. Kurz gesagt: Bill Williamson nimmt man den gerechten Furor nicht ab, während beispielsweise Dominic Purcells Figur in „Assault on Wall Street“ nachvollziehbarer in Motivation und Handlung war.

An Fletcher liegt das nicht. Er spielt die Figur mit bemerkenswerter Präsenz. Als Bill ist er von dem überzeugt, was er sagt, weil er sich selbst nicht eingestehen kann, dass es ihm nicht um eine Veränderung der Gesellschaft geht. Vielmehr ist er ein Agent des Chaos, wie gerade die letzte Szene mit dem kleinen Mädchen sehr gut illustriert.

Amoklauf mit kruder sozialkritischer Botschaft. Satire? Naja, dafür ist der Film dann doch etwas zu grobschlächtig.Fazit lesen

Das funktioniert dann auch deutlich besser als die Tirade gegen Gott und die Welt, die vielleicht mehr Wirkung gehabt hätte, wenn sie etwas subtiler gestaltet worden wäre. Aber Boll holt hier den Holzhammer raus und schlägt gnadenlos zu.