Mit Brian De Palma ist nicht mehr viel los. Aus Hollywood hat er sich längst verabschiedet, sein letzter Film, das Kriegsdrama „Redacted“, blieb 2007 weitgehend unbeachtet. Jetzt hat De Palma wieder einen Thriller gedreht, an Originalschauplätzen in Berlin. Die deutsch-französische Koproduktion knüpft an die schmuddelig-eleganten Pulp-Melodramen seiner Hochphase an, nur echt mit schwarzen Handschuhen, funkelnden Messern und seidenen Strapsen.

Passion - Deutscher Trailer

Die Waffen der Frauen

„Passion“ ruft erwartungsgemäß vielfach frühere De-Palma-Filme in Erinnerung, von „Schwestern des Bösen“ über „Dressed to Kill“ bis hin zu „Mein Bruder Kain“. Im Kontext seines Schaffenswerkes gleicht er hingegen eher „Femme Fatale“, der geglätteten, um atmosphärische Bruchstellen bereinigten High-End-Version seiner bevorzugten Motivgebilde. So vereint „Passion“ abermals die stilistischen Erkennungszeichen des Regisseurs, präsentiert sie aber in einem fast aseptischen, klinisch-kühlen Vakuum.

Wesentlicher Handlungsort ist folglich eine Werbeagentur, deren harte gläserne Architektur immerhin einen weiten Panorama-Blick über Berlin ermöglicht, die aber vorrangig als Schauplatz intriganter Machtspiele um Karrierechancen und gegenseitige Ausbeutung dient. Christine (Rachel McAdams) missbraucht die Ideen ihrer Untergebenen Isabelle (Noomi Rapace) zugunsten des eigenen Aufstiegs in der Firma, während beide eine Affäre mit Kollege Dirk (Paul Anderson) eingehen.

Das Psychokarussell der Business-Frauen gewinnt zusätzlich an Schwung, als Isabelle im Ringen um erotische Anziehung und beruflichen Erfolg allmählich selbst die Initiative ergreift. Schließlich gerinnt der Machtzirkus zu einer Art Dreiecksgeschichte weiblicher Lust, in dem Mitarbeiterin Dani (Karoline Herfurth) mehr und mehr eine entscheidende Rolle spielt. Und dann geschieht er endlich, zwei Drittel mussten verstreichen: der giallo-eske Mord in De-Palma-typischem Split-Screen.

Passion - Noomi Rapace und Rachel McAdams beim Knutschen: Reicht das für einen Erotik-Thriller?

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Spiel um Macht und Anziehungskraft: Christine verführt Isabelle.
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Nach einer Stunde vulgärpsychologischem Zickenkrieg also die Frage, wer denn nun das Messer wetzte. Wenn das leidlich betörende Kräftemessen der beiden Protagonistinnen in die Wirren des Whodunit-Thrillers umschlägt, gewinnt der bis dato fast ausschließlich in schmucklosen Büro- oder Designerwohnräumen verortete „Passion“ zumindest inhaltlich an Fahrt. Ein seichtes, aber stets kontrolliertes und überschaubares Spiel um Realitätsebenen gipfelt dann im kurzen Schlussakt, der ein mickriges Best-of-Gebräu der Regisseurs-Insignien aufkocht.

De Palma, dessen Karriere Filme unterschiedlichster Produktionsverhältnisse, Größenordnungen und Genres umfasst, schien immer am reizvollsten, wenn er klassische Genreplots mit spielerischem Einfallsreichtum und diversen Verrücktheiten anreicherte. Viele Jahre als Hitchcock-Epigone gebrandmarkt, beschworen seine unbekümmert sleazigen Arbeiten vor allem jene Obszönitäten, die beim großen Vorbild stets im Verborgenen blieben. „Schwarzer Engel“ als Groschenheftausgabe von „Vertigo“, „Dressed to Kill“ als ordinär-schmierige „Psycho“-Variante.

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Rachel McAdams in Strapsen

Der detailfreudige Schmutz und Schmuddel, der bunte Irrsinn wie auch die großzügig zur Schau gestellten formalen Geschicklichkeiten De Palmas bildeten so eine Formsprache, deren Merkmale inspirierten Abkupferns nach und nach ein Eigenleben gewannen. Dieses wiederum, so legen „Femme Fatale“ und jetzt auch „Passion“ nahe, bemüht der Regisseur nunmehr selbst als Quell eigener Motive, die nur noch wie Überbleibsel einer einst lustvoll zusammenplagiierten Genre-Ikonographie anmuten.

Ein bisschen Geknutsche zwischen Rachel McAdams und Noomi Rapace entschädigt leider nicht für diese Sparausgabe früherer Brian-De-Palma-Thriller.Fazit lesen

So versteht es De Palma zwar, sich die Vorlage anzueignen („Passion“ ist ein Remake des französischen Thrillers „Liebe und Intrigen“ von Alain Corneau), etwa die dort lediglich zaghaften erotischen Spannungen in erwartungsgemäß grobe, plakative Sexbilder zu übertragen, arbeitet aber auf einem deutlich zurückgefahrenen Level. Der Film ist nicht halb so elegant wie er offenbar gedacht war, sondern ausgesucht unvirtuos photographiert und mit erkennbar heruntergeschraubtem Budget produziert.

Die Wahrzeichen des Regisseurs schlängeln sich ungelenk durch einen hanebüchenen Fernsehkrimi-Plot, der lediglich oberflächlich die Gefühlskälte seines Milieus mit bildlichen und symbolischen Motiven von Maskenhaftigkeit und Doppelgänger verbindet. Geradezu verpeilt wirken da die Erinnerungsstücke an frühere Arbeiten, die ideenlos eingesetzte subjektive Kamera, die fahrplanmäßige Duschszene, die obligatorische Split-Diopter-Einstellung, die trügerischen Spiegelbilder. Und natürlich Rachel McAdams in Strapsen.

Passion - Noomi Rapace und Rachel McAdams beim Knutschen: Reicht das für einen Erotik-Thriller?

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Karoline Herfurth (rechts) treibt mit „Passion“ ihre internationale Karriere voran.
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Ulkig hingegen Momente verkalkter Grandezza, etwa wenn De Palmas famoses Gespür für „neue Medien“ innerhalb der Handlung (ein YouTube-Clip der Werbeagentur soll angeblich binnen weniger Stunden 10 Millionen Aufrufe erhalten haben!) beim Publikum schallendes Gelächter provoziert. Nicht weniger unfreiwillig komisch nimmt sich die Schauspielführung aus: Rapace und McAdams werden hoffnungslos ihrer darstellerischen Defizite überführt, während Herfurth sich in der Originalfassung sichtbar unwohl fühlt, Englisch sprechen und dabei auch noch spielen zu müssen.

Den Dreh- und Handlungsort Berlin nutzt De Palma wenig bis gar nicht, er verbleibt als Hintergrund geläufiger Motive (Bode-Museum, Potsdamer Platz) wie eine dem Regisseur merklich fremde Kulisse. In Nebenrollen rücken Rainer Bock und „Tatort“-Kommissar Dominic Raacke den drögen Erotik-Thriller dann zeitweise gar in die Nähe gepflegter ARD-Vorabendunterhaltung – und so brav, seicht und zäh wie der leider herzlich wenig leidenschaftliche „Passion“ sich präsentiert, fällt das sogar nicht einmal mehr ins Gewicht.