„R100“ ist der mainstreamigste Film, den Regisseur Hitoshi Matsumoto bisher gedreht hat – was eine dezitiert relative Aussage ist, wenn man sich die Filmographie des Mannes betrachtet: „Der große Japaner", "Symbol“, „Saya Zamurai“... und jetzt eine bizarre Komödie über einen mausgrauen Möbelverkäufer, der der japanischen Version eines „Fight Club“ beitritt und daraufhin von strammen Dominas nach Strich und Faden vermöbelt wird. Wenn schon nicht positive Gefühle möglich sind, aufgrund trister Lebensumstände, dann zumindest überhaupt Gefühle.

R100 - Jap. Trailer mit dt. Untertiteln

Frei ab 100

Purer Mainstream also, ein echter Kinofüller - und gleichzeitig so wirr, drastisch und sperrig, dass Matsumoto immer wieder entgeisterte Zensurschergen auftreten lässt, die dem Film überhaupt nichts abgewinnen können. Der Titel „R100“ bezieht sich auf das japanische Freigabesystem und besagt, dass man dieses Werk eigentlich nur Personen über 100 zeigen sollte. Passend dazu wird auch der „Regisseur“ ins Bild gerückt, selbstverständlich ein zauseliger Greis mit langem, weißem Bart.

R100 - Manchmal haben Männer ein kleines bisschen Haue gern

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Die erste Regel des Bondage-Clubs: Hiebe gibt es überall.
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Voll meta, keine Frage, und gleichzeitig eine wahre Wundertüte surreal anmutender Komik, der eine fast schon schwarzweiße Bilder hervorrufende tragische Dramatik zugrunde liegt. Jener mausgraue Möbelverkäufer, gespielt von Nao Ômori, führt nämlich ein freudloses Leben, mit einer Frau, die im Koma liegt, und einem ereignislosen Alltag voller Arbeit und Langeweile. Irgendwas muss einfach passieren, und sei es nur ein mysteriöser Club namens „Bondage“, der ein Jahr spontane Dresche verspricht.

Will heißen: Jederzeit, an jedem Ort kann ein Bondage-Mitglied auf eine der „Queens“ des Clubs treffen. Gleich am Anfang gibt es Hiebe in einem Cafe, eine der besten Szenen spielt in einem Restaurant, wo eine Leder-Amazone per Faust Sushis platt macht, und auch in den heimischen vier Wänden besteht die Gefahr blauer Flecken. Oder einfach nur eines massiven Spuckangriffs, ausgeführt von der drallen „Saliva Queen“. Glück ist, wenn man überhaupt spürt, dass man am Leben ist.

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Die Belegschaft des Bondage-Clubs.
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Sensorisches Grinsen

Und Glück verspürt der arme Möbelverkäufer zunächst wirklich. Nach einer Attacke verwandelt sich sein Gesicht in eine geglättete, grinsende CGI-Maske, von der wellengleiche Emotionen abgesondert werden. Für einen Moment sind die Zwänge des Alltags vergessen, für einen Moment ist die geordnete Welt verschoben. „R100“ zeigt die Angriffe mit einer trockenen Gelassenheit, die ihre Komik aus dem Gegensatz zwischen einer völlig durchschnittlichen Umgebung und den resoluten Bondage-Damen erzeugt – die ihrerseits ebenfalls eine gesunde Mischung aus bizarr und gestrenger Bedrohung absondern.

Egal ob es die „Violence Queen“ ist, die „Destructive Queen“ oder die „Whip Queen“; sie erwecken die Lebensgeister - auch des Films. Irgendwann jedoch wird dem Möbelverkäufer das Vorgehen der Damen zu rabiat und es kommt zu einer folgenschweren Auseinandersetzung, nach der das „Spiel“ plötzlich Ernst wird. Und damit das Geschehen in eine Richtung lenkt, die tatsächlich mainstreamige Züge annimmt und der bisher offenen Leichtfüßigkeit relativ strenge Zügel anlegt. Der Möbelverkäufer will aus dem Vertrag austeigen, was Bondage mit aller Macht verhindern möchte.

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Geglättete Exstase bei einem Möbelverkäufer
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Berechenbare Eskalation

Die Folge: Ein dramatischer Eskalationskampf zwischen David und Goliath, denn Bondage entpuppt sich als weltweite Schattenorganisation und lässt schließlich sogar ihre Chefin einfliegen, eine hünenhafte Matrone (Lindsay Hayward), irgendwo verortet zwischen James-Bond-Bösewichtin, „Walhalla“-Amazone und Nazi-Schergin. Begleitet von majestätischen Beethoven-Klängen wandelt sich „R100“ immer mehr zu einer kruden Action-Parodie, die aufgrund der Ereignisse davor gerade noch durchgehen kann, doch nur für sich genommen Matsumoto das erste Mal in seiner Karriere hohle Lautstärke produzieren lässt.

Vergleicht man „R100“ mit „Symbol“, seinem wohl besten Film, der frei von allen strukturellen Zwängen eine Galavorstellung absurden Humors vollbringt, ist hier eine gewisse Hilflosigkeit zu beobachten, die eingangs noch frischen Ideen auf irgendeine Weise in einen erzählerischen Bogen zu klopfen.

Matsumoto kämpft in gewisser Weise mit sich selbst, mit seiner absolut originären Handschrift, und sollte das mit einer „richtigen“ Handlung vielleicht einfach besser bleiben lassen. All die kruden Missverständnisse, die man diesem zutiefst japanischen Film im besten Fall entgegenbringen kann, münden letztendlich in etwas, das man hier nie erwarten wollte: Berechenbarkeit.