Da ist er also: Hollywoods Versuch, die Welten der J. K. Rowling auf eigenen Beinen stehen zu lassen. Fast gänzlich ohne jene Träger, die Harry Potters Geschichte zu dem Erfolg geführt haben, der heute unabstreitbar ist. „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ will beweisen, dass das geheime Reich der Magier und Hexen genauso interessant und voller Wunder ist, wie die Abenteuer des berühmten Zauberlehrlings selbst. Was der Film aber wirklich zeigt, ist eine schwer zu ignorierende Feigheit.

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Anlaufschwierigkeiten

In den ersten dreißig bis fünfundvierzig Minuten kann man sich schon etwas verloren vorkommen. Hier baut sich das erste Mal die Überzeugung auf, dass es doch von immensen Vorteil war, die Welt durch die Augen des jungen Harry Potter zu entdecken. Was ihm erklärt wurde, wurde uns verständlich und was er voller Wunder bestaunen durfte, stellte auch für uns eine Jungfernfahrt dar. Man entdeckte die erstaunliche Welt gemeinsam.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind - Harry-Potter-Armut

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Newt ist kein Harry, es dauert eine Zeitlang, bis man sich an den kruden Kauz gewöhnt hat.
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Nun werdet ihr ins kalte Wasser geworfen. Ohne großartige Anmerkungen oder Erklärungen. Die Produzenten wollen sichtlich die Fans der originalen Reihe abholen, nicht aber weitere Anhänger zum Universum hinzugewinnen. Als Nebeneffekt ist das wahrscheinlich trotzdem gerne gesehen, aber nicht Punkt der Dinge. Mit kindlichen Augen sollen wir uns freuen, wenn bekannte Namen genannt, Zauber gewirkt und die Wunder der Magie bildlich dargestellt werden.

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Ein Umstand, der einigen schwer zu schaffen macht. Denn in der Anfangszeit bietet dieser Film kaum spannende Unterhaltung. Die Schauspieler köcheln allesamt auf Sparflamme und mit der Hauptfigur, Newt Scamander (Eddie Redmayne), kann man sich nur äußerst schwer verbunden fühlen. Er ist sozial inkompetent, grinst dümmlich in den unpassendsten Momenten und löst immer mal wieder das Gefühl des Fremdschämens aus.

Bei den Co-Stars und Nebendarstellern sieht es kaum besser aus, eher noch schlimmer. Hölzerne Mienen stolpern von Szene zu Szene und lassen nur im Ansatz erkennen, welche Daseinsberechtigung sie in diesem Film haben. Die Ausnahme von der Regel heißt hier Colin Farrell, der zwar zu Beginn eher nichts bis gar nichts zu tun hat, aber eine Figur verkörpert, die weit interessanter scheint als alle anderen zusammen. Und diese auch noch hervorragend spielt.

Nett anzusehende CGI-Wesen und warum wir eine Fortsetzung brauchen. Unterhaltsam, mehr aber auch nicht.Fazit lesen

Schlimmer jedoch ist, dass „Phantastische Tierwesen“ aus jeder Pore Schleim absondert, der „Fortsetzung“ zu schreien scheint. Ein eigener, roter Faden lässt sich nur schwer ausmachen und wie die lustlosen Darsteller dümpelt auch die Geschichte vor sich hin, ohne echtes Ziel vor Augen. Man wird unterhalten, keine Frage. Vor allem visuell. Aber worauf das ganze hinausläuft, vermag man nicht zu sagen. Ob es überhaupt ein Ziel gibt, lässt sich nur erraten.

Was lange währt …

Nach dem zähen Beginn taut der Film dann etwas auf. Die Figur des Protagonisten bekommt etwas Farbe und Redmayne schafft es, anfängliche Unsicherheiten zu überwinden und seinen Charakter verständlicher und dadurch auch interessanter zu gestalten. Es wird langsam möglich, sich mit der Figur zu identifizieren. Zumindest ansatzweise. Andere Personen dieses Universums werden zumindest akzeptabel.

Ganz im Gegenteil zu Farrell, der mit steigender Screentime das Ruder an sich reißt und im Mittelpunkt des Films zu stehen scheint. Er hatte sichtlich Spaß an seiner Rolle und lebt diesen auch voll aus. Im Hinblick auf eine Schlüsselszene im Finale kann man sagen, seine Leistung war beinahe schon hervorragend. Trotzdem ist es schade, dass so viel Talent kaum etwas daran ändern kann, wie bedeutungslos die anderen Figuren sind. Und wie austauschbar.

Wenigstens klärt sich mit der Zeit der Plot des Films und wird etwas glatter und greifbarer. „Phantastische Tierwesen“ findet allmählich seine Richtung und arbeitet auf ein zu erwartendes Ziel hin. Ab diesem Zeitpunkt ist das Werk durchaus nett anzuschauen und bietet gute Popcornunterhaltung. Mehr ist jedoch bis zum Schluss nicht drin – ein schönes Magie-Feuerwerk hier, ein paar Lacher dort. Auf der Spitze, wie die Kirsche auf der Sahne, der Hinweis auf vier weitere Teile dieser Reihe.

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Visuell ein Brett, inhaltlich eher weniger. Hoffentlich können die Fortsetzungen diese Lücke schließen.
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Visuell?

Wenn das die Frage ist, dürfte „beeindruckend“ die Antwort sein. Rein vom optischen Aspekt aus betrachtet hat der Film eine Menge zu bieten. Man muss natürlich, wie fast bei jedem Film dieser Machart, die eine oder auch andere Szene ignorieren können, die stark nach Greenscreen zu schreien scheint. Und unter Umständen auch das eine oder andere Tierwesen, das sich nicht so recht in seine Umgebung einfügen will.

Davon jedoch abgesehen ist diese Geschichte in bewegten Bildern ein kleiner Augenschmaus, regelrecht imposant. Das gilt nicht nur für das offensichtlich Gezeigte, sondern auch für den Schnitt und die Kameraarbeit. In diesen Punkten kann ich die Brechstange wieder weglegen, denn ich finde keine Punkte, um das gute Stück anzusetzen und mit negativer Kritik um mich zu werfen.

Das gleiche gilt für die musikalische Untermalung, die der Originalreihe alle Ehre macht und sich stets perfekt mit dem verbindet, was ihr im Kino zu sehen bekommt. Technisch ist dieses Werk absolut hervorragend. Paradox. Fast immer ist es genau andersrum.